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Deutsche Barockmusik? Mehr als Bach

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· 5 Min. Lesezeit
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Deutsche Barockmusik? Mehr als Bach

Ignace Bossuyt hat bereits viel über Musik und besonders über Barockmusik geschrieben. Aber was er jetzt zustande gebracht hat, übertrifft doch das, was er früher über Bach und andere tat. Bach ist in diesem Werk zwar vertreten, aber eher als Bezugspunkt. Alles Übrige handelt von Vorläufern und Zeitgenossen und der kompletten deutschen Barockmusik, denn dort gibt es noch viel zu entdecken, das wir kaum kennen. Es ist Der verborgene Schatz der deutschen Barockmusik, sagt uns der Titel und lehrt uns das Buch.

Der emeritierte Professor an der KU Leuven durchstreift die ganze deutsche Landschaft von 1650 bis 1700 und findet in dutzenden Städten zahlreiche bemerkenswerte Komponisten. Er beginnt 1650 in Dresden, findet dort Schütz und kommt fünfzig Jahre später in Bachs Leipzig an. Hundert Jahre liegen zwischen ihren Geburtsjahren. Was für eine wunderbare musikalische Reise. Und Bossuyt bleibt Bossuyt: Welchen Komponisten er auch trifft, er erforscht ihn gründlich, allerdings mit nur einem repräsentativen Werk. Meist handelt es sich dabei um ein unbekanntes Werk und meist von vielen weniger bekannten Komponisten. Erwarten Sie kein Nachschlagewerk und keinen Kurs. Der Kommentar ist aber gründlich. Sie müssen mehr als durchschnittliches musikalisches Interesse haben, um allem im Detail folgen zu können. Bei jedem besprochenen Werk stehen Partituren und Texte (mit Übersetzung!), denn es gibt sowohl Instrumental- als auch Vokalwerke.

Andere Meisterwerke

Vielleicht das Wichtigste des Buches ist, dass es dein Standardrepertoire der Barockmusik um viele Entdeckungen bereichert. Nicht noch mehr „Meisterwerke", auch nicht „kleine" Meisterwerke, sondern andere, die außerhalb des Kanons liegen. Und dieser andere Leuven-Musikologe, Pieter Bergé, schreibt in seinem Vorwort des Buches, dass es Bossuyt „letztendlich darum geht: die Bereicherung des Hörers." Dieser Hörer kann das sofort tun, denn ein QR-Code am Anfang von fast jedem Werk führt ihn unmittelbar zu den ausgewählten Musikfragmenten. Ein Beispiel? Von Andreas Christopher Clamer (1633-1701) schon gehört? Kaum bekannt, ein Salzburger, leitete dort die Chorknaben des Doms und veröffentlichte 1682 sein einziges Bündel instrumentaler Musik. Bossuyt wählt seine erste Suite als besonderes Beispiel aus und - wie kann ich es anders nennen - gibt Musikologieunterricht.

Text und Erklärung en masse: über Kadenzen, über Suiten, über ihre Tanzteile und ihre Namen, über Tempi und Tonalität, kurz gründlich, wie man es von einem emeritieren Professor erwarten kann. Aber täuschen Sie sich nicht, er ist dein bester Führer bei der Erschließung einer kaum bekannten Barokwelt. Und es gibt neben Clamer noch 49 andere, von denen er nach einer gut dokumentierten Biografie eine Komposition behandelt. Von Scheidt, Froberger, von Biber, Pachelbel hast du schon gehört, aber er wählt dann wieder Kompositionen von ihnen aus, die für dich Entdeckungen sein werden. Wie bei Johann Georg Conradi, einst Direktor des Hamburger Opernhauses. Es ist eine Oper von ihm erhalten, Die schöne und getreue Ariadne, mit „einer grandiosen Soloszene von neun Minuten", ein Lieblingsstück des Autors, dem er zwanzig Seiten widmet. Zu Recht, denn wenn du den QR-Code benutzt und der kanadischen Sopranistin Karina Gauvin zuhörst, bist du verkauft. Es ist eine Aufnahme aus 2004 mit dem Boston Early Music Festival Orchestra and Chorus unter der Leitung von Paul O'Dette.

Großmeister Johann Sebastiani

Bach selbst ist im Buch nicht ganz abwesend. Nein, er verweist sehr oft auf den Großmeister, wenn er auf ein Werk trifft, in dem er Verwandtschaft oder sogar Ähnlichkeiten in der Behandlung oder Textinterpretation findet. Übrigens gibt es auch ein kleines Kapitel über einen Cousin von Bach, Johan Christoph, und über noch ein anderes Familienmitglied, Johann Michael Bach, und er „rezensiert" von ihm das Choral Herr, wenn ich nur dich habe. Im Buch ist sogar ein Komponist aufgenommen, der Johann Sebastiani (sic) heißt. Und auch er schrieb eine Matthäuspassion, die Bossuyt ausführlich zerlegt. Die Chronologie und die geografische Reise durch die deutsche Barock endet bei Johann Kuhnau, Bachs Vorgänger als Kantor der Thomaskirche in Leipzig.

Ein umfangreiches Buch ist es geworden, mit noch jede Menge zusätzlicher Information am Ende. Du kannst nicht nur noch mehr Unterricht aus der Notenapparat, der Bibliografie und dem Index mit Namen und Orten ziehen. Es gibt auch eine lange Liste mit Hörbeispielen auf YouTube im Buch. Für wen doch mehr Interesse für Bach selbst besteht, gibt es einen Index mit zitierten Werken von ihm. Danach folgt noch eine Diskografie und der Verweis auf die Website IMSLP.org, zum Konsultieren von Partituren: „eine wahre Goldgrube mit sowohl Originaldrucken als auch Handschriften als auch modernen Ausgaben. Eine ausführliche Erklärung über die verwendete Terminologie darf bei einem Autor nicht fehlen, der zuvor bereits das lehrreiche Buch Van noten en tonen. Wegwijs in muzikale begrippen schrieb. Lass dich also ungeniert auf diesen unbegangenen barocken Pfaden von diesem eminenten Kenner leiten und erweitere dein eigenes musikalisches Wissen mit mindestens ein paar Werken aus diesem „verborgenen Schatz".


  • WAS: Der verborgene Schatz der deutschen Barockmusik. Von Schütz bis Bach (1650-1700)
  • WER: Ignace Bossuyt
  • AUSGABE: Sterck & De Vreese, Gorredijk, 2021, 432 S.
  • BUCHVORSTELLUNG: Online-Streaming durch das Concertgebouw Brugge am 6. Juni 2021 um 11 Uhr durch Ignace Bossuyt (Redner) und Korneel Bernolet (Cembalo). Lesen Sie hier das Programm und wie Sie teilnehmen können.
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