Pianist und Komponist Brecht Valckenaers, geboren im 21. Jahrhundert und verrückt nach der Musik des vorigen Jahrhunderts, scheint die Verkörperung von Festival 20·21 und Transit zu sein. Für diese Ausgabe gab ihm Künstlerischer Direktor Pieter Bergé den Auftrag, Musica ricercata nach seinen Vorstellungen umzugestalten und auf sehr persönliche Weise dem Publikum zu präsentieren.
1951
Die Karriere des Komponisten Györgi Ligeti (1923 – 2006) hat kaum begonnen und er befindet sich bereits in einer Sackgasse. Das Arbeitslager, in dem er wegen seiner jüdischen Herkunft das gelbe Band tragen musste, überlebt er, aber sein Vater, sein Bruder, sein Onkel und seine Tante kommen nicht lebend aus Bergen-Belsen, Auschwitz und Mauthausen zurück.

Kurz nach dem Naziregime bekommt Ungarn bereits einen neuen Unterdrücker über sich, den Stalinismus. Der 27-jährige Ligeti unterrichtet an der Franz Liszt Akademie in Budapest, aber das politische Klima ist so repressiv, dass er kaum weiß, womit sich seine Zeitgenossen Stockhausen oder Boulez anderswo beschäftigen.
Um keine Musik für Parteipropaganda schreiben zu müssen, vertieft er sich in wissenschaftliche Forschung über Volksmusik, wie Bartok und Kodály es zuvor bereits getan hatten. 1956 wird er wie 200.000 andere für die große Exodus wählen. In einem Zug versteckt unter einem Haufen Postsäcke unternimmt er eine lebensgefährliche Flucht in den Westen, die ihn nach Wien, Köln, Darmstadt und Paris führt, um nie wieder nach Budapest oder in sein Geburtsland Transsylvanien zurückzukehren.
Ex NihiloIn 1951 I began to experiment with very simple structures of rhythms and sonorities as if to build up a 'new music' from nothing. What can I do with a single note? With its octave? With an interval? With two intervals? With certain rhythmic relationships?
Györgi Ligeti.
Musica ricercata ist ein elfteilliger Zyklus, in dem Ligeti nach einer neuen Sprache sucht, fast aus dem Nichts, manchmal viel mit sehr wenig Material. In Teil I verwendet er nur zwei Noten: das A an allen möglichen Stellen der Tastatur und ganz am Ende zweimal D als eine Art Lösung. Für Teil II wählt er drei (andere) Noten, Teil III vier Noten und so weiter … um mit den 12 Noten in Teil XI zu enden. So sparsam er die Noten verwendet, so verschwenderisch geht er damit um, die vielfältigsten Rhythmen zu kombinieren und experimentiert ausgiebig mit Textur, Dynamik und emotionaler Ausdruckskraft.
In nur zwei Teilen verweist Ligeti auf andere Komponisten. Teil IX ist ein in memoriam für Béla Bartók, den er bewunderte und von dem er versucht hatte, sich zu befreien. Das Schlussteil XI, das wie eine Fuge aufgebaut ist, ist eine Hommage an den italienischen Komponisten und virtuosen Klavierspieler Girolami Frescobaldi (1583-1643), der das ricercar, die Vorstufe der Fuge, zur Blüte gebracht hat. Die Partitur seines „gefährlichen" Experiments behielt Ligeti in einer Schublade, die Erstellung von Musica ricercata erfolgte 1969 im schwedischen Sundsvall.
2024
Von fünf Seiten Ex Nihilo ist die Tinte noch nass. Ein Leuvenaar, geboren im 21. Jahrhundert und verrückt nach der Musik des vorigen Jahrhunderts, scheint Pianist und Komponist Brecht Valckenaers wirklich die Verkörperung von Festival 20·21 und Transit zu sein. Für diese Ausgabe gab ihm Künstlerischer Direktor Pieter Bergé den Auftrag, Musica ricercata nach seinen Vorstellungen umzugestalten und auf sehr persönliche Weise dem Publikum zu präsentieren.
Die Serie von Kompositionsstudien, wie Ligeti sie selbst nannte, waren nicht als Endprodukt oder Konzertprogramm gedacht, in dem die Teile logisch auseinander hervorgehen. In der Aufführung von Brecht Valckenaers verschwindet dieser fragmentarische Charakter durch die Ergänzung von fünf eigenen Interludes sowie fünf verbindenden Fragmenten von Lachenmann, Kurtag, Crumb, Cowell und Bartók. 26 Minuten Etudes wachsen zu einem organischen Konzertstück von 70 Minuten heran. Wenige Festivals würden einem so jungen, aber vielversprechenden Musiker so viel Freiheit und Verantwortung geben und sich auf ein solches Abenteuer einlassen.
CDW Du bist noch jünger als Ligeti, als er seine Musica ricercata schrieb, wie fühlt es sich an, diesen schönen Auftrag zu erhalten?
