Es gibt Komponisten, deren Lebensweg man fast nicht von ihrer Musik trennen kann. Erwin Schulhoff (1894-1942) ist einer davon. Wenn man diese neue Aufnahme des Quartetto Eridàno auflegt, hört man nicht nur Noten, sondern eine ganze Epoche: die letzten Tage der Donaumonarchie, die Schockwellen des Ersten Weltkriegs, den brodelnden kulturellen Schmelztiegel des Prag der zwanziger Jahre – und unvermeidlich den Schatten, der sich danach über all dem legen sollte. Dass sich das junge italienische Quartetto Eridàno an diesem Repertoire versucht, verdient höchstes Lob: Schulhoffs Musik verlangt nicht nur technische Raffinesse, sondern auch die Fähigkeit, ständig zwischen Stilen, Stimmungen und Registern zu wechseln.
Das Programm eröffnet, vielsagend, nicht mit den bekanntesten Seiten. Das Divertimento op. 14 aus 1914 atmet noch den Geist von Haydn und Mozart, mit seinen galanten Tanzrhythmen und jagdhornhaften Gesten, aber bereits in der Cavatina und der Romanza zeichnet sich eine subtile Unruhe ab. Das Quartetto Eridàno widersetzt sich der Versuchung, dieses Werk nur elegant oder dekorativ anzugehen; die Musiker lassen die Lyrik frei atmen und geben der unterschwelligen Melancholie allen Raum, ohne sie zu übertreiben.
Mit den Fünf Stücken WV 68 (1923) schlägt die Stimmung um. Dies ist Schulhoff als stilistischer Vielfraß: ein wiegender Wiener Walzer mit ironischem Unterton, eine verschlagene Serenade, ein böhmischer Volkstanz, ein drückend heißer Tango und eine ausgelassene Tarantella. Die vier Musiker spielen diese Miniaturen mit hörbarem Vergnügen. Ihre Artikulation bleibt scharf, die rhythmische Flexibilität wirkt ansteckend und die vielen Charakterwechsel verlaufen wie selbstverständlich, ohne dass die Musik je in lose Stilübungen zerfällt.
Das Herzstück der CD wird von den beiden Streichquartetten gebildet. Das Erste Quartett (1924) eröffnet mit einem Presto con fuoco, das wirklich unter Spannung steht: nervös, scharf profiliert und voller Energie. Bemerkenswert ist, wie das Quartetto Eridàno im zweiten Satz Ironie und Melancholie sorgfältig gegeneinander abwägt. Im rustikalen Scherzo bekommen die slawischen Einflüsse eine erdhafte Unmittelbarkeit, während der Schlusssatz gerade durch seine verhaltene Konzentration glänzt. Die Musiker wagen es hier, die Musik bis zu einer fast gewichtslosen Transparenz auszudünnen, wodurch die einsamen Linien der Geige umso eindringlicher wirken.
Das Zweite Quartett (1925) ist kompakter und direkter. Der Kopfsatz besitzt eine fast mechanische Motorik, während die Variationsreihe ständig die Farbe wechselt: volkstümliche Wärme wird unerwartet durch einen verspielten Foxtrot durchkreuzt, ein typisch Schulhoffsches Zusammenspiel verschiedenster musikalischer Welten. Diese Vermischung ist bei Schulhoff niemals bloß ironisch: Sie spiegelt eine Zeit wider, in der Volksmusik, Jazz, Tanz und klassische Tradition nicht gegeneinander standen, sondern sich ständig gegenseitig beeinflussten. Das Quartetto Eridàno versteht es, solche Übergänge organisch klingen zu lassen und bewahrt dabei immer einen klaren Überblick über die Form. Das Finale wächst aus seinem nachdenklichen Anfang zu einer überzeugenden Apotheose heran, ohne die zugrunde liegende Ambiguität aus den Augen zu verlieren.
Was diese Aufnahme letztlich so überzeugend macht, ist die Kombination aus Klarheit und Engagement. Das Quartetto Eridàno – Davide Torrente und Sofia Gimelli (Violine), Carlo Bonicelli (Viola) und Chiara Piazza (Cello) – lässt die vier Stimmen vorbildlich ausgewogen klingen, wodurch Schulhoffs häufig geschichtete Schreibweise nirgendwo verstopft. Auch die Aufnahmequalität trägt dazu bei: Der Klang ist transparent und unmittelbar, mit ausreichend Wärme, um den lyrischen Momenten ihre volle Aussagekraft zu geben. Das Quartetto Eridàno präsentiert Schulhoff nicht als historische Kuriosität, sondern als einen Komponisten, der mühelos verschiedene musikalische Welten miteinander verbindet und darin eine völlig eigene Stimme entwickelte.
Dass Schulhoff 1942 im Internierungslager Wülzburg starb, macht seine Musik nachträglich unweigerlich auch zu einem Zeugnis einer verschwundenen Welt. Seine Musik überlebte ihn zum Glück. Diese Ausgabe lässt uns hören, warum: nicht nur wegen ihrer Erfindungsreichtum und stilistischen Fülle, sondern auch weil das Quartetto Eridàno sie mit Intelligenz, Überzeugung und einem feinen Gespür für Kontraste zum Leben erweckt. Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die sowohl Neueinsteigern als auch Kennern von Schulhoffs Werk viel zu bieten hat.