Mittwochabend startete das dreitägige Online-Tanzfestival rund um die Kompanie Voetvolk der Tänzerin-Choreografin Lisbeth Gruwez und des Komponisten/Musikers Maarten van Cauwenberghe. Drei wirbelndige Abende mit sechs Aufführungen. Neben 'Piano Works Debussy', das Gruwez zusammen mit der Pianistin Claire Chevallier zwei Abende bringt, stehen auch zahlreiche Sidekicks auf dem Spielplan, talentierte Tänzer, mit denen Voetvolk früher zusammenarbeitete. Klassiek Centraal griff sich das Solo von Lisbeth Gruwez heraus.
Lisbeth Gruwez
Diese einzigartige Tänzerin hat bereits einen beeindruckenden Weg hinter sich. Eine Frau mit künstlerischer Relevanz und Kühnheit. Nach ihrer Ausbildung im klassischen Ballett fand sie Freiheit im zeitgenössischen Tanz. Sie studierte an P.A.R.T.S., doch eigensinnig ging sie bereits nach einem Jahr ihren eigenen Weg. Sie fand ihre künstlerische Richtung eher bei Ultima Vez, der Kompanie von Wim Vandekeybus.
1999 entscheidet sie sich für Jan Fabre. Sie wird sozusagen seine Muse. Diese beiden inspirieren sich gegenseitig für die Aufführungen 'As long as the world needs a warrior's soul', 'Je suis sang' und das aufsehenerregende Solo 'Quando l'uomo principale è una donna', in dem sie sich nackt in Olivenöl wälzt und aus ihrem androgynen Körper eine glänzende Skulptur macht, die schlittert, sich dreht und wirbelt über die Bühne. So wurde sie eine von Fabres berühmten 'Kriegern der Schönheit'.
Aber auch jemandes Muse zu sein kann langweilig werden. Eine Frau mit ihren Qualitäten will ihren eigenen Weg abstecken. Lisbeth Gruwez entpuppte sich als autonome Tänzerin/Choreografin. Zusammen mit Soundkünstler Maarten Van Cauwenberghe, mit dem sie bereits bei Fabre zusammenarbeitete, gründet sie 2007 ihre eigene Tanzkompanie Voetvolk. Anfangs tanzt sie selbst, danach schufen sie unter anderem: 'It's going to get worse and worse, my friend', 'Lisbeth Gruwez dances Bob Dylan'… 2018 zeigte sie sich als starke Choreografin in 'The Sea Within', das Premiere auf TAZ hatte mit einer ausgewählten Gruppe von Tänzerinnen aus verschiedenen Kontinenten mit unterschiedlichem künstlerischen Hintergrund.
Die Arbeit von Gruwez und Van Cauwenberghe stützt sich immer auf den Dialog Tanz und Sounddesign, stets live aufgeführt. Zum ersten Mal in ihrer Karriere wählt Gruwez nun klassische Musik, genauer gesagt die Klaviermusik von Claude Debussy. Das Klavier war für den Franzosen eine musikalische Palette. Musik lässt Lisbeth Gruwez räumlich denken. 'Piano Works Debussy' ist in dieser Hinsicht ein besonderer Dialog zwischen Klassik und einem zeitgenössischen Rahmen. Die französisch-belgische Pianistin Claire Chevallier ist sehr aktiv als Solistin und für Auftritte mit Kammermusikformationen oder mit Orchestern.
'Piano Works Debussy'
'Piano Works Debussy' ist für eine Tänzerin und Komposition voller Spielraum, Herausforderungen und Überraschungen und mündet in ein physisches Duett zwischen Tänzerin/Choreografin Lisbeth Gruwez und Pianistin Claire Chevallier. An Gruwez' explosivem Körper ist keine Bewegungslosigkeit verschwendet. Auf der Bühne kann sie ihre sinnliche und poetische Energie ausleben. Schubladendenken ist der Heimtückemord der Ästhetik. Es geht darum, Spannungen hervorzurufen. Etwas vom Mann/der Frau im Zustand der Sehnsucht nach Liebe, Raum, Ruhe, nach Befreiung zeigen. Musik ist abstrakt. Es ist ein Wunder, dass gerade Musik einen solchen Appell an das Herz richtet. Eine Choreografie ist ein Sieg, den Zweifel zu übersteigen und Klarheit zu schaffen.
