Ihr, die Streiter seid Gottes und seines Gesetzes, bittet um Hilfe des Herrn und um seine Gnade. Anhänger Jesu Christi, seid tapfer im Kampf!
Der Klang war kantig, starrköpfig, entschlossen. Kein bombastisches Volumen, sondern innere Kraft. Das Liedthema wurde wiederholt, verzerrt, widerspenstig, wie ein Kampf, der sich hinzieht. Luks baute den Spannungsbogen langsam auf, hin zu einem unvollendeten Ende – als würde der Kampf noch nicht vorbei sein. Das Orchester spielte hier mit schlanker Kraft, ohne romantische Schwere. Blaník – Hoffnung im Herzen des Berges Während Tábor in Bedrohung endete, bot Blaník Erlösung. Das Hussitenlied kehrte zurück, transformiert zu einem hoffnungsvollen Motiv. Die Ritter aus der Legende schlafen im Berg Blaník, wartend auf den Moment der Not. In diesem Schlusssatz erklang das Hussitenlied erneut, doch nun transformiert zu einem hoffnungsvollen, fast triumphalen Thema. Die Musik bekam Flügel. Luks machte daraus ein Gebet und einen Siegesmarsch zugleich. Die Rückkehr des Vyšehrad-Themas brachte alles zusammen: das Vaterland als Erinnerung, als Verheißung, als Traum. Kein schreiendes Schlussakkord, sondern ein Schlussakkord voll Trost – das Vaterland wurde besungen, bedacht und geheilt. Die Kraft der Vorbereitung Was beim Konzert so selbstverständlich klang, war das Ergebnis intensiven und durchdachten Probens. Während der Probe sah ich, wie Luks arbeitet: kein autoritäres Gestus, sondern ein offener Dialog. Er gab gezielt Anweisungen über Klangfarbe, Phrasierung, Rhythmus. Er konsultierte den Konzertmeister, sprach mit Musikern, fühlte das Orchester. Auffällig: Luks dirigiert normalerweise ohne Stab, aber für dieses romantische Repertoire wählte er dafür. "Es ist einfach klarer für das Orchester," erzählte er. Er folgt Smetanas Notizen minutiös – etwas, das selten vorkommt. "Es stehen so viele Anweisungen in der Partitur. Er war taub, als er Má Vlast schrieb, und trotzdem klingt es, als hätte er alles gehört." Luks' Tempi sind oft frischer als gewöhnlich. Er stützte sich dafür auf die erste Aufnahme der Tschechischen Philharmonie u.d.L. Václav Talich aus 1929. "Dort hört man eine enorme Freiheit im Musizieren. Das ist für mich authentisch: zu untersuchen, wie es damals geklungen haben muss, nicht wie wir es jetzt gewohnt sind." Farbenreichtum und Ausgewogenheit Was diese Aufführung wirklich auszeichnete, war die Farbe. Keine massiven Blöcke, sondern transparente Schichten. Die Streicher spielten mit einer natürlichen Artikulation und leichtem Portamento, das die Volksmusik subtil evoziert. Das Blech spielte nicht auf Kraft, sondern auf Charakter. Und die Holzbläser – oh, die Holzbläser – zeichneten Konturen wie nie zuvor. Kein Museumsstück, sondern lebende Musik Smetanas Vaterland ist kein geographischer Ort, sondern eine Idee, eine Sehnsucht, eine Erinnerung. Anima Eterna Brugge und Václav Luks machten aus Má Vlast kein muffeliges Museumsstück, sondern lebende Musik. Die historische Aufführungstradition wurde nicht als Begrenzung verstanden, sondern als Quelle der Kreativität. Für Luks war es erfrischend, diese Musik mit einem Orchester zu spielen, das nicht in der tschechischen Tradition verwurzelt ist. Má Vlast ist nämlich kein platter Patriotismus, sondern hat einen universellen Charakter, der jeden berühren kann. Und so geschah es. Má Vlast wurde ein ergreifendes musikalisches Porträt, das dir die Kehle zuschnürt. Smetanas Traum erklang erneut – nicht als Erinnerung, sondern als lebende Kraft. Ein Vaterland in Klang: mit Respekt, mit Tiefe, mit Feuer.Ein Vaterland im Klang – Anima Eterna Brugge & Václav Luks ehren Smetana
W
Von
Werner De Smet
· 7 Min. Lesezeit
Mit der Integralaufführung von Má Vlast von Bedřich Smetana (1824-1884) setzte Anima Eterna Brugge am Samstag, 13. September, im Concertgebouw Brugge unter der Leitung des tschechischen Maestro Václav Luks ein musikalisches Denkmal. Der Klang war so authentisch und einfühlsam, dass man sich einen Moment lang in einem Prager Konzertsaal wähnte.
Ein persönliches Vorspiel
Als ich 2019 das Ensemble Collegium 1704 unter Václav Luks zum ersten Mal bei Händels Messiah am Werk sah, war ich sofort verkauft von der Authentizität dieser tschechischen Vollblutmusiker. 2021, mitten in der Coronazeit, brachte dasselbe Collegium beim Prager Frühlingsfestival Má Vlast. Wieder war ich begeistert: Was für eine Wiedergeburt einer Partitur, die oft in Routine verfällt!
