Manche Konzerte ergreifen dich vom ersten Ton an. Andere brauchen Zeit. Bei Madre Selva, dem Programm, das Ensemble Vedado und die Sängerin und Traversflötistin Diana Baroni am letzten Tag des phänomenalen 40. Festival de l'Abbeye de Saint-Michel en Thiérarchie brachten, hatte ich anfangs das Gefühl, dass es so ein Konzert war. Während ich zuhörte, musste ich an einen schönen englischen Ausdruck denken: it has to grow on you. Musik, die nicht sofort alle ihre Geheimnisse preisgibt, sondern die langsam eindringt.
Madre Selva ist eine Ode an die Natur, verwurzelt in südamerikanischen Musiktradionen, aber zugleich viel mehr als das. Im Programmtext wird die Erde als universelle Mutter aufgeführt. Selbst Gold verliert einmal seinen Glanz, lesen wir, während das Leben selbst zerbrechlich und endlich bleibt. Die Musik lädt ein, zu dem Wesentlichen zurückzukehren: zum Herzschlag, zur Atmung, zu Ritualen, zur Stille und zur Verbundenheit mit der Natur.
Mehrfach brachte das Programm mich ideenmäßig zurück zu Haydns Die Schöpfung. Nicht weil die Musik sich ähnelte, sondern weil dieselbe Bewunderung über die Schöpfung kontinuierlich präsent war. Jeder Schritt in der Natur schien hier besungen zu werden. Dieses Gefühl wurde noch verstärkt durch die wunderschönen Balladen von Tunde Jegede. Ein Text von ihm erzählte, dass am Anfang nicht das Wort war, sondern die Vibration. Ein Gedanke, der in einem Programm wie diesem besonders kraftvoll hereinkommt.
Die Musik bewegte sich ständig zwischen Betrachtung und Festlichkeit, zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Einer der Höhepunkte für mich war die Charpentier, die wie ein Fluss durch das Programm floss. Die Kombination der straffen Viola da Gamba und subtiler Naturgeräusche funktionierte besonders schön. Als würde ein Bächchen durch einen Wald laufen und unterwegs alles zum Leben erwecken. Aber es gab auch Raum für Leichtigkeit und Vergnügen. La Guanábana besang die Süße tropischer Früchte in einer herrlich swingenden Atmosphäre. Diana Baroni ließ dabei hören, über welch natürliche und geschmeidige Stimme sie verfügt. Noch lebendiger wurde es in dem Lied über eine Straßenverkäuferin, die ihre Früchte anzupreisen versucht. Das Lied mündete in eine echte mexikanische Diskussion zwischen den Musikern aus, ein verspielter Moment, der das Publikum sichtlich amüsierte.
Der Ernst war jedoch nie weit entfernt. Das Lied La muerte del animal wurde den Opfern des Erdbebens in Venezuela gewidmet und wurde gleichzeitig als Metapher für das Verschwinden von Poesie, Literatur und Liebe aus unserer modernen Welt verwendet. Es war einer jener Momente, in denen die Musik deutlich eine breitere gesellschaftliche Bedeutung erhielt. Wie durch das ganze Konzert spielten auch Poesie und Wort eine wichtige Rolle. Texte wurden gesprochen, gesungen und mit der Musik verwoben. Während Calor wurde das Publikum sogar eingeladen, mitzuscandern: „tambor, tambor, tambor". Ich muss ehrlich zugeben, dass ich immer noch nicht genau weiß, was ich alles mitgerufen habe, aber es wirkte ansteckend. Kurz darauf folgte mit La tarde pidiendo amor einer der zärtlichsten Momente des Nachmittags. Das Lied beschreibt den mysteriösen Übergang von Abend zu Nacht und wurde vom Ensemble mit großer Raffinesse gebracht.
Die Abteikirche erwies sich zudem als ideale Umgebung für diese Musik. Jahrhundertelang wurde hier täglich das Lob der Schöpfung gesungen. Fast zur gleichen Stunde geschah das erneut, allerdings in einer anderen musikalischen Sprache. Und als ob die Symbolik nicht groß genug war, flog während des Konzerts plötzlich ein Vogel frei durch den Chor der Kirche. In so einem Moment denkst du nur: das stimmt genau. Der Gott, der hier wohnt, sah, dass es gut war!
Ensemble Vedado wurde in Paris von dem kubanischen Gambisten Ronald Martin Alonso gegründet und zeichnet sich durch einen kontinuierlichen Dialog zwischen Stilen, Epochen und Kulturen aus. Alt und Neu, Europa und Lateinamerika, klassische Musik und Volksmusik bekommen hier alle ihren Platz. Alonso selbst spielte die Viola da Gamba auf meisterhafte Weise und verbindet große technische Beherrschung mit einer ausgeprägten eigenen Vision. Der Mexikaner Rafael Guel Frías wechselte mühelos zwischen Barockgitarre, Flöten, Gesang und verschiedenen anderen Instrumenten. Nach dem Konzert erzählte er mir, dass die Partitur durch die große Vielfalt der Instrumente kontinuierliche Konzentration erfordert. Abraham Mansfarroll sorgte dann wieder für eine bunte Perkussionswelt, die das ganze Konzert unterstützte.
Und dann war da natürlich Diana Baroni. Die argentinische Sängerin und Traversflötistin gehört seit Jahren zu den absoluten Referenzen der historischen Aufführungspraxis. Ihre Aufnahmen, mit den Größten der Erde, gelten heute noch immer als Standards innerhalb des Repertoires. Nach dem Konzert erzählte sie eine kleine Anekdote. Sie wusste, dass sie schon einmal in dieser Abtei gewesen war, erinnerte sich aber erst an jenem Morgen, warum: vor Jahren machte sie hier zusammen mit Leonhardt eine Aufnahme von Bachs Hochzeitskantate.
Noch wichtiger war, was sie anschließend über die Freundschaft und die Liebe innerhalb des Ensembles erzählte. Laut ihr bilden diese die Grundlage für alles, was Vedado tut. Es klang schön, aber vor allem: du sahst und hörtest es auch. Das zeigte sich vielleicht am stärksten während der Zugabe.
In einer unglaublich schönen Zugabe kehrte immer wieder das Wort niña zurück. Die Zärtheit, mit der es gesungen wurde, schien die ganze Abteikirche zu erfüllen. Plötzlich wurde klar, worum es in diesem Konzert wirklich ging. Nicht um Stile. Nicht um Genres. Nicht um historische Aufführungspraxis oder Crossover. Wohl aber um die Wärme und Kraft der Musik, um Authentizität, um menschliche Verbundenheit und das ist das Wesentliche von Madre Selva.
Es erklärte auch, warum der Applaus am Ende viel mehr war als eine höfliche Danksagung. Das Publikum applaudierte lange, aber vor allem rhythmisch. Als wollte es aktiv an dem teilnehmen, was auf der Bühne entstanden war. Die fünf Künstler nahmen diese Wertschätzung sichtlich dankbar und gerührt auf. Und zu Recht. Denn das, was anfangs ein Konzert zu sein schien, das Zeit brauchte, um zu wachsen, war am Ende zu einer Erfahrung herangewachsen, die vollkommen an ihrem Platz war. Wie jener Vogel über dem Chor. Wie die Abteikirche. Wie die Musik selbst. Alles stimmte.
Wer diese fantastischen Künstler in diesem bedeutungsvollen Programm noch einmal hören möchte: das ist am 23. August beim Festival de l'Eté Mosan in Dinant möglich.