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Casella, ein temperamentloser Italiener?

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· 4 Min. Lesezeit
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Casella, ein temperamentloser Italiener?

Der Name Alfredo Casella wird wohl kaum sofort Assoziationen auslösen. Das Oeuvre des italienischen Komponisten ist eher vernachlässigt. Der Mann muss sich häufig seinen Zeitgenossen unterordnen: Stravinsky, Mahler und Debussy sowie seine avantgardistischen Landsmänner wie Berio und Nono. Als das Sinfonieorchester Münster sein Werk live aufführte, war das eine ideale Gelegenheit, seine Kompositionen zu würdigen und auf CD zu veröffentlichen. Leider lässt die Aufnahme zu wünschen übrig.

Das Orchester beginnt die Sinfonie in c-Moll ausgesprochen ungelenk. In den ersten Takten mit drohenden Pedalton-Noten für die Bläsersection lässt sich das noch rechtfertigen. Sobald das vollständige Orchester einsetzt, verfällt die Musik jedoch in schreckliches Durcheinander. Besonders die Streicher wogen zusammenhanglos durch den ersten Teil. Die erhoffte Bedrohung, die von diesem Chaos ausgehen soll, kann nur von Zeit zu Zeit durch die Bläser zum Ausdruck gebracht werden. Insgesamt ist es vor allem ein Durcheinander. Das Orchester interpretiert seine Musik vielleicht etwas zu impressionistisch. Die verschiedenen Orchestergruppen scheinen danach zu streben, jeweils so viel Emotion wie möglich in ihre eigenen Partien zu legen, doch genau dadurch kommt diese im Zusammenspiel des Orchesters nicht vollständig zum Ausdruck. Eine straffere Aufführung, bei der bestimmte Instrumente musikalische Akzente verstärken, würde diesem Orchesterwerk guttun.

Doch das Wirrwarr scheint nicht ausschließlich ein Fehler der Musiker zu sein. Die Aufnahme mag zwar im „Super Audio CD"-Format gemacht worden sein, doch zu oft klingt alles ziemlich flach. Besonders das vielfältig besetzte Schlagwerk leidet darunter. Viel zu oft ist das Schlagwerk hinter dem Rest des Orchesterblocks versteckt. Das ist besonders schade, denn gerade durch die Perkussion bekommt das Werk manchmal die Allüren anderer spätromantischer Meisterwerke wie Tschaikowskis 1812 Ouvertüre. So bekommen wir am Ende des Allegro molto vivace einen Hauch der ausdrucksvollen Kraft, die von dem Werk hätte ausstrahlen können. Außerdem ist nicht nur das Gleichgewicht zwischen den Orchestergruppen unzureichend, auch die Dynamik kommt nicht vollständig zu ihrem Recht. Die Musik scheint zu sehr normalisiert zu sein, wodurch die Extreme zu begrenzt sind. Besonders in den Passagen, die laut klingen sollen, geht dadurch viel Energie verloren.

Das Letztere ist besonders schade. Das Orchester tut in den späteren Teilen sein Bestes, um die Sache in Ordnung zu bringen. Am Ende des dritten Teils spielen sie mit Stille. Gerade in diesen wenigen Pausen treiben sie die Spannung auf fantastische Weise voran. Sie rasen durch den Finalteil, doch hier geht in der Aufnahme leider viel von der Ausdruckskraft verloren. Das Epilog kommt letztendlich noch am besten zur Geltung. Das Sinfonieorchester reißt dich mit durch den geheimnisvollen Anfang des Adagio mistico. Obwohl sie natürlich Glück haben, dass dieser Teil nicht auf große Ausdruckskraft angewiesen ist. In den Schlusstakten des Werkes, die wirklich bombastisch durch die Lautsprecher hätten erklingen sollen, ist alles wieder zu zahm.

Auch die Suite aus Casellas Oper La donna serpente leidet an demselben Mangel. Der erste Andante-Teil ist wahrscheinlich das beste Stück auf dieser CD. Hier weckt das Orchester wieder eine geheimnisvolle Atmosphäre und erreicht das vor allem durch die Spannung aus der Ruhe und Stille. Sobald im Allegro moderato und im Kriegsmarsch der Lautstärkeregler wieder aufgedreht werden müsste, tauchen die Dynamik-Probleme erneut auf. Man müsste sich eigentlich fast buchstäblich neben den Lautstärkeregler stellen, um ständig nachzusteuern.

Obwohl das Sinfonieorchester Münster zwar nach einem falschen Start sein Bestes gegeben hat, um Casellas Werk zu würdigen, wurde es eine Stunde lang von einem überengagierten Toningenieur gebremst. Schade, denn die einzigen Menschen, die du mit solchen abgeflachten Aufnahmen erfreust, sind deine Nachbarn.


  • WER: Sinfonieorchester Münster u.L.v. Fabrizio Ventura
  • WAS: Casella – Sinfonie Nr. 2 in c, La donna serpente (Suite)
  • VERÖFFENTLICHUNG: Ars produktion
  • FOTO: Albumcover, Boccioni - Dinamismo di un corpo umano
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