Komponist und Dirigent Dirk Brossé ist stark nachgefragt und arbeitet mehr im Ausland als in Belgien, aber im März dirigiert er viermal sein 'Artesia Revisited' beginnend am Do 14 Mär in der Concertgebouw Brugge, Sa 16 Mär in CC Zwanenberg, Heist-op-den-Berg, Fr 22 Mär in Muziekcentrum De Bijloke Gent und am Sa 23 Mär in CC De Factorij Zaventem.
1995 ging 'Artesia' in Uraufführung, die erste Symphonie des damals 32-jährigen Dirk Brossé. Eine universelle Symphonie nannte er das. Eine interkulturelle Friedensvision, bei der die klassisch ausgebildeten Orchestermusiker des Symfonieorkest Vlaanderen die Bühne mit ethnischen Musikern teilten. Er beschrieb 'Artestia' als „einen imaginären Ort" – ein Universum, in dem Menschen aus gegenseitigem tiefem Respekt auf friedvolle Weise zusammenleben. 'Artesia' wurde damals mehr als dreißig Mal aufgeführt, sogar bis nach China und Japan. Inzwischen sind wir fast drei Jahrzehnte weiter.
'Artesia Revisited' dringt wie ein Lichtstrahl durch diese dunklen und düsteren Zeiten. Auf seine eigene eklektische Weise legt Komponist Dirk Brossé seine innere Welt in ein KlangUniversum voller Mitleid. Mit der Hinzufügung der ethnischen Instrumente reisen Sie als Zuhörer um die Welt, ohne physisch irgendwohin zu gehen. Die Technizität seiner Komposition erfordert äußerste Beherrschung. Die lyrische Schönheit und Finesse der Musik weiß Symfonieorkest Vlaanderen zusammen mit den ethnischen Musikern gerecht zu werden.
„Sie sind ein Sammler von besonderen und alten Instrumenten."
Ich besitze eine ganze Menge davon. Das stimmt.
„Auf eine bestimmte Zeit gab es auch die Ambition, damit etwas zu tun."
Das ist gewachsen. Irgendwann gab es ein Instrument, das war eine präkolumbianische Flöte, die ich in meine Komposition 'La soledad Americo Latina' eingearbeitet habe. Werk zur offiziellen Eröffnung der Weltausstellung in Sevilla 1992. Meine Sammlung wurde immer größer und dann komponierte ich eine Symphonie, in der alle Instrumente, über die ich damals verfügte, einen Platz bekamen. Diese Symphonie bekam den Namen 'Artesia' und diese werden wir nun vier Mal wieder aufführen.
„Bringt Sie das Komponieren in eine Art kreitative Meditation?"
Auf jeden Fall. Es ist nicht wie bei einem Buchhalter, mit allem Respekt, der seine Arbeit macht. Man muss inspiriert sein. Man kann diese Inspiration zwar suchen oder anfachen. Es braucht einen bestimmten geistigen, intellektuellen oder emotionalen Geisteszustand, um komponieren zu können.
„Die klassisch ausgebildeten Orchestermusiker von Symfonieorkest Vlaanderen teilten damals die Bühne mit ethnischen Musikern. Eine überraschende Kombination, warmherzig vom Publikum aufgenommen. Nächsten Monat gibt es eine Wiederaufnahme, mit einer Ergänzung, einem Epilog."
'Artesia' war ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft. Nun drei Jahrzehnte später blicke ich darauf auf andere Weise. In dieser Zeitspanne hat sich die Welt enorm entwickelt. Nachdem wir das ursprüngliche Werk aufgeführt haben, entstand eine Art Postskriptum. Dieses Postskriptum besteht aus zwei neuen Kompositionen, die ich sehr zugänglich gestaltet habe. Sie sind eine Ergänzung und auch eine Reaktion darauf, wie die Welt heute aussieht.
„Ursprünglich beschrieben Sie 'Artesia' als imaginären Ort, wo Menschen auf friedvolle Weise zusammenleben. Derzeit würden weltweit 100 Kriege ausgetragen. Ist dieses hoffnungsvolle Sentiment nun durch eine milde Altersweisheit gedämpft?"
