Mit La Traviata (1853), dem mitreißenden Liebesdrama des Komponisten Guiseppe Verdi, öffnet die Opéra Royal de Wallonie-Liège die – virtuellen – Türen wieder. Mit dieser sensiblen semi-konzertanten Produktion setzt das Opernhaus nach dem Tod von Regisseur und Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera diese Saison erneut an. Mit Rücksicht auf die Aktualität zeigt die Oper von Verdi unter der Leitung von Dirigentin Speranza Scappucci jedenfalls die Fragilität der Liebe und des Lebens.
Um 1853 erlebte Verdi eine Reihe von Erfolgen mit Rigoletto (1851), Il Trovatore (1853) und seiner intimsten Oper La Traviata. Basierend auf dem Roman La Dame aux camélias von Alexandre Dumas fils (junior) erzählt La Traviata die Geschichte der gefallenen Frau in der französischen beau monde. Dumas hatte die Geschichte auf seine eigene Mätresse Marie Duplessis gestützt, aber auch für Verdi hatte diese Tragödie eine doppelte Schichtung. Die Sopranistin Giuseppina Strepponi, die zweite Frau des italienischen Komponisten, hatte ein kompliziertes Privatleben. Daher behandelte die konservative und katholische italienische Gesellschaft sie nicht immer als eine „vollwertige" und „reine" Frau. Dennoch dauerte die Liebe zwischen Verdi und Strepponi lange nach ihrem Tod an.
Die gefallene Madonna
La Traviata zeigt, wie gesellschaftlicher Schein und echte Liebe manchmal weit auseinander liegen. Violetta Valéry, die Protagonistin der Geschichte, ist krank und daher bereits zu Beginn der Oper ein Opfer des Schicksals. Als Kurtisane scheint sie sich während der Oper ihrer Platz in der Gesellschaft bewusst zu sein. Sie leugnet daher anfangs hartnäckig den Nutzen und die Notwendigkeit der Liebe. Aber wenn sie sich doch darauf einlässt, wird ihr dieses Glück nicht gegönnt. Dieser Mangel kommt in Form von Giorgio Germont zum Ausdruck, der sie bittet, seine Familie nicht mit ihrem skandalösen Ruf zu besudeln. Ihre Liebe zu seinem Sohn Alfredo ist nicht erwünscht. Ein tragischer Faden durchzieht die gesamte Oper, der deutlich hörbar ist in den zarten, demütigen Streichern des Violetta-Themas, in denen, was auch immer Violetta tut, sie nie gewinnen wird. Ihr Schicksal ist bekannt, und dennoch stirbt sie nach einem letzten Energieschub, einem letzten Griff nach dem, was sie eigentlich vom Leben wollte: glücklich sein.
Italienische Tragik
Dass Verdi mit seiner tragischen, manchmal fast autobiografischen Oper La Traviata im katholischen Italien eine sensible Saite traf, ist bekannt. Es hat bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts gedauert, bevor die Oper in einer realistischen Umgebung aufgeführt werden durfte. Das Thema lag zu nahe, zu sensibel bei dem italienischen Publikum.
Für die Produktion der Opéra Royal de Wallonie-Liège ist gerade diese Sensibilität in den Mittelpunkt gerückt. Kein übertriebener Glanz und Glamour der Pariser Bourgeoisie, sondern vor allem eine sensible Protagonistin. Violetta (Koloratursopranitin Patrizia Ciofi) hat in dieser Produktion eine zarte Kraft, die stark daran erinnert, wie Sopranistin Maria Callas ihre Kolleginnen immer dazu aufforderte, diese Rolle zu singen: sensibel, fast zerbrechlich in ihrem größten Schlussstück "Addio del passato" (dritter Akt). Die Koloratur ist bemerkenswert, denn sie wird nicht nur getragen, sondern lässt auch die Kraft der Fragilität durch die Opernproduktion sprechen. Violetta ist nicht nur hohe Sprünge und schnelle Läufe, sondern vor allem Kraft im Schicksal. Dies ist deutlich in der Aufführung von Ciofi hörbar. Auch die anderen Sänger wie Tenor Dmitry Korchak (Alfredo Germont), Bariton Giovanni Meoni (Giorgio Germont) und Mezzosopranistin Caroline de Mahieu (Flora Bervoix) müssen sich nicht verstecken. Der tragische Germont-Brief, eingeleitet von Operndirektor Stefano Mazzonis di Pralafera selbst, gibt der Aufführung eine tiefere Bedeutung.
Die Zusammensetzung des Ensembles für diese Produktion zeigt, dass eine gute Aufführung von La Traviata nicht von seinem spektakulären Aussehen abhängt – denn diese Oper eignet sich durchaus für den nötigen Glanz und Glamour – sondern von den richtigen und kräftigen Stimmen. Mit einem technisch starken Team bringt diese Produktion genau das bisschen mehr zu den allseits bekannten Arien und Chorstücken dessen, was eine von Verdis berühmtesten Opern ist.
Mit La Traviata präsentiert die Opéra Royal de Wallonie-Liège eine klassische Oper in ihrer reinsten Form als Neuanfang. Die Aufführung erinnert das Publikum nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch an die Zukunft. Am Ende gibt es nichts Aktuelleres als die Sensibilität von Leben und Liebe.
- WAS: Guiseppe Verdis La Traviata (1853)
- WER: Orchester und Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège, Dirigent Speranza Scappucci, Regie Gianni Santucci, Koloratursopranitin Patrizia Ciofi (Violetta), Tenor Dmitry Korchak (Alfredo Germont), Bariton Giovanni Meoni (Giorgio Germont), Mezzosopranistin Caroline de Mahieu (Flora Bervoix) und Solisten der Opéra de Wallonie-Liège
- WO: Opéra Royal de Wallonie-Liège
- WANN: Vom 8. April bis 18. April 2021 via Video on Demand
- PRODUKTION: Opéra Royal de Wallonie-Liège, gesehen am 8. April 2021
- FOTOS: © Opéra Royal de Wallonie-Liège