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Rezensionen

Allons enfants de la Belgique

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· 6 Min. Lesezeit
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Allons enfants de la Belgique

Es ist Sommer, und das bedeutet Zeit für das Festival Midis-Minimes. Am Freitag erklingt in der Konzertsaal des Brüsseler Konservatoriums üblicherweise Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Während sich Belgien und Frankreich auf dem Fußballplatz noch gegeneinander stritten, standen sie an diesem Nachmittag brüderlich Seite an Seite. Das Trio Khaldei, selbst franco-belge von Herkunft, trat als entschlossener Versöhner auf.

Die Kombination bekannter und weniger bekannter Werke ist ein Leitmotiv in der Programmgestaltung des Trio Khaldei. Das betonten sowohl Pianistin Barbara Baltussen als auch Violinist Pieter Jansen in diesem Interview, das im letzten Jahr auf der Website von Klassiek Centraal veröffentlicht wurde. Keine leeren Worte, wie sich auch während des Konzerts zeigte, das das Klaviertrio gestern im Rahmen des Festival Midis-Minimes gab. Ein gut gefüllter Konzertsaal des Königlichen Konservatoriums Brüssel bekam zunächst das Trio, opus 5 des Antwerpener Frits Celis vorgestellt, um sich dann auf „eines der innovativsten und farbenreichsten Werke des Kammermusikerepertoires" zu freuen. In jedem Fall eine kühne Aussage der Festivalorganisation, aber durchaus zurecht: das einzige Klaviertrio von Ravel (1914), in aller Eile fertiggestellt, bevor er sich dem Militär anschloss, ist tatsächlich eine der absoluten Perlen aus dem vergangenen Jahrhundert. Mehr noch als durch die geniale Struktur sollte dieser vielseitige viersätzige Satz einen erfrischend neuen Wind in das Genre bringen. „Il n'y en a pas beaucoup dans la musique qui lui puissent être comparé", schrieb Jean Marnold (1859-1935) ein Jahr nach der Veröffentlichung. Und der musicographe fuhr fort: „Nul pathos, nul intellectualisme abstrait dans cette musique pure, dont Mozart n'a pas dépassé la spontanée maîtrise, l'aisance ni le souffle ailé." Obwohl bei diesem umfangreichen Lob auch gewisser Chauvinismus mitklang, ist dieses für die Maßstäbe des französischen Komponisten umfangreiche Werk eine unvergleichliche Leistung.

Eindringlich / unwirklich

Aber dem Trio Khaldei ist es sehr wichtig, auch belgisches Repertoire zu spielen. Und so ließ das Ensemble Ravel erst einmal warten, während auf den Pulten ein viel seltener gehörtes Stück von Frits Celis erschien. Sein opus 5 schrieb Celis als junger Mann Ende Zwanzig 1958 und es gehört zu einer feinen Auswahl früher Werke. Seine Tätigkeiten als Lehrer, Musikdirektor und vor allem (Opern)dirigent sorgten dafür, dass das Komponieren lange Zeit in den Hintergrund trat. „Ich bin als echter Romantiker begonnen", blickte der Tonsetzer 1994 im Magazin Muziek & Woord zurück. „Meine ersten Kompositionen folgten den festen Formen und Genres der vorigen Jahrhunderte und klangen rein tonal." Nach den heutigen Aufführenden besitzt das einsätzige Klaviertrio eine starke rhythmische Triebkraft und klares Gespür für Struktur, aber vor allem auch eine wunderbare, erweiterte Farbpalette. Genau das sorgt für eine gelungene Verbindung mit Ravels Werk. Das Trio Khaldei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem großen Befürworter dieser Musik entwickelt und gab erneut eine sehr fesselnde Interpretation. Die Studierrunde, in der das Hauptthema präsentiert wurde, wich bald einer eindringlichen Intensität, die sich nie wirklich legte, auch wenn mit viel Bedacht mehrmals von einem feinen piano zu einem energischen forte und zurück gewechselt wurde. Auch beim Timing wurde ein minutiöses Spiel gespielt. Die Puzzlestücke fügten sich dadurch schön zusammen oder sorgten für besonders reiche Klangverbindungen. Der feurige Schluss war in diesem Sinne exemplarisch. Nach dem Konzert höre ich von Barbara Baltussen, dass es schon eine Weile her war, dass das Trio diese Musik zuletzt aufgeführt hatte. Und ja, die Lust, dies zu spielen, war definitiv zu hören.

