Dreihundert Jahre nachdem Johann Sebastian Bach seine Passionen komponierte, erweisen sich die darin verborgenen Fragen als überraschend aktuell. Wer trägt die Schuld? Wer wird geopfert? Wer darf sprechen und wer wird übertönt? Mit Uw Vlees en Bloed machen Schriftsteller Jeroen Olyslaegers und Komponist Jef Neve aus dieser Jahrtausende alten Thematik eine zeitgenössische Geschichte über Klimaangst, soziale Medien, Populismus und das schwierige Verhältnis zwischen Generationen. Die Kreation, die am 18. Juni bei STROOM in Dendermonde Uraufführung hat, präsentiert sich als eine menschliche Passion: nicht länger eine religiöse Geschichte, sondern eine Untersuchung des Menschen in einer zerrütteten Gesellschaft.
Dass die Passion als Form noch immer relevant sein kann, ist an sich schon ein bemerkenswerter Gedanke. Das Genre scheint fest in einer christlichen Tradition verankert zu sein, die für viele immer weiter entfernt liegt. Doch es war genau das menschliche Drama hinter der Leidensgeschichte, das Patrick Windmolders, künstlerischer Leiter des Vocaal Ensemble Reflection, erneut untersuchen wollte. Hinter der theologischen Schicht von Bachs Passionen sieht er eine Geschichte von Ausgrenzung, Gruppendruck, Macht und Verantwortung. Phänomene, die heute nicht weniger präsent sind als zur Zeit, in der die Evangeliengeschichten entstanden.
Für das Libretto wandte sich Windmolders an Jeroen Olyslaegers, einen Schriftsteller, der sich in den vergangenen Jahren häufig mit gesellschaftlichen Bruchlinien und historischen Schuldverhältnissen auseinandergesetzt hat. Olyslaegers fand einen unerwarteten Anknüpfungspunkt in der Restauration des Genter Altars. Als die oberen Tafeln des berühmten Altarwerks wieder enthüllt wurden, zog besonders der Blick des Lammes die Aufmerksamkeit auf sich. Anders als in späteren Übermalungen blickt das Tier den Betrachter direkt an. Nicht unterwürfig oder abwesend, sondern mit einer fast menschlichen Unmittelbarkeit. Für Olyslaegers wurde das zu einem kraftvollen Bild für unsere Zeit.
In Uw Vlees en Bloed steht dieses Lamm im Mittelpunkt, nicht als religiöses Symbol, sondern als ein Jugendlicher, der versucht, seinen Platz in einer Welt zu finden, die ihn ständig beurteilt. Um ihn herum entsteht ein Chor von Stimmen, der an soziale Medien erinnert: ein ständiger Strom von Kommentaren, Empörung und Verurteilung. Das Individuum wird beobachtet, gewogen und verurteilt, noch bevor es selbst zu Wort kommt. Es ist ein Mechanismus, den Olyslaegers erkennbar macht, ohne dabei explizit moralistisch zu werden. Sein Text bewegt sich zwischen Satire, Zorn und Mitleid, als würde er versuchen, den Lärm der heutigen Gesellschaft zu erfassen, ohne ganz darin aufzugehen.
Eine der stärksten Eingriffe ist vielleicht die Wahl, den Evangelisten durch eine Mutterfigur zu ersetzen, verkörpert durch An Pierlé. Sie versucht, eine Geschichte zu erzählen, wird aber ständig unterbrochen durch ihr Kind, durch Erwartungen, durch das Chaos des täglichen Lebens. Es ist ein erkennbares Bild einer Generation, die versucht, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Während Junge ihren Eltern vorwerfen, die heutigen Probleme verursacht zu haben, kämpfen dieselben Eltern mit einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber Entwicklungen, die auch sie zu überrollen drohen. Die Kluft zwischen beiden Generationen bildet einen der emotionalen Motoren der Aufführung.
Auch musikalisch sucht Jef Neve nach einem Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Komponist hat sich häufig zu seiner Bewunderung für Bach bekannt und behält bewusst Elemente aus der klassischen Passions-Tradition. Arien, Choräle und Chorpassagen bleiben erkennbare Bausteine. Gleichzeitig möchte er vermeiden, dass die Musik zu einer historisierenden Übung wird. Genauso wie der Text von gegenwärtigen Erfahrungen ausgeht, sucht Neve nach einer musikalischen Sprache, die die emotionale Dringlichkeit von heute spürbar macht, ohne die Tradition loszulassen.
Dieses Experiment passt zur künstlerischen Ausrichtung von Reflection, das seit seiner Gründung Musik konsequent mit gesellschaftlichen Fragen verbindet. Für diese Produktion arbeitet das Ensemble mit B.O.X., dem Ensemble des Lautenisten Pieter Theuns, das seit fünfzehn Jahren neue Musik mit alten Instrumenten schafft, zusammen. Diese Kombination aus historischen Klangfarben und zeitgenössischen Perspektiven hat bereits bemerkenswerte Kooperationen mit Künstlern aus sehr unterschiedlichen musikalischen Welten hervorgebracht. Auch in Uw Vlees en Bloed scheint die Vergangenheit nicht rekonstruiert zu werden, sondern als Material verwendet, um etwas Neues zu erzählen.
Auffallend ist, dass die Macher trotz der düsteren Thematik nicht bei einer Botschaft der Hoffnungslosigkeit ankommen. Klimakrise, Entfremdung, toxische Führung und Polarisierung passieren alle Revue, aber nirgends wird die Geschichte zu einer kulturellen Klage des Pessimismus. Wie in jeder klassischen Passion steht auch hier das Leiden im Mittelpunkt, aber letztendlich geht es um die Frage, wie Menschen sich zueinander verhalten können, wenn alte Gewissheiten verschwinden. Das Lamm blickt der Welt direkt ins Auge, fragt aber gleichzeitig, ob die Welt bereit ist, zurückzublicken.
Das macht Uw Vlees en Bloed zu mehr als nur eine Aktualisierung eines Jahrtausende alten Genres. Die Aufführung scheint vor allem ein Versuch zu sein, erneut Worte für eine Gesellschaft zu finden, die sich selbst immer schwerer versteht. Vielleicht ist das genau das, was eine Passion heute noch sein kann: kein religiöses Zeugnis, sondern eine kollektive Übung in Aufmerksamkeit.
SPIELTERMINE
18. Juni, 20.30 Uhr (Uraufführung)
Im Rahmen von STROOM
Ort: Hangar 43, Dendermonde
21. Juni, 15 Uhr
Ort: Zaal Athena Antwerpen
In Zusammenarbeit mit Humanistisch Verbond
und huisvandeMens Antwerpen