Ich denke ja. Aber vielleicht habe ich vor dreißig Jahren aus einer Naivität heraus gearbeitet. Ich sprach damals bereits von einer imaginären Welt. Die Welt steht heute in Flammen. Es gibt, wie Sie sagen, unglaublich viele Kriegsherde. Aber früher war es nicht besser. Menschen haben schon immer Konflikte ausgetragen. Haben immer versucht, andere Menschen zu dominieren: aus Gründen der Hautfarbe, geographisch, politisch oder ethnisch, what ever! In dieser Hinsicht gibt es nichts Neues unter der Sonne.
„Es gibt ein geopolitisches Unsicherheitsgefühl, das in der Gesellschaft spürbar ist."
Was sich heute verändert hat, erstens: der Maßstab ist vergrößert und zweitens: alle Nachrichten kommen in unser Wohnzimmer. Die Welt ist zu einem Dorf geworden. Deshalb haben wir das Gefühl, dass es mehr Konflikte gibt als je zuvor. Was vielleicht neu ist in meinem Gedankengut, jetzt wo ich tatsächlich älter geworden bin, dass meine imaginäre Welt eine imaginäre Welt bleiben wird!
„Frieden beruht nicht nur auf einer Welt ohne Waffengeklirr, sondern auf dem Willen zum Dialog und der Suche nach permanenten Lösungen."
Es gibt vielleicht Gemeinden oder Städte, in denen wir es geschafft haben, zusammen zu leben, mit der nötigen Toleranz. Im großen Ganzen gesehen denke ich, dass wir versagt haben. Schauen Sie, was im Nahen Osten passiert. Wenn wir in die Geschichte zurückgehen: es sind Brüder, die sich dort gegenseitig umbringen.
„Darauf können wir nur mit Abscheu reagieren!"
Heute muss ich tatsächlich feststellen, dass die imaginäre Welt, von der ich träumte – und die eines Tages Realität werden würde – nicht erreichbar ist. Wir haben es nicht geschafft, diese multikulturelle Welt auf die Beine zu stellen. Aber es bleibt brennend aktuell, meine imaginäre Geschichte zu erzählen.
„Symfonieorkest Vlaanderen besteht aus einer festen Gruppe. Ich vermute, dass es ein Puzzle war, mit den anderen Instrumentalisten zu proben, die von überall herkommen?"
Das ist so. Die Musiker von einst sind in ihr Land zurückgekehrt, aus dem Verkehr gezogen oder spielen nicht mehr. Ich musste viele neue Menschen suchen. Das war keine Selbstverständlichkeit, aber ich habe sie gefunden. Tatsächlich ist es sehr konfrontativ. Es sind zwei Welten: die klassische Welt mit der ethnischen Welt zusammenbringen. Nicht nur in Bezug auf Klänge, sondern auch in Bezug auf die Ausbildung von Musikern. Unsere Musiker sind darin ausgebildet, perfekt das wiederzugeben, was auf ihrem Notenpapier notiert ist. Während diese ethnischen Instrumentalisten, die meisten lesen keine Noten, keine Partitur, spielen nach Gefühl. Diese beiden Welten aufeinander abstimmen und zusammen spielen zu lassen, das ist tatsächlich keine Kleinigkeit. Aber wir haben es geschafft.
-Darf ich sie exotische Nomaden nennen. Was Sie anstreben, ist Zusammenhang in der Vielfalt.
Zusammenhang in der Vielfalt und ich möchte auch zeigen, dass es keine Unterschiede zwischen Musikkulturen gibt. Wir, aus unserer westlichen klassischen Musikkultur, haben oft gedacht, und manche denken das noch, dass unsere westliche Musikkultur die am weitesten fortgeschrittene ist, die höchste in Gedankengut und die raffinierteste Musikkultur auf der Erde! Das ist nicht so. Ich bin natürlich ein Kind dieser klassischen Musik. Ich liebe enorm alles, was wir in dieser westlichen Musikkultur hervorgebracht haben. Aber es ist nicht so, dass wir die einzige hochwertige Musikkultur besitzen, die der Erdboden zu bieten hat.
-Unerwartete Querverbindungen mit anderen Kulturen in einer äußerst
vielfältigen Klangpalette knüpfen. Sind Sie als Künstler ein Reisender, der ständig neue Welten entdeckt?
