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Das Zweite und das Erste: Klavierrezitale von Sergeï Redkin und Boris Giltburg

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Das Zweite und das Erste: Klavierrezitale von Sergeï Redkin und Boris Giltburg
© Sofia Philharmonic, Sasha Gusov

Bezaubernd ist das Wort, das am besten zum Recital des russischen Pianisten Sergeï Redkin in der Beckett-Saal des Genfer Theaters Tinnenpot am 8. Dezember passt. Wir kennen Redkin von seinem Auftritt bei der Feier von 10 Jahren Klassiek Centraal im Jahr 2016 und vom Corona-Ausgabe des Elisabethwettbewerbs für Klavier im Jahr 2021, eine Ausgabe ohne großes Publikum.Er wurde Zweiter.

Das Programm ist um das Jahr 1917 zusammengestellt, das Jahr der Russischen Revolution. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt: Rachmaninov und Prokofiev. Rachmaninov blickt mit seinen Etudes-Tableaux op.39 noch auf die großartige kaiserliche Vergangenheit zurück, Prokofiev blickt bereits in die Zukunft. Nicht seine Kriegssonaten (sechste und siebte), sondern seine dritte und vierte Sonate stehen auf dem Programm. Darin stecken noch viele russische Träume, aber man hört bereits das Tragische und Frenetische der Revolution und des späteren Prokofiev. Zwischen den Antipoden Prokofiev und Rachmaninov spielt er zwei kürzere Stücke von weniger bekannten Russen, Medtner und Majakovsky. Von Medtner "the magic fiddle", eines seiner Märchen für Klavier. Von Majakovsky spielt er "whimsies", Skizzen oder besser, Launen. Launen der undurchdringlichen russischen Seele.

Introvertiert

[caption id="attachment_39292" align="alignleft" width="281"] Sergei Redkin (Foto: Sofia Philharmonic)[/caption]

Redkin ist ein introvertierter Pianist mit einem etwas kindlichen Gesicht. Er sitzt in völliger Konzentration. Er ist die Ruhe selbst in dieser hektischen Welt. Er lebt mit, hinter, bei, dank, für sein Klavier. Nach seinem Recital kommt er ins Foyer, um das Publikum zu begrüßen, erst dann fällt auf, wie groß er ist. Ein Riese mit einem Engelskopf, blonde Locken, die bei aufputschenden Passagen um seinen Kopf wippen. Ein außerirdisches Wesen, auf die Erde herabgestiegen. Er spielt demütig und aufrichtig, ohne Star-Allüren. Er ist erst 33, l'âge du Christ.

Der Flügel in der Beckettzaal des Theaters Tinnenpot ist kein Steinway-Konzertflügel, sondern ein kleinerer Steinweg aus dem Jahr 1925, der Zweig der Steinwegs, der in Deutschland blieb. Redkin hätte lieber Chopin darauf gespielt, denn auf dem kleineren Flügel kann er nicht all den Glanz aus Rachmaninov und Prokofiev herausholen. Es zeigt einmal mehr, wie meisterlich er es mit begrenzten Mitteln bewältigt hat.

Das gesamte Programm und der großartige Auftritt von Sergeï Redkin erinnern uns daran, wie reich und faszinierend der russische Kanon ist, ohne ihn mit der damaligen oder heutigen geopolitischen Situation zu verbinden.

Beethovens frühe Sonaten

Pianist Boris Giltburg ist der Gegenpol zu Redkin. Mit seinem kantigen Gesicht lacht er das Publikum und das Leben an. 2013 gewann er den Elisabethwettbewerb. Geboren in Moskau 1984, wanderte er im Alter von zehn Jahren nach Israel aus. Nach dem zweiten Preisträger von 2021 hören wir am 13. Dezember den ersten, den Gewinner des Elisabethwettbewerbs von 2013. Macht das musikalisch gesehen nicht viel aus, Giltburg wird den Glanz und das Prestige des Gewinners immer mit sich tragen.

[caption id="attachment_39293" align="alignleft" width="300"] Boris Giltburg (Foto: Sasha Gusov)[/caption]

Das Programm ist vollständig dem jungen Beethoven gewidmet. Keine der legendären späten Sonaten, sondern Sonaten mit frühen Opusnummern, die noch klassischen Zuschnitts sind, inspiriert von seinem Lehrer Haydn. Er beginnt mit der sechsten in F. Sofort fällt auf, wie geschmeidig, fast elastisch er mit dem Tempo umgeht. Er spielt, als würde er improvisieren. Auch auffällig ist, dass er nicht auswendig spielt, es steht ein iPad vor seiner Nase. Ist es ein Sicherheitsnetz, oder einfach ein Zeichen, dass die Noten von Beethoven und nicht die Virtuosität von Giltburg hier im Mittelpunkt stehen? Auch in der elften Sonate überrascht er mit seinem rhetorischen Spiel, voller winziger Tempoänderungen.

Im ersten Teil der bekannten Mondschein-Sonate lässt er sein Publikum träumen. In der letzten Sonate, dem Opus 2 Nr. 3, holt er alles aus der Trickkiste. Sofort wird klar, warum er diese früheste Sonate des Programms für das Finale dieses Abends aufbewahrt hat und das Programm also nicht chronologisch aufgebaut hat. Oft wird das Oeuvre von Beethoven in drei Perioden unterteilt: die klassische, die heroische und die späte. Hier konnten wir erneut hören, wie erneuernd und heroisch Beethoven auch bereits in der klassischen Periode, in den ersten Opusnummern war.

Bonn am Rhein

Giltburgs Recital fand am Freitag, den 13. Dezember statt. Meine Ehefrau begleitete mich zu diesem wunderschönen Recital. Unsere Beziehung begann auch an einem Freitag, dem 13. Dezember, im Jahr 1996, genau 28 Jahre ago in Deutschland. Beethoven brachte uns in seiner Stadt Bonn zusammen. Dieses Recital war nicht nur ein Fest für Musikliebhaber und Beethoven-Fans, auch für uns persönlich hatte es eine besondere Bedeutung.

Tags concert
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