Seit einigen Jahren arbeiten Symfonieorkest Vlaanderen und die Herren von Die Verdammte Spielerei im Januar zusammen, um ein pulsierendes Familienschauspiel zu kreieren: witzig, verspielt und dennoch auch lehrreich. Klassische Musik vermischt mit einem Hauch Wahnsinn. Das Thema diesmal: das faszinierende Leben der Bienen.
Der Klimawandel ist ein wichtiger Teil des sogenannten globalen Wandels. Der unbeabsichtigte Einfluss der Menschheit reicht weit. Man denke an die kombinierte Auswirkung von Verstädterung, Zersplitterung von Naturgebieten, Verschmutzung, exotische Schädlinge usw. Die Vielfalt des Lebens – die Biodiversität – erleidet einen mehr als heftigen Schlag. Und das bleibt nicht ohne Folgen auch für die Bienenpopulation. Die drängende Frage: gibt es noch Hoffnung auf Harmonie zwischen der Welt der Menschen und der Natur? Ein junges Publikum hat dafür sicherlich offene Ohren.
Stefaan De Winter, der Hauptdarsteller von Die Verdammte Spielerei, erdachte sich ein Gesamtkonzept. Um die jugendliche Energie etwas zu zügeln, werden die Kinder in den Fluren von deSingel bereits in die Welt der Bienen eingetaucht: es gibt Bienenstöcke, Waben, Imkerausrüstungen usw… Die Kinder bekamen eine Hausaufgabe: Blumen aus Krepppapier basteln. Das sorgt im Saal für eine farbenreiche Blütenpracht. Ein Festmahl für Honigbienen.
Kinder, Eltern und Großeltern können sich in einem diffus beleuchteten Saal ihren Platz suchen. Die Streicher laufen durch den Saal und imitieren das Summen der Bienen. Stefaan De Winter als Imker unterstreicht die Zusammenarbeit in der Bienenwelt. Genau wie ein Sinfonieorchester zusammenarbeitet, um Trost und Schönheit zu schaffen. Er transponiert den Bienenstock in den Konzertsaal. Der Bienenstock zählt ein Sinfonieorchester im gelben T-Shirt, 4 Saxophonzzzzzzzz, 1 Königin (der Dirigent). Seine Gefährten von Die Verdammte Spielerei, in ihrem obligaten weißen Kostüm und einem gelben Helm, verkörpern eine Biene, eine Wespe, eine Drohne, eine Asiatische Hornisse und eine Hummel. Jede mit ihrem spezifischen Verhalten. Natürlich sorgt dieser visuelle Aspekt für Heiterkeit.
Die Geschichte beginnt im Winter. Die Honigbienen sitzen in den Wintermonaten zu Tausenden wie ein Ball zusammengepresst in einem Kasten. Die wichtigste Aufgabe ist es, das Nest warm zu halten, um den Winter zu überstehen. Musik von Beethoven ist zu hören. Dann wird es Frühling und das Orchester spielt das Erwachen der Natur auf den Tönen des Zweiten Blumenwaltzzz von Pjotr Iljitsj Tsjaikovski. Es folgen kurze Fragmente von Richard Wagner und Richard Strauss. Jung und Alt erfahren die Geschichte des Lebenszyklus der Königin, ihre Aufgabe, die Arbeit der weiblichen Bienen und der männlichen Drohnen. Passenderweise wird mit den nötigen Rücksichten des Imkers ‚God zzzsave the queen' von G.F. Händel zu Gehör gebracht. Die Szene füllt sich mit Blumen. Alles wird anschaulich dargestellt. Der visuelle Aspekt ist minimal und überlässt viel der Fantasie. Die Musik beherrscht subtil und einfallsreich und zeigt den Tenor von Eifer, Freude und Trauer mit ‚Azzzes tod' von Edvard Grieg und ‚Lacrimozzza' von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Ganze bleibt transparent. Durch einen reichen Wechsel von Melodie und Rhythmik ist die Spannungskurve hoch. Die Magie der Musik. Klein und Groß sitzt fasziniert da und lauscht. Ein junges Publikum, das sich der klassischen Musik öffnet. Im Vortrag des Imkers gibt es Interaktion mit dem Publikum, oft mit einem Understatement und Augenzwinkern für das ältere Publikum. Das intime Spiel des Imkers Stefaan De Winter fesselt die Aufmerksamkeit und führt den Gedanken hin zu weiten Landschaften. Poesie und Humor sind nie weit weg, aber auch die kritische Note fehlt nicht. Applaudieren ist nicht erlaubt, nur mit Summen machst du Bienen glücklich und zeigst deine Wertschätzung.
Gegen Ende bringt der Erzähler den ganzen Saal zum Singen. Die Hummel will nach Spanien ausweichen, weil es dort immer schön warm ist. Mit voller Baritonstimme hebt er ‚E viva Espana' an und lädt das Publikum ein, den Refrain mitzusingen. Zusammenarbeit ist sehr wichtig. Die Kinder dürfen ihre selbstgemachten Blumen zur Königin bringen. Ein gewaltiger Strom von Kommen und Gehen. Das Publikum wird eingeladen, ‚We all stand together' von Paul Mc Cartney mitzusummen und als Apotheose noch ein Lied von Stromae. Die Gruppe als Ganzes musiziert, singt, erforscht und jubelt. Alle Konventionen werden über Bord geworfen. Das Handwerk und die Spielfreude knallen regelrecht heraus. Ihre ansteckende Dynamik, der unbezwingbare Drang mitzusingen und zu summen und mit den Armen in der Luft zu schwingen, gibt den Ton an. Ein Familienschauspiel, das euphorisch macht. Der ansonsten ruhige Konzertsaal von deSingel explodiert geradezu vor Enthusiasmus. Jung und Alt johlt und jubelt… eine stehende Ovation, die kein Ende nimmt. Symfonieorkest Vlaanderen & Die Verdammte Spielerei… verpasst sie nächstes Jahr nicht!
‚Buzzing', das bei der jungen Popkultur-Gemeinde und einem klassischen Publikum ankommt. Lebensexlixir und Nektar der reinsten Sorte.
- WAS: Familienkonzert ‚Buzzing'
- WO & WANN: deSingel Antwerpen, Sonntag 14. Januar 2024
- WER: Symfonieorkest Vlaanderen, Dirigent Kevin Hendrickx
- SPIEL: Die Verdammte Spielerei
- KONZEPT: Stefaan De Winter
- MUSIK: Jelle Tassyns
- REGIE: Mareille Lebohm
- TEXT: Idee und Regie: Herwig Deweerdt
- FOTOS: © Bjorn Comhaire