BV "Ohne mich mit Ligeti zu vergleichen, aber als Komponist stehe ich etwas auf dem gleichen Punkt, ich bin auch sehr suchend. In meinen fünf Studien versuche ich meine eigenen Grenzen ins Extreme zu verschieben. Besonders auf dem Gebiet des Rhythmus, was eine primäre Besessenheit von mir ist, in einem früheren Leben war ich Schlagzeuger. Ich verwende gerne verschiedene Rhythmen und Taktarten gleichzeitig, wobei die linke Hand wirklich nicht wissen will, was die rechte Hand macht. In meiner Etude Distorting Time scheint es, als ob die Musik die Zeit völlig verzerrt und verformt, wie ein Zerrspiegel im Spiegelpalast. Ach, manchmal ist die Erklärung und die Notation viel komplizierter als das klingende Endergebnis."
CDW Auf welche Weise hast du passende Musik von fünf anderen Komponisten ausgewählt?
BV "Oh, es hat mich mehrere Monate sehr intensives Zuhören und sorgfältiges Abwägen gekostet. Letztendlich bin ich zu fünf Fragmenten gekommen, in denen ein Komponist das Klavier als Instrument sehr deutlich ex nihilo annähert oder neu entdeckt. Henry Cowell arbeitet mit Clustern, die mit Armen auf der Tastatur gespielt werden, Györgi Kurtag fordert in seiner Einleitung (Fragment aus Játékok) wörtlich auf, das Klavier unbefangen wie ein Kind anzugehen. Und dann George Crumb, das ist ein Spielplatz, wo man auf ganz unorthodoxe Weise die Möglichkeiten des Klaviers erkunden kann, aber immer musikalisch, im Dienste der Musik.
Durch so viel Zuhören habe ich wieder enorm viel über die Musik des 20. Jahrhunderts gelernt. Eigentlich bin ich sehr zufrieden mit den natürlichen Übergängen, die ich geschaffen habe. Wo das Stück von Ligeti endet, fahre ich ohne Unterbrechung mit etwas von mir selbst oder von jemand anderem fort, die drei Handlungsstränge fließen organisch ineinander über, als hätte ich ein musikalisches Puzzle gelegt, das in ein Collage-Konzert mündet."
CDW 1993 zeigte ein Dokumentarfilmer aktuelle Filmaufnahmen von Ligetis Geburtsort in Rumänien, von dem er noch sehr wenig wiedererkannte, aber zu seiner großen Überraschung erinnerte sich der Komponist sofort an den Klang der Glocken. 'C' est fou! Les cloches sont encore toujours les mêmes.'. In deiner Ex Nihilo-Version kommen auch ziemlich viele Glocken vor.
BV "Sicher, Glocken sind gewissermaßen ein Subthema im Konzert. Sie sind zu hören in Glockenturm aus Ein Kinderspiel von Helmut Lachenmann und in der Hommage von Györgi Kurtag (Ligetis Busenfreund) an ihren gemeinsamen Kompositionslehrer Sándor Veress. Aber auch in meiner letzten Etüde und in Ligetis Hommage an Bartók läuten die Glocken.
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Der amerikanische Filmregisseur Stanley Kubrick hat für Ligeti die Tür zum großen, internationalen Publikum geöffnet und darf zu Recht sein Botschafter und großer Fan genannt werden. Im Soundtrack von A Space Odyssey (1968) verwendete er zwar ohne Genehmigung gleich vier Fragmente von Musik von Ligeti Requiem, Lux Aeterna, Atmosphères und Aventures. Mesto, rigido e cerimoniale, Teil II aus Musica ricercata, das Ligeti als ein 'Messer in Stalins Herz' beschrieben hat, trägt absolut zur beklemmenden Atmosphäre im erotischen Thriller Eyes wide shut (1999) bei. Ob die meisten Kinogänger die Abspann lesen und Interesse für die Komponisten haben, ist fraglich. Wenn Sie uns danach fragen, wird das Collage-Konzert Ex Nihilo seinerseits zu einer absoluten Hommage an Györgi Ligeti.
Brecht Valckenaers (°2000) Bekam mit 15 Jahren bereits Zugang zum Jong Conservatorium in Antwerpen, wo er unter den Fittichen von Nicolas Callot und Wietse Beels aufgenommen wurde. Klavier studiert/studierte er bei u. a. Nikolaas Kende, Eliso Virsaladze und Claudio Martínez Mehner. Kompositionsunterricht erhielt/erhält er von Pieter Schuermans, Boudewijn Cox und Alain Craens. Im Verlauf 2024-25 vervollkommnet er seine Ausbildung an der Hochschule für Musik in Basel.
Brecht hat mehrere erste Preise in Wettbewerben wie dem Steinway Pianowettbewerb, dem Cantabile Pianowettbewerb und dem Le Concours de Piano Andrée Charlier gewonnen. 2023 erzielte er zweite Plätze beim Breughel Pianowettbewerb und beim EPTA Pianowettbewerb, wo er auch den Preis für das beste belgische Werk mit einer seiner Kompositionen erhielt.
Für Tickets und Informationen: https://www.festival2021.be/ oder schauen Sie sich die Veranstaltung in unserem Konzertkalender an