Thierry Smits hat bereits ein ausgedehntes Spektrum durchlaufen. Heute ist er eine Referenz auf der belgischen zeitgenössischen Tanzszene. In den vergangenen 25 Jahren entwickelte er ein konsistentes Werk, das außerhalb der Linien färbt. Seine Kreationen – abwechselnd reine Tanzaufführungen und performative Arbeiten – erforschen unser Verhältnis zu unserem Körper in allen möglichen Facetten: Solo und in Gruppenformation.
Seit er 1990 sein Ensemble Compagnie Thor gründete, schuf er mehr als 30 Aufführungen, die nicht nur in seinem Heimatland aufgeführt werden, sondern in ganz Europa, Amerika, dem Nahen Osten und Afrika. Für dieses Spektakel rekrutierte er 11 Männer aus Deutschland, Polen, Portugal, Brasilien, Frankreich, Großbritannien und Belgien. Nicht wegen ihrer technischen Virtuosität, sondern weil jeder von ihnen Interesse an der Erforschung der Bewegung zeigt. Anima Ardens ist eine Aufführung über Solidarität und Zusammengehörigkeit. Es ist auch eine Metapher für die Gesellschaft. Wir kommen auf die Welt und verschwinden wieder. Tanz und Theater sind flüchtige Kunstformen par excellence. Ein Bild wird gezeigt, kurz darauf bleibt nichts mehr davon: es ist verflogen, weg, greifbar. Was gezeigt wird, ist eine utopische Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit. Die 11 Männer treten größtenteils nackt auf. Sie haben auch jeweils eine andere Hautfarbe, einen anderen kulturellen Hintergrund und unterschiedliche Tanzausbildung. Jeder ist anders, jeder ist einzigartig. Aus der Vielfalt wird etwas aufgebaut. Thierry Smits strebt nicht nur nach schönen Bildern, sondern vor allem nach der Erzeugung von Energie. So entsteht eine Gruppendynamik.
Dekoration und Soundscape
Die Tänzer warten auf das Publikum auf der Bühne auf, verborgen hinter weich fallenden, weißen Tüchern, die stark mit dem schwarzen Hintergrund kontrastieren. Nur die Unterschenkel sind zu sehen. Es hat etwas Gespenstisches. Es ist keine Absicht, passt aber perfekt zur Atmosphäre rund um Halloween. Die Tänzer sind wiederum Zuschauer. Sie beobachten das Publikum, das in aller Ruhe seinen Platz sucht. Wenn das Licht im Saal gedimmt wird, kommen die Performer langsam in Gang. Sie suchen ihren Platz im Raum auf einer seltsamen Klangplastik, bei der man nur schwer den Finger darauf legen kann. Was ist es genau? Es erinnert an das Knirschen von Mühlsteinen aneinander, ergänzt durch Industriegeräusche, das monotone Geräusch eines Fließbandes. Fuß für Fuß schlurfen elf Männer nach vorne, nach links und rechts, neigen sich vor und zurück. Sie lösen sich langsam voneinander ab und die Tücher gleiten von ihrem Körper.
Anima Ardens ist um zwei gegensätzliche Pole aufgebaut: Chaos und Struktur, Individualität versus Gruppendynamik. Die Erforschung der Möglichkeiten des Körpers wird vollständig ausgeschöpft, Grenzen verschoben, ohne künstlerische Zugeständnisse zu machen. Der Mensch ohne Kunstgriffe. Thierry Smits macht eine Zusammenfassung all des Lebens auf der Erde: Es sind blitzartige Bilder aus Flora und Fauna zu sehen. Unsere frühen Vorfahren, die auf Händen und Füßen liefen und mit rasender Geschwindigkeit über die Bühne donnerten, das zierliche Wellen von Schilfhalmen. Mit Fortschreiten der Aufführung suchen die Tänzer mehr Anschluss aneinander. Mit genialen Einfällen und einer Flut wechselnder Bilder werden Paare in den bizarrsten Konstellationen gebildet. Tücher werden wieder gebracht, mit denen ein zentraler Tänzer drapiert wird, woraus das schamanische Ritual des wirbelnden Derwisch entsteht. Visuell ein schönes Bild mit den welling Tüchern. Die Tücher landen auf dem Boden. Auf dem weißen Boden sehen sie wie Pilzhaufen aus. Die Tänzer bilden eine lebende Brücke, über die jeder klettert und am Ende selbst Teil der Konstruktion wird. Langsam löst sich die Struktur auf. Die Körper bilden einen Kreis auf dem Boden. Mit gespreizten Beinen sieht es wie eine Sonne aus, kurz darauf schnellen die Torsos hoch und man bekommt das Bild auf der Netzhaut einer Blüte, deren Kelchblätter sich für die warme Sonne öffnen. Zum kontinuierlichen Rhythmus der Musik werden in äußerster Konzentration Formationen gebildet, mitreißend, mit mörderischen Sequenzen für die Tänzer, um dann allmählich zu erstarren.
Anima Ardens, eine Choreografie mit Mut und Kühnheit, voller intensiver körperlicher Energie in einem Spannungsbogen von siebzig Minuten.
- WAS: Anima Ardens
- WER: Compagnie Thor | Thierry Smits
- WO: cultuurcentrum Westrand, Dilbeek
- WANN: Donnerstag, 25. Oktober 2018