Jeder Musiker, der sich selbst respektiert, hat 2020 einen Beitrag zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag von Ludwig van Beethoven geleistet. Auch Tenor Ian Bostridge brachte eine CD mit einem gemischten Liedrecital heraus, das dem Komponisten gewidmet ist. Mit seiner Wahl von Antonio Pappano als Pianist erreichte er eine perfekte Übereinstimmung. Gleichzeitig konnte der geschätzte Dirigent auch sein ausgezeichnetes, aber etwas aus dem Rampenlicht bleibendes Talent als Pianist zur Schau stellen.
Dass das Beethoven-Jahr gerade vorbei ist, ist sicherlich kein Grund, diese CD zu übersehen. Sie bietet erneut die Gelegenheit, sich an der sehr typischen, klaren, wunderschönen Klangfarbe des britischen Tenors zu erfreuen. Bostridge ist zweifellos einer der besten Liedinterpreten unserer Zeit. Das beweist er hier noch einmal. Die Aufnahme beginnt mit dem kurzen Zyklus An die ferne Geliebte, ein Zyklus, der die Salonhaftigkeit der meisten von Beethovens Liedern übersteigt. Musik und Text durchdringen sich gegenseitig, wie es später charakteristisch für Schuberts Lieder werden wird. Und das ist genau eine der Stärken von Tenor Ian Bostridge, der seine Stimme äußerst geschmeidig einsetzt, um Akzente auf bestimmte Wörter wie Sonne oder Wolken zu legen, oder den Gesang je nach der Ungeduld des liebenden Herzens zu beschleunigen. Manchmal wird er in diesem Zyklus ein wenig affektiert, was im Rest des Recitals überhaupt nicht mehr der Fall ist, aber wer kann so traurig Meine Tränen singen (drittes Lied), oder so leidenschaftlich die Lieder als ultimales Liebesgeschenk an die „ferne Geliebte" anbieten? Das Klavier schafft auch eine schöne Verbindung von einem Lied zum nächsten, und darin zeigt sich Pappano sofort als ein einfühlsamer Begleiter. Auch er ist ein Meister der Poesie und Variation, die diese Beethovenlieder in die große Liedkunst einordnen. Bostridge ist auch ein idealer Erzähler, wie im beliebten Lied Adelaide oder im humorvollen Flohlied. Aber meisterhaft ist er vor allem im Vortrag intimer und wehmütiger Gefühle, so wird Adelaide auch zu einer ergreifend schönen Meditation und Sehnsucht. Auch Nur wer die Sehnsucht kennt hören wir in einer typischen Bostridge-Interpretation: nicht umsonst wählt er dieses Lied in verschiedenen Versionen, jedes Mal verleiht er ihm so viel Substanz in einem so richtigen Ton! Manchmal klingt der Schmerz stärker durch, dann wieder die Ergebung, wie in Adelaïde oder im Zyklus An die ferne Geliebte. Beethoven komponiert seine Lieder nämlich oft im Kontext einer oder anderer gescheiterten Liebesaffäre.
Unschuldige Volksliedqualität ist dann charakteristisch für die Auswahl, die Bostridge aus den irischen und schottischen Volksliedern trifft. Sänger und Klavier erhalten hier Violine und Cello als Partner. Es ist ein Stück reiner Musikfreude aller Ausführenden. Als spielerischer Schlusspunkt singt Bostridge dann noch das humorvolle Lied Die Marmotte.
Beethoven lebt im musikalischen Bewusstsein und in der Musikgeschichte als ein Mensch von außergewöhnlichen Ausmaßen, grandios in allem, was er komponiert, aber die Suche nach der Liebe, die nie wirklich erfüllt wurde und zu viel Qual und Verletzungen führte, ist sicherlich in seinen oft zu wenig geschätzten Liedern spürbar. Ian Bostridge und Antonio Pappano leisten einen erhabenen Beitrag zu einer besseren Wertschätzung von Beethovens Liedwerk. So kommen wir noch einmal auf die Bemerkung zurück, mit der wir die Beethoven-Lied-CD mit Matthias Goerne und Jan Lisiecki im Juni 2020 abschlossen: Es gibt noch Platz für einen anderen Spitzensänger, um Ludwigs van Beethovens Liedrepertoire Ehre zu erweisen. Lassen Sie uns das nun als eine Anspielung auf Ian Bostridge verstehen.
WAS: Ludwig van Beethoven Songs and Folksongs
WER: Ian Bostridge, Tenor, Antonio Pappano, Klavier, Vilde Frang, Violine, Nicolas Altstaedt, Cello
VERLAG: Warner Classics 0190295276430