Nun ja, man könnte sagen, dass es einen Armenischen Chopin gab. Als der französisch/polnische Komponist-Pianist 1849 starb, war es auch vorbei mit seinem besonderen, ganz eigenen Stil. Es gab zwar Komponisten, die von Chopin beeinflusst wurden und/oder sich von ihm inspirieren ließen, aber niemand tat es wie der armenische Komponist und Pianvirtualose Stéphan Elmas (Smyrna, 24. Dezember 1864 – Genève, 11. August 1937).
Wer kennt ihn eigentlich, diesen heute selten bis nie aufgeführten Stéphan Elmas? Dieser Armenier studierte, arbeitete und lebte zunächst in Österreich und später in der Schweiz. Komponist, gefeierter erfolgreicher Pianist, Lehrer, aber leider auch fast taub geworden. Ein Leben voller Kunst, aber auch voller Leid, nicht nur durch die Taubheit, sondern im späteren Alter vor allem durch die armenische Tragödie (1922, der Brand seiner Geburtsstadt Smyrna, die in türkische Hände fiel und vier Tage später niederbrannte).
Heghine Rapyan, eine armenische Konzertpianistin, erweckt Elmas mit einer Aufnahme in einer sehr schönen Interpretation einiger Werke des vergessenen Komponisten wieder zum Leben. Der Titel der CD ist die einzig richtige Beschreibung und Zusammenfassung von allem, wofür der Komponist steht: 'Chopin Of Armenia'. Gleich beim ersten Stück denkt man, etwas von Chopin zu hören, das man aus irgendeinem Grund noch nie zuvor irgendwo gehört hat, nicht auf CD, nicht in einem Konzert, nicht im Radio oder Fernsehen noch auf irgendeinem Netzwerk voller Musik. Es ist ungewöhnlich, Jahre nach Chopins Tod hat jemand, möglicherweise dank seiner guten Beziehung zu Franz Liszt und zu einer Reihe französischer Pianisten, den Faden aufgenommen und Chopins Werk beachtlich fortgesetzt. Das macht Elmas eigentlich zu einem vollständigen romantischen Komponisten, der durch sein Gehörleid möglicherweise etwas in einer musikalischen Vergangenheitsstilperiode steckengeblieben ist. Auf irgendeine Weise kann man sagen: sehr gut so, denn so bekam die Welt eine Art Fortsetzung des viel zu früh verstorbenen Frédéric Chopin.
Wer könnte diese Aufnahme besser durchführen als Heghine Rapyan? Als talentierte Pianistin und als Landsfrau von Elmas kann sie sich besonders gut in die Werke hineinversetzen. Chopin ist ihr auch nicht fremd und so kommt man zu einer sehr liebenswerten Interpretation, die man von der ersten bis zur letzten Note ununterbrochen anhören möchte. Es ist herrlich, verträumt, oh so romantisch, manchmal etwas sirupartig aber nicht zu sehr, manchmal auch voller schwerer Ernsthaftigkeit, etwas Traurigkeit und geladen. Rapyan lässt all diesen Reichtum in den schönsten Klängen fließen, die ein Klavier wiedergeben kann. Genießen Sie diese Aufnahme!