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Carlo Gesualdo - Silenzio mio - Madrigali - Libro quarto (1596)

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Carlo Gesualdo - Silenzio mio - Madrigali - Libro quarto (1596)

Die Madrigale von Gesualdo sind gesangstechnisch besonders schwierig umzusetzen, hinzu kommen noch die großen untereinander großen stilistischen Unterschiede. Nur ein absolut erstklassiger Chor unter einem ebensolchen Dirigenten ist in der Lage, dieser Musik vollständig gerecht zu werden. Und das ist das von Philppe Herreweghe geleitete Collegium Vocale Gent.

Die Jahre 1595 und 1596 könnten für Gesualdo aus stilistischer Perspektive als Wendepunkt bezeichnet werden. In dieser Zeit vollzog sich, gerechnet ab dem Libro Terzo oder Buch III, in dem italienischen Ferrara in Gesualdos Madrigalkunst eine wahre Umwandlung, die eng mit der ganz anderen Auswahl poetischer Texte als zuvor zusammenhing. Dies zeigt einmal mehr, wie sehr der blutdürstige „Fürst von Venosa" auf die Bedeutung des Textes und der damit verbundenen Textbehandlung achtete. Gleichzeitig bedeutete es den Abschied von den überwiegend pastoralen und eleganten Charakteristiken der ersten beiden Bücher.

Hängt dieser Abschied mit dieser blutigen Vorgeschichte zusammen? Das Unglück begann 1590, als der vierundzwanzigjährige Carlo Gesualdo (1566-1613), Fürst des in der Nähe von Neapel gelegenen Venosa, seine Ehefrau Donna Maria d'Avalos, Tochter des Markgrafen von Pescara, im Bett mit Fabrizio Carafa, dem Herzog von Andria, vorfand. Ertappt also auf frischer Tat. Wenige Minuten später lagen beide Untreuen in ihrem eigenen Blut, in Raserei von Gesualdo und seinen Dienern zu Tode gebracht. Ein wahrer crime passionel also. Ihre verstümmelten Leichen ließ Gesualdo vor seinem Palast zur Schau stellen, damit jeder sie sehen konnte. Kurz darauf machte sich Gesualdo aus dem Staub, mehr besorgt um Familienrache als um den Rechtsgang.

Das Blutbad blieb auch anderswo nicht unbemerkt und fand sogar seinen Weg in Versen. Torquate Tasso und in seinem Gefolge mehrere italienische Dichter, darunter Marino und Cortese, ließen nicht ab, davon zu berichten.

Es heißt auch, dass Gesualdo seinen zweiten Sohn getötet hat, nur und allein weil er an seiner Vaterschaft zweifelte. Um das grausame Bild vollständig zu machen, gibt es den möglichen Mord an Gesualdos Schwiegervater, als dieser Rache nehmen wollte. In den offiziellen Registern ist von beiden Fällen jedoch nichts zu finden. Fraglich also. Aber klar ist, dass mit Gesualdo nicht zu spaßen war.

Gesualdo zog 1594 nach Ferrara, einen wichtigen Zwischenhalt für viele Komponisten und Musiker. In dieser Stadt drehte sich alles um Musik in vielen Erscheinungsformen, aber er wurde besonders von der Madrigalkunst angezogen, die dort eine wahre Blütezeit erlebte. Der Witwer fand dort bald einen neuen Lebenspartner, Leonara d'Este, die Nichte des Herzogs Alfonso II. Sie heirateten, was an sich merkwürdig ist, denn sie muss damals die psychotischen Schattenseiten des Komponisten kennengelernt haben. Auch konnte es ihr nicht entgangen sein, dass Gesualdo vier Jahre zuvor seine Frau beseitigt hatte.

Die Ehe mit Leonara wird sicher eine musikalische Inspirationsquelle gewesen sein, denn in Ferrara entstand eine beeindruckende Produktion. Und jene tragischen Ereignisse? Auch von dem Einfluss auf Gesualdos Komponieren fehlt jeder schlüssige Beweis. Klar ist aber, dass ab dem Madrigalbuch III (1595) die Szenerie dunkler wird, das Stimmungsbild manchmal sogar ziemlich düster ist, grenzend an das Makabere und Morbide. Es ist Musik, die dem von Gesualdo gewählten Text folgt. Die Intensität des Ausdrucks nimmt zu, das Kompositionsmodell gewinnt an Komplexität. Alles passt in eine kreative Vision, die mehr Schichtung zeigt, mit darunter nebeneinander gestellten Melodielinien, die suggerieren, dass sie vom Text gesteuert werden. Ein anderer wichtiger Aspekt dabei ist Gesualdos geradezu meisterhafte Behandlung des „Chiaroscuro", des „Clair-obscur", wie wir das besonders aus der Malerei kennen. Dass diese so außergewöhnliche Madrigalkunst auch eine von reiner intellektueller Gewandtheit aufgebaute Architektur hat, zeigt sich in der vollkommenen Symmetrie, die Gesualdo realisiert, sowohl in der Form als auch im Inhalt.

In Buch IV (1596) setzt sich der Stilbruch in diesen fünfstimmigen Madrigalen noch weiter fort, mit der stark erhöhten Kontrastarbeit als wichtigem Anker, wie sie sich besonders in einer schauderhaften Unterwelt mit ihren Totenriten, Halluzinationen und stürmischen Seelenbewegungen abspielt.

Es kann nicht anders sein, als dass dies sicherlich zu dieser Zeit als unerträglich empfunden werden musste, denn in diesen Madrigalen liegt so viel Schmerz, Gewalt und Tod durch all diese schneidscharfen Dissonanzen und die unruhige Chromatik verschlossen, die sich meist erst später und dann auch noch unvorhersehbar auflöst. Gesualdo schuf damit neue Musik im wahrsten Sinne des Wortes, stark vorgestellt aus dem vorliegenden Text (was den Zuhörer fast verpflichtet, von diesem Text Kenntnis zu nehmen, um die vom Komponisten beabsichtigte Gefühlswelt optimal nachempfinden zu können).

Das mit diesem so exquisiten und besonderen Repertoire im Laufe der Jahre verwachsene Collegium Vocale Gent, seit Anfang (1970) unter der Leitung von Mitbegründer und Motivator Philippe Herreweghe (*1947), hat sich in der sich ausdehnenden Reihe von Madrigalen besonders auf Klangschönheit in ihrer höchsten Form konzentriert. Nicht nur das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Stimmen zeugt davon, sondern auch wie diese sich vermischen und die Art und Weise, wie Herreweghe seinen Sängern in der Stimmführung Richtung gibt, durch die verwickelten Texturen hindurch. Die Aufnahme ist genau so, wie sie sein sollte: dynamisch gut proportioniert in dieser Kirchenakustik, aber auch sonor und durchsichtig. Die ziemlich magere Spieldauer von knapp weniger als drei Viertelstunden hat wahrscheinlich mit der von Herreweghe (er betreibt auch sein eigenes Musiklabel) bestimmten, in diesem Fall abweichenden Chronologie innerhalb dieser Serie zu tun. Mit so viel tiefgreifender Schönheit in Aussicht sollte dies kein Hindernis sein.

Tags cd
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