Also, als ich hörte, dass Luks mit Anima Eterna Brugge dieses Meisterwerk erneut aufführen würde, zweifelte ich keine Sekunde: das musste ich erleben.
Und dass es keine Wiederholung, sondern eine Wiederentdeckung sein würde, zeigte sich bereits bei der Probe am Nachmittag, die ich besuchen konnte. Was ich dort hörte – und sah – verlieh dem späteren Konzert noch mehr Gewicht.
Die Kunst des Erzählens
Václav Luks ist kein Dirigent, der das Spektakel sucht. Was er tut, ist erzählen – im Klang, in der Farbe, im Atem. Sein Zugang zu Má Vlast – sechs sinfonische Gedichte über die Landschaft, die Legenden und den Geist Böhmens – atmete Transparenz und natürlichen Verlauf. Nirgends erzwang er etwas, immer fühlte er. Luks wusste, wann er tragen musste, wann er loslassen musste.
Unter seinen Händen erblühte Anima Eterna Brugge zu einem Orchester, das nicht nur ausführte, sondern sang, sprach und flüsterte. Der Einsatz historischer Instrumente – darmsaitige Streicher, Holzbläser mit warmem, weichem Ton, Blech ohne die moderne Schärfe – machte diesen Abend zu einer sonotechnischen Zeitreise nach Prag und Böhmen des späten 19. Jahrhunderts.
Während der Probe an jenem Nachmittag bekamen wir einen besonderen Einblick. Anima Eterna Brugge suchte zunächst nach den richtigen Instrumenten, diskutierte über Stimmung, Saiten und Spielweise. Erst danach begann die eigentliche Arbeit in der Vorwoche. Für viele Musiker war dies die erste Begegnung mit dieser betörenden Partitur. Es fühlte sich an, als spielten sie selbst die Uraufführung – mit Neugier, Staunen und Respekt.
Sechs Sätze – sechs Gesichter eines Vaterlandes
Vyšehrad – die Burg als Klangdenkmal
Der Zyklus eröffnete mit einer Evokation der mythischen Prager Burg Vyšehrad. Die Anordnung der beiden Harfen – links und rechts auf der Bühne – schuf ein faszinierendes Stereobild. Sie zeichneten die Umrisse der alten Mauern, Erinnerungen in Stein und Saiten. Die feierlichen Blechklänge fungieren als Wächter am Tor, während die Streicher wie Nebel über der Moldau glitten. Luks ließ das Orchester wie ein Fresko spielen: verhalten, würdevoll, eine stille Hommage an die Vergangenheit.
Vltava – ein Fluss mit Seele
Wer Vltava als bloße Erkennungsmelodie erwartete, wurde überrascht. Luks entkleidete das Werk von aller Routine und Bombast. Die beiden Flöten sprachen wie Quellen, die zusammenfließen, und bald wuchs der Strom zu einer musikalischen Landschaft voller Phantasie: Jagdfanfaren, eine Bauernhochzeit, Nymphen, die bei Mondlicht auf dem Wasser tanzen. Der Fluss glitzerte, strömte – niemals mechanisch, immer lebendig. Die Flöten glänzten, buchstäblich und figürlich. Am Ende kehrte das Vyšehrad-Thema zurück, als poetische Geste: Der Fluss trägt die Vergangenheit mit sich. Das Klischee wurde enthüllt; die Musik klang wiedergeboren.
Šárka – Rache im Wald
Šárka führte uns in einen dunklen Wald, wo die Legende der kriegerischen Jungfrau, die ihre verführten Opfer ermordet, lebendig wurde. Die Anfangspassagen klangen schwül, unterschwellig bedrohlich. Als Šárka ihre Falle aufstellte, brach das Orchester los: rhythmisch, scharf, schneidend. Das hätte leicht grotesk klingen können, aber unter Luks blieb es dramatisch geschichtet. Eine Tragödie ohne Worte, musikalisch präzise erzählt.
Bemerkenswert: warum nach diesem dritten Satz eine Pause eingelegt wurde, bleibt ein Rätsel. Man sitzt mitten in der Geschichte – und wird plötzlich aus dem Roman gerissen. Glücklicherweise brachte die Kraft der Aufführung dich nach der Pause schnell zurück ins Universum von Smetana.
Z českých luhů a hájů – Lobgesang auf das Land
Wörtlich: Aus böhmischen Wäldern und Hainen. Diese pastorale Bewegung wurde unter Luks eine sonnendurchflutete Miniaturoper. Die Holzbläser pfiffen wie Vögel, die Streicher webten Licht durch die Bäume, das Blech funkelte wie Tau auf offenen Feldern. Das Orchester glänzte durch Transparenz: jede Stimme erhielt Raum. Der Höhepunkt – eine beinahe tänzerische Fuge – war eine Explosion der Freude, hell und natürlich. Selten klang eine Pastorale so frisch.
Tábor – streitbar und streng
Mit Tábor begann das Schlussduo des Zyklus, in dem das Hussitenlied Kdož jsú boží bojovníci zentral ist. Dieses Kampflied des 15. Jahrhunderts ruft zu Mut und Glaube auf im Kampf für Gerechtigkeit: