Monteverdi's L'Orfeo ist und bleibt eine der bedeutendsten Barockopern aller Zeiten. Sie war in jedem Fall die erste bedeutende Barockoper mit enormem Einfluss auf die Musikgeschichte. Eine historisch verantwortungsvolle Aufführung zu bringen ist daher unerlässlich, aber keineswegs eine leichte Aufgabe. Dennoch gelang es Paul Agnew mit Bravour, eine authentische, wunderbar inszenierte Version zu realisieren.
Wie sich die Zuschauer am 24. Januar 1607 fühlten, als sie die Uraufführung von L'Orfeo im Palast von Mantua besuchten, werden wir niemals erfahren. Ein völlig neues Konzept war es sicherlich, und dann auch noch bis zur Perfektion ausgearbeitet. Um das Gefühl des auserwählten Publikums der Uraufführung von Monteverdis erster Barockoper nachzuahmen, wählt Dirigent und Metteur-en-Scène Paul Agnew eine so historisch korrekte wie mögliche musikalische Besetzung.
Nur ein Sänger pro Stimme also, wie es bei Monteverdis Madrigalen, die L'Orfeo vorausgingen, üblich war. In Kombination mit einer kleinen Orchesterbesetzung und einer Raumeinheit (nur ein Bühnenbild) macht dies die Aufführung umso intimer. Eine wunderbare Wahl auch, die Musiker am Geschehen teilhaben zu lassen: In einer Passage mit Lautenbegleitung sitzt der Lautenspieler beispielsweise als ein Barde mit auf der Bühne, und während der Festlichkeiten gehen die Violinisten und Flötisten einfach mit dem fröhlichen Zug mit.
Wer von der großartigen Inszenierung so überwältigt ist wie ich selbst, wird beim weiteren Anschauen der DVD-Aufnahme zweifellos Schwierigkeiten haben, noch irgendwelche Kritikpunkte zu finden. Natürlich gefällt dem einen Sänger oder der anderen schon etwas besser als dem anderen, doch im Großen und Ganzen gibt es an den Leistungen der Musiker und des Ensembles sehr wenig auszusetzen: kein übertriebenes oder unerlaubtes Vibrato (wie es bei Opernsängerinnen und -sängern durchaus regelmäßig vorkommt) und die starke Verkörperung von Charakteren strahlt eine gewisse Ruhe aus, besonders in Kombination mit dem kleinen und schön ausgearbeiteten Bühnenbild. Cyril Auvity (Orfeo) passt perfekt in seine Rolle, was auch für seinen Mitprotagonisten Hannah Morrison gilt, die die Rolle der Euridice verkörpert.
Besonders stark ist auch Messagiera Lea Desandre. Als Botin hat sie die Aufgabe, im Geschehen Orfeo immer die schlechte Nachricht zu bringen, was ihre Rolle umso komplizierter und schwieriger macht. Darüber hinaus verkörpert sie auch die Rolle der Speranza, der Hoffnung, und muss daher während des Singens sowohl schlechte als auch gute Nachrichten vermitteln können, was ihr zweifellos gelingt. Mit seiner starken, aber scharfen Bassstimme sorgt Antonio Abete dann wieder für eine wunderbare Verkörperung als Pluto, Gott der Unterwelt.
Kurz gesagt, die DVD-Aufnahme von L'Orfeo durch Les Arts Florissants ist ein Juwel für Ohr und Auge. Die wunderbar ausgearbeitete Inszenierung in Kombination mit dem äußerst starken Ensemble und den Musikern macht diese Aufnahme zu einer der besseren Aufführungen von Monteverdis ursprünglicher Version von L'Orfeo.
- WAS: L'Orfeo, Claudio Monteverdi
- WER: Les Arts Florissants u.L.v. Paul Agnew
- SÄNGER: Cyril Auvity (Orfeo), Hannah Morrison (La Musica), Paul Agnew (Apollo/Eco), Miriam Allan (Prosperina/Ninfa), Lea Desandre (Messagiera/Speranza), Carlo Vistoli (Spirito infernale/Pastore), Sean Clayton (Pastore), Zachary Wilder (Spirito infernale/Pastore), Antonio Abete (Plutone/Spirito infernale/Pastore), Cyril Costanzo (Caronte/Spirito infenale)
- AUSGABE: Harmonia Mundi (HMD 9809062.63)