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Die unmögliche Stille: Heiner Goebbels liest Thoreau in "Walden" neu

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· 4 Min. Lesezeit
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Die unmögliche Stille: Heiner Goebbels liest Thoreau in "Walden" neu

Walden wurde 1998 von Heiner Goebbels (°1952) für das Ensemble Modern Orchestra geschrieben und nutzt die Stimme und Präsenz des amerikanischen Performers Bob Rutman. Der Ausgangspunkt ist klar: Fragmente aus „Walden" von Henry David Thoreau (1817-1862) – sein Bericht über die Abgeschiedenheit an den Ufern des Walden Pond, ein klassisches Plädoyer für Einfachheit und den Rückzug aus der modernen Welt. Die Beziehung zu diesem Text ist jedoch, wie Goebbels selbst anmerkt, viel weniger idyllisch als bei Thoreau: Während der Schriftsteller noch eine Form von transzendentalem Vertrauen in die Abgeschiedenheit ausdrückt, dreht sich Goebbels' Werk um die Bruchlinien zwischen Abgeschiedenheit und Welt, zwischen individueller Selbstbestimmung und dem unvermeidlichen Druck des Sozialen und Technologischen. Und genau dieses Ideal von Ruhe und selbstgenügsamer Naturerfahrung wird bei Goebbels sofort unter Spannung gesetzt. Er bringt Thoreau herein, lässt ihn aber nicht in Ruhe. Es ist genau diese instabile Spannung, die als Unterströmung durch das ganze Werk läuft.

Ganz unerwartet landete diese CD zum Besprechen im Briefkasten, und im Nachhinein bin ich darüber nicht traurig, denn trotz der brennenden Hitze draußen wurde ich sofort in eine unfassbare Klangwelt gezogen. Was als etwas begann, das noch vage suggerieren konnte, dass es um Natur oder Stille geht, verschob sich schnell zu jazzy, rhythmisch geladenen Mustern, in denen jede idyllische Lesart untergraben wurde. Wer hier eine stille Klangmalerei von Wald und Wasser erwartet, wird enttäuscht: Heiner Goebbels ist nun mal der letzte Komponist, der sich einer wörtlichen oder beruhigenden Lesart hingeben würde. Ursprünglich als Gegengewicht zu Surrogate Cities (1994) konzipiert, ist das Werk letztendlich ebenso vielschichtig und widerspenstig geworden. Diese Schichtung von Klangwelten hört man von den ersten Minuten an – Goebbels legt sie wie Sedimente übereinander, orchestrale Eruptionen, die an den Rand des zeitgenössischen symphonischen Idioms stoßen, neben rhythmischen Mustern, die an Trip-Hop oder Industriemusik erinnern, und ambient-ähnliche Passagen, die eher filmisch als natürlich wirken.

Das Ensemble Modern ist dabei kein klassisches begleitendes Orchester, sondern ein aktiver, fast solistisch agierender Klangapparat. Die Musiker spielen nicht in einer homogenen Orchesterebene, sondern in scharf abgegrenzten Clustern, die sich ständig verschieben: zarte Texturen können plötzlich in raue, fast mechanische Ausbrüche umschlagen. Das macht die Musik physisch präsent, eher skulpturhaft als linear. Peter Eötvös hält als Dirigent diese Vielfalt nicht glatt, sondern scharf geschnitten: Er lässt Spannungen bestehen, statt sie aufzulösen, Einsätze scheinen manchmal bewusst knapp aneinander vorbeizugehen, Tempi verschieben sich leicht, und Kontraste werden nicht abgerundet, sondern vergrößert. Das Ganze bekommt dadurch eine ausgesprochene theatralische Dimension, als würden sich verschiedene Szenen ständig überlappen.

Im Zentrum steht Bob Rutman, der nicht nur den Text von Thoreau deklamiert, sondern auch singt und Kehlgesang einsetzt, während er seine selbstgebauten Instrumente spielt: das steel cello und bow chimes, rituelles Klangobjet aus resonantem Stahl – kühl und metallisch –, die einen fast physisch hörbaren Klangraum öffnen. Seine Präsenz ist nicht die eines klassischen Solisten, sondern einer performativen Figur, die das Orchester sozusagen von innen heraus aus dem Gleichgewicht bringt. Besonders die Wechselwirkung zwischen seinen metallischen Resonanzen und der orchestralen Textur sorgt für ein Spannungsfeld, in dem Klang kontinuierlich zu kollidieren und sich wieder aufzulösen scheint. Das Orchester kann flüstern oder explodieren, wird aber immer wieder durch Rutmans Klangsprache aus seinem Gleichgewicht gebracht. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Ritual und Science-Fiction.

Neun Teile lang – von Where I Lived, and What I Lived For bis The White Pond – bleibt diese Spannung intakt, ohne dass das Werk in bloße Sferenmalerei verfällt. Besonders in den Eröffnungsteilen dominieren noch die ambient-ähnlichen, filmischen Texturen; mit der Zeit gewinnen die rhythmisch geladenen, fast Trip-Hop-artigen Muster die Oberhand, bis Rutmans Metallklänge in den Schlussteilen wieder die Stille zurückfordern. Was Goebbels tut, ist keine Illustration von Thoreau, sondern eine radikale Umarbeitung und Destabilisierung von dessen Idee der Abgeschiedenheit zu etwas Instabilem und Zeitgenössischem.

Das Ergebnis ist eine Stunde Musik, die sich schwer klassifizieren lässt, und genau darin liegt ihre Kraft. Goebbels' Walden ist keine beruhigende Naturerfahrung, sondern eine unruhige Klanglandschaft, in der Thoreaus Idee der Stille ständig mit den Geräuschen unserer viel komplexer gewordenen Welt kollidiert.

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