Das musste ich einfach loswerden: Ich hasse Konzerte und Aufführungen, die zu spät beginnen. Pünktlichkeit beim Kommen und Starten hat mit Höflichkeit zu tun. In deSingel versucht man, dies streng einzuhalten. Dieses Neujahrskonzert begann pünktlich, ein schöner Start für ein neues Jahr, das Schule machen sollte.
Symfonie Orkest Vlaanderen läutet das Jahr festlich ein mit einer Hommage an Leonard Bernstein, der diesen Jahrestag des hundertsten Geburtstags hätte feiern können. Ein Künstler, schwer in eine Schublade zu stecken: Pianist, Komponist, Lehrer, Mentor und Inspirationsquelle für viele. Leonard Bernstein verfügte auch über die einzigartige Gabe, auf liebenswerte Weise das große Publikum in den Aufbau einer klassischen Komposition einzuweihen. Er vereinte Provokation und Charme. Dirk Brossé hatte das Glück, Bernstein ein paar Mal live zu treffen. Er war und bleibt fasziniert von seinem Talent und seiner Vielseitigkeit. Auch Brossé hat sein künstlerisches Talent nicht unter den Scheffel gestellt: Trompeter, erfolgreicher Komponist und respektierter Dirigent auf der internationalen Musikszene. Hier besteht sicherlich eine Seelenverwandtschaft.
Neben einer Auswahl aus dem Werk von Bernstein enthält dieses Neujahrskonzert auch Werke von Brossé selbst, die das Thema FRIEDEN in diesem turbulenten Zeitabschnitt tragen. Dies als Hommage an die pazifistischen Ideale seines Idols Bernstein. Nach dem Attentat auf J.F. Kennedy, einen guten Freund des Komponisten, verkündete dieser in einer Rede: „Zu seinem Andenken werden wir noch schönere und noch interessantere Musik machen als Gegengewicht zu aller Gewalt." Mit der Zusammenstellung dieses Neujahrskonzerts machen Dirk Brossé und das Symfonie Orkest Vlaanderen zusammen ein ernstes Statement. Selbstverständlich wurden die obligatorischen Walzer nicht vergessen, die zu einem Neujahrskonzert gehören wie Salz und Pfeffer zu einer Mahlzeit.
TEIL 1
Maestro Dirk Brossé erscheint nicht steif im Anzug auf der Bühne, sondern in einem lockeren langen indischen Hemd, einer Kurta, die ihm viel Bewegungsfreiheit gibt. Vor der Pause wird das vielseitige Werk von Bernstein, bekannte und weniger bekannte Nummern, zum Besten gegeben. Angefangen mit der funkelnden Candide Ouvertüre und Suite (1956), voll von Variation und Klangfarbe. Gefolgt von Divertimento, das Bernstein 1980 anlässlich des hundertsten Jahrestags des Boston Symphony Orchestra komponierte. In einer Art experimenteller Neigung stellte sich Bernstein selbst die Aufgabe, eine Komposition um die Noten B (si) und C (do), die für Boston und Centennial stehen, aufzubauen. Dies führte zu einer reichen und differenzierten Komposition, einer Aneinanderreihung von ein paar kräftigen Charakterstücken. Schwer zu spielen aufgrund der komplexen Struktur, aber Brossé führt das Orchester mit feinfühligem Geschick hindurch. Teilweise rein, ätherisch und nostalgisch, aber auch mit volkstümlichen und fröhlichen Fragmenten. Danach ein Stück Filmmusik aus On the Waterfront unter der Regie des anderen amerikanischen Namens mit Widerhall, Elia Kazan. Filmmusik zu schreiben ist vielleicht eine der schwierigsten Disziplinen. Die Musik muss manchmal fast unbewusst präsent sein und zu anderen Zeiten die Handlung vorhersagen, unterstützen oder verstärken. Ganz im Dienste des Bildmaterials. Dirk Brossé wählte das meisterhafte Presto Barbero, aus dieser Suite eine Transkription für Blechbläser, Schlagwerk und Klavier. Beeindruckend. Dann holt der Maestro die junge Sopranistin Katrien Baerts hinzu. Eine junge Dame mit bereits vielen Referenzen. Sie erreichte unter anderem das Halbfinale beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb. Das erste Lied, das sie zum Besten gab, war I Feel Pretty aus West Side Story: jung, begehrt und geliebt, das inzwischen zum kollektiven Gedächtnis gehört. Aber wirklich glänzend war sie in der Arie Glitter and be Gay aus Candide. Darin verbirgt Cunegonde mit Lachen und vorgetäuschter Fröhlichkeit ihren Schmerz über den Krieg, der ihre Familie auseinandergerissen hat. Katrien Baerts zwitschert wie eine Lerche, versteckt sich hinter einem Funken Wahnsinn, flirtend, sinnlich, holt mit großer Wendigkeit ihrer Stimme die höchste Note, und wechselt von Euphorie mühelos zu Trauer. Eine äußerst schwierige Partie, bei der sie mit größter Leichtigkeit eine phänomenale Stimmbeherrschung demonstriert. Wie eine Perle in der Musik gefasst. Sie gewann eins, zwei, drei das Publikum. Eine künftige Diva.