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nona
Die Spielplattform des Kunstzentrums nona mit links und rechts den mit Locken und Blümchen verzierten Balkonen versus dem straffen und minimalistischen Bühnenbild, nur mit einem wunderschönen braunen Flügel und hinten ein goldenes Paneel, das fast unmerklich gleitet wie die Zeit, auf die wir keinen Einfluss haben, verbindet zwei Welten: Retro versus Moderne. Pianistin und Tänzerin sind schlicht gekleidet und tragen beide eine dunkle Hose mit weißem Hemd.
Lisbeth Gruwez nimmt vorne rechts Platz. Sie sucht ihren Platz im Raum. Im Gegensatz zum Klangreichtum sind ihre Bewegungen anfangs sparsam, verfeinert, sogar fragil. Sie erkundet den Raum vor allem in einem diagonalen Linienspiel. Manchmal schimmert in ihrer Haltung etwas von der stolzen Haltung der spanischen Flamenco-Tänzer durch. Sie erforscht den Raum vor sich, aber auch rückwärts und in Seitenlinien. In weniger als einer Sekunde fühlt man sich in dieses glänzende Schauspiel heimisch. Ihre Gesten zeigen die stilisierte Präzision einer klassisch ausgebildeten Tänzerin und eine natürliche, mühelos wirkende Grazie. Die Geschmeidigkeit in jeder Bewegung, federnd und anmutig. Die Eleganz der Gesten, kurz gesagt eine bezaubernde Ausstrahlung. Sie ist sich jeder Faser ihres Körpers bewusst. Sie setzt sich ruhig auf den Boden, anschließend liegt sie.
Die Pianistin und die Musik erhalten alle Aufmerksamkeit. In der Komposition scheinen manchmal orientalische Klänge durch. Nach einiger Zeit schnellt Gruwez hoch, die Beine fünfundvierzig Grad erhoben, die Arme in der Luft. Eine schwebende Haltung, die sie eine Zeit lang beibehält. Es wirkt einfach, erfordert aber Bauchmuskeln aus Stahl. Sie steht aufrecht und zieht imaginäre Linien auf dem Boden. Die Musik wird staccato, was sich in Zuckungen übersetzt. In Komplizenschaft setzt sie sich auf den Klavierhocker. Ihre Hände bewegen sich unruhig über ihre Knie, ihr Gesicht. Eine Frau, die zusammenbricht und Unterstützung bei der anderen findet. Ihre Köpfe neigen sich in einem intimen und zarten Moment zueinander. Eine scharfe Note katapultiert sie zurück in die Mitte der Bühne.
Die Pianistin löst sich von ihrem Instrument. Entspannt ihre Arme, Finger. Zusammen drehen sie das Klavier um eine Vierteldrehung, so dass die Pianistin mit dem Rücken zum Publikum sitzt. Gruwez verschwindet hinter dem schräg aufgestellten goldenen Schirm. Die Pianistin erhält volle Aufmerksamkeit für eine schwierige, fingerflinke Passage. Wenn Gruwez wieder auftaucht, trägt sie eine goldene Schürze mit einem dunklen Hemd. Tänzerin und Pianistin tauschen den Platz. Gruwez wagt sich an einige Tastenanschläge, die Pianistin versucht vorsichtig einige Tanzschritte. Beide kehren zu ihrer ursprünglichen Position zurück.
Die Tanzgeschichte geht weiter: manchmal vorsichtig tastend in den Bewegungen, dann wieder ausgelassen nach den Wechseln in Rhythmus und Klangfarbe der Musik. Inzwischen wurde der goldene Schirm zentral zur Mitte verschoben. Wenn Gruwez vor dem Paneel mit ihrem hochgesteckten Knoten oben auf dem Kopf tanzt, erinnert das Ganze an einen stilisierten japanischen Druck. Kurz darauf gibt es die Reminiszenz an den Tanz eines Kranichs. Sie tritt dem Publikum mit offenen Blicken entgegen, während das Licht verglommt…. Ende der Geschichte. 'Piano works Debussy' kurz und bündig beschreiben? Schönheit, die berührt.
- WAS: 3-tägiges Tanzfestival Buitenkant Voetvolk 'Piano works Debussy'- Voetvolk/ Lisbeth Gruwez & Claire Chevallier
- WER: Tanz: Lisbeth Gruwez, Klavier: Claire Chevallier, technische Unterstützung Maarten Van Cauwenberghe
- WO & WANN: Kunstencentrum nona online – 24., 25. und 26. Februar 2021
- FOTOS: © Danny Willems