Genau. Absolut. Wenn ich mir die indische Musik anschaue, wie raffiniert sie ist. Das ist unglaublich. Oder ein Aborigine, der auf seinem Didgeridoo spielt. Es gibt nicht viel daran, manchmal wird gesagt, es sei minderwertig. Bis du den Code lernst zu dekodieren. Das gilt für Kunst im Allgemeinen. Ich vergleiche es immer mit dem japanischen No-Theater, das eine sehr hochwertige, raffinierte Theaterform ist. Aber wenn du den Code nicht kennst, kannst du es nicht würdigen. Jede Handbewegung, jede Stille, erst wenn du weißt, was das alles bedeutet, wird es dir bewusst. Es ist wie das Hören einer Sprache, die du nicht verstehst. Das ist auch so bei anderen Musikkulturen: indische Raga-Musik ist von unglaublicher Raffinesse. Sie zeugt von sehr viel intellektueller Arbeit. Sie wird nicht aufgeschrieben, sondern kollektiv von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Diese Künstler sind phänomenale Interpreten. Wenn du den Code nicht kennst, hörst du nur Geklingel, aber wenn du den Code dekodieren kannst, denkst du 'O my God, was für eine Klangfülle'.
-Instrumente mit verschiedenen kulturellen Ursprüngen und Hintergründen. Obwohl wir die Sprache nicht sprechen, verbindest du dich als Hörer trotzdem mit der Musik und Kultur. Sie beschreiben es selbst als eine 'universelle Symphonie'. Eine kulturübergreifende Vision.
Das ist tatsächlich so. Je mehr du über bestimmte Musik weißt, desto mehr kannst du sie würdigen. Das ist auch bei unserer westlichen klassischen Musik so. Ich kenne viele Menschen, die unglaublich klassische Musik genießen und nichts davon verstehen. Wenn fünf Personen ein Musikstück hören, vom Experten bis zum absoluten Anfänger… Jede dieser fünf Personen wird es genießen, aber jede auf andere Weise. Das ist auch die Kraft der Musik. Ich selbst zum Beispiel, ich behandle Musik sehr analytisch: Ich achte auf die Klangfarben, auf die Harmonien. Ich frage mich unbewusst: Wie sind sie zu diesem Ergebnis gekommen, wie wurde es gemacht? Manchmal bin ich neidisch auf Menschen, die davon nichts verstehen und die Musik einfach auf sich einwirken lassen und sie intensiv genießen.
-Ihre Ambition als Komponist ist es, Emotionen zu vermitteln und zu begeistern.
Emotionen vermitteln, im Fall von 'Artesia Revisited' ist es auch eine Botschaft vermitteln, Menschen begeistern. Es ist ein Erlebnis, sie sollen gereizt und gerührt werden. Inzwischen weiß ich, welche Auswirkung eine bestimmte Tonart, eine bestimmte rhythmische Figur, eine bestimmte Klangfarbe hat. Es ist Kommunikation und soll treffen. Es wird ohne Worte etwas erzählt, das man mit Worten nie sagen würde. Darin liegt auch die unglaubliche und zeitlose Kraft der Musik.
-Das Tragische und Schöne an 'Artesia Revisited' ist, dass trotz allem, was auf der Welt schiefläuft, immer noch ein Fünkchen Hoffnung glimmt.
Hoffnung ist sehr wichtig in der Welt. Hoffnung ist ein Gefühl, das uns aufrecht hält. Wenn du Krebs hast, hoffst du, dass du geheilt wirst. Die Angehörigen der von der Hamas Geiseln hoffen, dass ihre Geliebten sicher und wohlauf zurückkehren. Hoffnung ist ein starkes Gefühl, das uns von Tag zu Tag Kraft und Energie gibt.
-Von 'Artesia' gab es dreißig Aufführungen, sogar bis nach China und Japan, wird das dieses Mal auch der Fall sein.
Ich schließe das nicht aus. Es ist ein absolut bahnbrechendes Werk. Nach meinem Wissen war ich der erste Komponist, der mit so vielen ethnischen Instrumenten und einem klassischen Orchester arbeitete. In den vergangenen dreißig Jahren bin ich hier und da kopiert worden, was mir überhaupt nicht unangenehm ist. Es ist in jedem Fall etwas Universelles. Das Gedankengut und die Musik sind zeitlos. Ich hoffe, dass wir auch auf anderen Kontinenten außer Westeuropa Aufführungen bringen können.
- FOTOS: © Michel Correman