TEIL 2
Der zweite Teil öffnet sich mit der Philadelphia Ouvertüre, ein Werk, das Brossé 2010 als Geschenk an die Stadt Philadelphia bei seiner Ernennung zum Music Director des Chamber Orchestra of Philadelphia komponierte. Er fühlt sich dort wie ein Fisch im Wasser und verstand es, die vielseitigen Facetten dieser pulsierenden kosmopolitischen Stadt in einer vibrierenden Farbpalette einzufangen: treibend, entspannend und anregend.
Die Zusammensetzung dieses Neujahrskonzerts ist nicht ganz beliebig. 2018 ist auch das Ende des Ersten Weltkriegs. Der Große Krieg darf nicht vergessen werden. Hunderttausende junger Menschen, die ihr Leben gaben, damit wir frei sein würden. Ein Luxus, den nicht viele Menschen auf unserem Planeten genießen dürfen. Zeit für Introspektion. Dirk Brossé komponierte zusammen mit Jef Neve und Frederik Sioen 2015 das Oratorium Distortion, a Hymn to Liberty. Jeder Komponist gab innerhalb seiner eigenen Sprache eine persönliche Auslegung zum Thema „Frieden und Freiheit". Brossé evoziert den rohen Trauer einer Mutter. Katrien Baerts interpretierte auf ergreifende Weise I didn't raise my Boy. Eine Melodie so ergreifend wie die stummen Bilder von Käthe Kollwitz, die tiefe Trauer und Niedergeschlagenheit einer Mutter, die ihr Kind verliert. Ein Trauma oder eine Wunde, die nicht heilt. Auch in dieser Gemütsverfassung verstand sie es, zu rühren und unter die Haut zu gehen mit ihrer Interpretation. Gefolgt von Peace: Musik als Pflaster auf der Wunde. Von dem Grauen und der Gewalt zurück zu sichereren Gewässern und vorsichtig aufblühend mit dem Glauben an eine friedliche Zukunft. Dieses Neujahrskonzert endete mit vier Walzern: Straussiana von Erich Wolfgang Korngold. Dieser österreichische Komponist musste in der Zwischenkriegszeit nach Amerika fliehen. Er erlangte vor allem in Hollywood als Filmkomponist Ansehen. Anschließend The Age of Innocence von Elmer Bernstein, ein Neffe von. Der bekannte Waltz nr.2 des rebellischen Dimitri Schostakowitsch und als Schlussakkord bog Dirk Brossé die Radetzky Mars von Johann Strauss sr. um zur Radetzky Wals mit neuen gewagten Harmonien. Man findet immer wieder Anknüpfungspunkte mit der Marsversion, aber aalglatt nimmt die Komposition immer wieder eine andere überraschende Wendung. Ein großartiges Beispiel für Kompositionstechnik.
Dirigent, Solistin und das Symphonie Orkest Vlaanderen wurden mit minutenlangem Applaus belohnt. Es folgte noch eine gelungene Zugabe des libanesischen Komponisten Gabriel Yard, ein Walzer aus der Filmmusik, die er für den Film Camille Claudel komponierte.
Sie können für dieses Neujahrskonzert noch eine Karte kaufen für die Aufführung Sonntag 21. Jan. im Muziekcentrum de Bijloke Gent und Sonntag 28. Jan. in CC De Spil Roeselare jeweils um 15 Uhr.
- WAS: Neujahrskonzert Symphonie Orkest Vlaanderen
- WER: Symphonie Orkest Vlaanderen unter der Leitung von Dirk Brossé mit Sopransolistin Katrien Baerts
- WO & WANN: deSingel, Antwerpen, 14. Januar 2018