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Woggende Klangwolken

H
· 4 Min. Lesezeit
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Woggende Klangwolken

Immer häufiger spielen Musiker auf das Sphärische an. Akkordschemen werden über Bord geworfen und intrinsische Klangwolken nehmen ihren Platz ein. Diese Musik ist schwer zu beschreiben oder eindeutig zu definieren. Sie stellt unser Konzept dessen in Frage, was wir traditionell von (klassischer) Musik erwarten. Es ist schwierig, sie in nur ein Fach zu stecken. Es gibt keine musikalische Progression und das verwendete Material ist minimal. Dennoch ist es auch kein reiner Minimalismus wie die Musik von Steve Reich oder Terry Riley. Wie eine rollende Klangwolke schwebt diese Musik in einer Grauzone zwischen anderen Genres…

Das Album Komorebi von Trio Peltomaa Fraanje Perkola war hier nur ein Beispiel dafür. Viele ähnliche Alben und Künstler experimentieren mit einer ähnlichen Klangwelt. Nicht alle sind gleich gelungen. Was unterscheidet eine gut zusammengesetzte Klangwolke von Timbres von Klängen, die Zeit und Raum nicht zu füllen wissen und nur ein leeres Gefühl hinterlassen?

Auch hier ist die Antwort schwer abzugrenzen. Bei Trio Peltomaa Fraanje Perkola würde ich es dem Konzept zuschreiben, bei dem sich mittelalterliche Gesänge mit finnischer Volksmusik vermischen. Das Basismaterial ist vielleicht nicht mehr erkennbar, aber die Musik erhält dadurch einen einzigartigen Charakter. Dennoch ist es nicht immer das zugrunde liegende Konzept, das den erfolgsfaktor in sich trägt. Im Folgenden sind zwei Alben aufgeführt, die jeweils auf ihre eigene Weise dieses neue Genre überschreiten.

Für ihre Klangmalereien nutzen Nils Økland und Sigbjørn Apeland heute weniger gebräuchliche Instrumente. Økland führt die hardingfele (ein norwegisches Streichinstrument) ein und Apeland führt das Harmonium oder die Fußorgel wieder ein. Allein durch diese vergessenen Instrumente bekommt das Album Glimmer eine besondere "Soundscape". Das Ohr muss sich erst an die ungewöhnliche Sonorität gewöhnen.

Das Harmonium beginnt das Album ruhig. Wie ein langsam wallendes Wasserkörper erwacht die Musik zum Leben. Sobald die meditativen Klänge ihren Platz im Raum gefunden haben, führt die Fidel die Melodie ein. Diese Melodie kehrt wiederholt in Skynd Deg, Skynd Deg [track 01] zurück. Mit einem improvisatorischen Charakter erkundet Sigbjørn Apeland die Möglichkeiten. Alle folgenden Tracks haben eine gleiche ruhige Atmosphäre, die zu innerer Ruhe führt. Vom Titelnummer Glimmer [track 05] bis zum letzten Stück Nu Solen Går Ned [track 15]. Nummer für Nummer gleiten die ruhigen norwegischen Landschaften vorbei und das Ganze ist sowohl faszinierend und beruhigend wie ein Glitzern auf der Wasseroberfläche.

Im Gegensatz dazu nutzt Büşra Kayıkçı ein sehr vertrautes Instrument: das Klavier. Nach ihrem Debütalbum Eskizler (oder Sketches auf Englisch) folgt nun Places unter Warner Classics. Das Klavier ist vielleicht ein vertrauter Ausgangspunkt, aber Kayıkçı's "Soundscape" hat einen einzigartigen Charakter. Wenn ich ihre Musik in Schlagworten zusammenfassen müsste, würde ich wählen: zart, rein und räumlich.

Zart und rein. Aber nicht ruhig und gelassen wie Glimmer. Places hat Momente vorübergehender Unruhe. Sorgfältig ausgewählte Klänge in ebenso sorgfältig ausgewählten Lautstärken füllen den Raum mit Intrige, aber auch mit einer gewissen Spannung. Wie Klänge, die gelegentlich aufeinander treffen und dann wieder in Synergie miteinander erklingen. Die Stille ist meisterhaft gewählt. Manchmal spürt man die Spannung im Raum hängen, während sie in anderen Momenten gerade Ruhe bringt.

In einem Dutzend kurzer Charakterstücke schafft Kayıkçı mit immer denselben Bausteinen andere Klangwelten. Die Basis ihrer musikalischen Sprache kehrt immer wieder, jedes Mal durchdrungen von anderen Einflüssen. In Werken wie Olive Tree [track 05] oder L'inno [track 09] klingen Satiesche Echos an, wobei der Hörer auf einem minimalistischen "Sound Carpet" schwebt. In dem Eröffnungswerk The Middle Of… [track 01] ist ihr Osmanisches Erbe angemessen hörbar und Into The Woods [track 10] hat wiederum etwas von Debussys gegossener Lyrik und harmonischen Klangmalereien. Das Ergebnis ist sowohl zeitlos als auch atmosphärisch: ein Album, das nicht leicht zu kategorisieren ist.


  • WER: Nils Økland [hardingfele & Violine] & Sigbjørn Apeland [Harmonium] WAS: Glimmer LABEL: ECM Records ⎸ CAT NR: ECM 2762 BESTELLEN: LPCD
  • WER: Büşra Kayıkçı [Klavier] WAS: Places LABEL: Warner Classics ⎸ CAT NR: 5419776291 BESTELLEN: LPCD
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