Sie können Celis und das Trio Khaldei unter dieser Rezension gerne anhören, während Sie über die bleibenden Leistungen des Trios in Ravel lesen. Denn auch dort leistete das Ensemble hervorragende Arbeit. Subtilität am Klavier während des träumerischen Anfangs des Eröffnungssatzes (Modéré) wurde von zwei Männern beantwortet, die sich ebenfalls von ihrer sanftesten Seite zeigten. In der verhaltenen und durchgehend nachdenklichen Fortsetzung klang gleichzeitig auch spontane Selbstsicherheit durch. Und die Artikulation war in jedem Part klar und treffend. Geradezu atemberaubend war vor allem die Art und Weise, wie die Musik verklang. So sehr, dass sich die Frage aufdrängten: Habe ich jemals schon ein raffinierte smorzando gehört? Zeit zum Nachdenken blieb jedoch nicht. Denn da kündigte sich schon das flinke Scherzo an. Pantoum, wie Ravel den zweiten Teil betitelte, ist eine malaiische Gedichtform, die hier eine besonders gelungene, aber auch äußerst anspruchsvolle musikalische Umsetzung erhielt. Aber sowohl die komplexe Klavierpartie als auch die verschiedenen Strichtechniken erwiesen sich für das Trio Khaldei nur als Sprungbrett zu einer dynamischen Interpretation, die nur am Ende etwas weniger makellos verlief. Wiederum einen ganz anderen Ton schlägt Ravel in der Passacaille an: ein Largo im Barock-Stil, aber dennoch von befremdlichem Charakter – könnte sich der Komponist vom langsamen Interludium aus Beethovens Geistertrio haben inspirieren lassen? Es ist möglich. Sicher ist, dass die nuancierten Phrasierungen bisweilen unwirkliche Proportionen annahmen. Wie der Moment, in dem das Klavier plötzlich verstummte und die Streicher das Spielfeld ganz für sich allein hatten. Das Publikum wurde davon mucksmäuschenstill, einschließlich der Kinder, die bei Midis-Minimes kostenlos etwas ganz Besonderes erleben können. Das energiegeladene Finale war für das Trio Khaldei noch einmal Schwerstarbeit und alles geben (Animé). Für sie das Zeichen, um zu glänzen oder entschieden in die Tasten zu greifen. Für sie ein Thriller – sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinne – bei dem ein geschmeidiger Bogenstrich sehr gelegen kam. Und zusammen hielten sie die wechselnden Tempi straff. Ein überwältigendes Orgelpunkt auf einem monumentalen Klaviertrio.

Durch die Zusammenarbeit zwischen Midis-Minimes und dem Zomer van Sint-Pieter können Sie fast jedes Konzert am nächsten Tag auch beim Leuven-Schwesterfestival mitnehmen – oder welches Wort wäre besser für Tickets zu einem Handvoll Euro zu gebrauchen! Dreifach leider, aber durch sich überschneidende Zeitpläne war dies für das Trio Khaldei nicht möglich. Also gerne ein Treffen nächstes Jahr für wieder fünfundvierzig wunderbar klingende Minuten …


  • WAS: Frits Celis (°1929), Trio, opus 5 || Maurice Ravel (1875-1937), Pianotrio in a
  • WER: Trio Khaldei [Barbara Baltussen (piano), Pieter Jansen (viool), Francis Mourey (cello)]
  • WO: Koninklijk Conservatorium Brussel (i.k.v. Festival Midis-Minimes)
  • WANN: vrijdag 13 juli 2018
  • FOTO: © Nicolas Draps

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