Der Genter Komponist Frank Nuyts schrieb Different from Habit vor zwanzig Jahren: gut im Gehör liegende, teilweise swingend Musik. Keine schwierige zeitgenössische Komposition, durch die das Konzertpublikum manchmal abgeschreckt wird. Konzersaal de Bijloke sitzt voll besetzt, auch auf den Chorbänken hinter dem Orchester sitzen Zuschauer.
Die russisch-deutsche Geigerin Alina Pogostkina war kaum siebzehn, als sie 2001 vierte beim Elisabethwettbewerb wurde. Danach gewann sie 2005 mit dem Violinkonzert von Sibelius den Sibeliuswettbewerb, worauf ihre internationale Karriere einen großen Aufschwung nahm. Sie spielte es so oft, dass sie nach Jahren etwas bremsen wollte. Jetzt spielt sie es noch einige Male pro Jahr. Sie ist also mit diesem Konzert verwachsen, einem der bekanntesten Violinkonzerte des Repertoires.
Bis auf ein Detail spielt sie es makellos. Oft wird es zu dramatisch gespielt, besonders die ersten Noten. Diese spielt sie ohne Vibrato, als eine dünne, eisige Melodie in einer Winterlandschaft. Beeindruckend und gewagt, wie Anne-Sophie Mutter das auch schon tat, in einer berühmten Aufnahme von 1996. Das Konzert, besonders der letzte Satz, ist eine Hexerei. Pogostkina spielt wunderbar, aber hat sie damit alle Herzen erobert? Bin ich zu streng, wenn mir Charisma fehlte, die Aura der großen Solistin? Besonders in einem Konzert wie dem von Sibelius, in dem man als Solist gegen das Orchester ankämpfen muss, ist das Volumen des Violinklangs wichtig, besonders in einem Saal wie De Bijloke.
Nach der Pause steht die Vierte Symphonie von Carl Nielsen auf dem Programm. Ein Werk voller Kontraste, wobei Nielsen sich von der unzerstörbaren Natur inspirieren ließ. Nielsen ist ein Romantiker, der als Dänemarks Nationalkomponist gilt. Liebliche Melodien werden abgewechselt mit drohenden Bläsern. Virtuose Streicher mit verträumten Passagen in den Holzbläsern. Die „Unauslöschliche" betitelte Nielsen diese Symphonie.
Unauslöschlich, unverwischbar, stürmisch klangen besonders die Pauken im letzten Satz. Ein Duell zwischen den Timpani, erzählte die Dirigentin Kristiina Poska dem Publikum im Voraus. Als wären sie Gegner stehen die beiden Schlagzeuger auch auseinander aufgestellt, der eine links und der andere rechts über dem Orchester thronend. Besonders der junge Mann rechts schlägt wild drauf los. Direkt hinter ihm sitzt das Publikum auf den Chorbänken. Nach ihren Gesichtern zu urteilen werden einige Damen durch die Paukenschläge aufgeschreckt, als würde es in Kopenhagen donnern.
In der Galerie der großen romantischen Komponisten hat Nielsen einen bescheidenen Platz. Du hörst allerlei Einflüsse in seinem Werk, aber einen eigenen Stempel hat er der Musikgeschichte nicht aufgedrückt, außer auf die seines kleinen Landes. Es ist daher die Frage, ob diese unauslöschliche oder unverwischbare Symphonie einen unverwischbaren Eindruck auf das Publikum gemacht hat, außer für die Damen auf den Chorbänken hinter dem Paukisten.
WER: Alina Pogostkina [Violine], Symfonieorkest Vlaanderen u.l.v. Kristiina Poska WAS: NOORDERLICHT WO: De Bijloke (Gent) WANN: Freitag, 17. November 2023