Nicht nur Benefizkonzerte wie das legendäre Live Aid oder die jährlichen Aktionen von Kom op tegen Kanker bringen viele Menschen in Bewegung.
Roland Van Campenhout engagiert sich für Eigen Thuis, ein Zentrum für die Integration von Menschen mit Behinderungen. Der Sponsorenakquise gab er vor Jahren eine kreative Wendung. Eigen Thuis Classics vereint jedes Mal eine erlesene Schar internationaler Musikerinnen und Vokalistinnen aus Europa mit einem vielfältigen und überraschenden Programm. Diese jährliche Veranstaltung läuft inzwischen reibungslos. Es ist eine schöne Erfahrung für Familie, Sympathisantinnen und Klassikmusik-Liebhaber.
-Wir stehen dieses Jahr bei der zwölften Auflage. Wie kam die erste Auflage zustande?
R.V.C.: Eher zufällig. Ursprünglich war nicht geplant, daraus eine Serie zu machen. Wir hatten Kontakt zu jemandem, der bei Eigen Thuis wohnte. Wir vermieten Studentenzimmer. Vor zwölf Jahren wohnten zwei Pianisten aus Polen bei uns, die am Konservatorium Brüssel studierten. Sie haben acht Jahre bei uns gewohnt. Bei Eigen Thuis werden für die Bewohner allerlei Aktivitäten organisiert, aber die kosten auch Geld. Nur mit den Subventionen kommt man nicht aus. Also werden allerlei Benefizkonzerte organisiert. Ich bin ziemlich aktiv im Vereinsleben. Man kontaktierte mich mit der Frage, ob die Musikerinnen und Musiker, die bei uns wohnten, nicht bereit wären, ein kleines Konzert zu geben. Wir haben uns zusammengetan… ein Abend mit Klaviermusik würde schön sein. Kompositionen, die vertraut in den Ohren klingen und das Publikum fesseln können. Sie schlugen selbst vor, noch ein paar andere Musikerinnen und Musiker einzubeziehen. Es war so ein Erfolg, dass die Menschen fragten, ob wir das nochmal organisieren könnten. Die Resonanz war noch größer. So kam der Wagen ins Rollen. Das ist in Kürze die Entstehungsgeschichte von Eigen Thuis Classics. Bei uns in der Region ein Ereignis, auf das man sich freut.
-Die Künstlerinnen und Künstler treten unentgeltlich auf.
Ja, das Einzige, das wir bezahlen, sind ihre Transportkosten. In einer Gesellschaft, in der sich alles um Geld dreht, ist das eine fantastisch schöne Geste dieser jungen Musikerinnen, Musiker und Vokalistinnen.
-Wo rekrutieren Sie diese?
Ich bin mit den Musikerinnen und Musikern, die bei uns zu Hause wohnten, mehrmals ins Konservatorium gegangen, um verschiedene Musikerinnen, Musiker und ihre Lehrerinnen und Lehrer kennenzulernen. Sie fanden es interessant, dass ihre Studierenden, besonders die ausländischen Studierenden, eine Bühne bekamen. Sie sind hier nicht bekannt und haben kaum soziale Kontakte. Sie können ihre Fortschritte nur bei Konzerten im Konservatorium selbst zeigen. Das bleibt unter sich. Für ein anderes Publikum, ein Live-Publikum zu spielen ist eine ganz andere und bereichernde Erfahrung. Wir arbeiten vor allem mit Masterstudierenden. Ich habe mir zur Gewohnheit gemacht, die Musikerinnen, Musiker und Vokalistinnen erst zu hören, bevor ich sie kontaktiere.
-Sie bieten jungem musikalischen Talent eine Bühne.
Bühnenerfahrung ist wichtig. Lernen, mit Stress umzugehen. Die Kunst der Verbindung entdecken.
-Solidarität in Symbiose mit Kunst.
Genau, es gibt nichts Schöneres! Eigen Thuis ist ein Wohnheim für Menschen mit Behinderungen. Sie beginnen in Kürze mit einem Neubau. Dieses Bauprojekt verzögert sich durch allerlei Umstände schon eine Weile. Jetzt wird es konkret, der Erlös von Eigen Thuis Classics 12 geht vollständig dorthin.
-Gibt es einen roten Faden im Programm, wird nach einem Thema gearbeitet?
Nein. Am Anfang haben wir das ein paar Mal versucht mit einer Ausgabe Oper und Alte Musik. Wir haben ein sehr gemischtes Publikum und ein ganzer Abend Gesang wird nicht so geschätzt. Jetzt versuchen wir, auf alle Vorlieben und Geschmäcker ein wenig einzugehen. Wir haben ein Violine-/Klavierduett (Hrayr Karapetyan und Hasmik Manukyan - ihr Heimatland Armenien); ein Gesang- & Klaviertrio (Velichka Minkova, Mezzosopran aus Bulgarien; Lissy Aydoslu, Sopran mit belgisch-türkischen Wurzeln und Katarzyna Hajduk Klavier aus Polen) – dann Four Trompets (Clémant Cherencq Frankreich, Emma Duret Belgien, Corentin Duveau Frankreich und Beatriz Gonzáles Spanien).
-Fällt die Wahl auf bekannte Werke, um ein breites Publikum anzusprechen, oder wird eine kühnere und abenteuerlichere Richtung gewählt?
Beides kommt vor. Wir hatten mal jemanden, der experimentelle Musik mit allerlei elektronischen Klängen brachte. Das sorgte wieder für gemischte Reaktionen. Ein Teil des Publikums fand das großartig, andere waren ein bisschen geschockt: ist das auch Musik?!
-Was bietet das Programm dieses Jahr?
Das Duo aus Armenien hat bereits zwei CDs veröffentlicht: eine mit belgischen Komponisten und die andere mit armenischen Komponisten. Sie bringen eine Mischung aus den beiden. Das Trio: die eine Sängerin trägt ein paar bekannte Arien aus Opern vor und die andere findet ihre Erfüllung eher im Kunstliedgenre. Sie bringen transparente und melodienreiche Melodien. Die Pianistin ist wirklich spezialisiert auf die Begleitung von Sängerinnen und Sängern. Die 4 Bläser spielen klassische Werke und auch einige Nummern aus dem Brass-Genre.
-Das Publikum wird in letzter Zeit viel in Anspruch genommen: Es gibt den Krieg in der Ukraine, das Erdbeben in der Türkei und Syrien, Kom op tegen Kanker… Das Budget von jedem ist begrenzt. Gibt es noch genug Interesse?
Interesse gibt es. Wir haben noch fünf Wochen bis zum Konzert. Im Vergleich zu anderen Jahren läuft es gleich auf. Natürlich ist der Eintritt frei, wie viel die Menschen spenden werden, denn sie dürfen geben, was sie möchten, bleibt eine offene Frage. Im Durchschnitt sammeln wir zwischen 4.000 und 5.000 €. Die Kosten für das Konzert werden von Sponsoren getragen.-Indem man das Konzert besucht und natürlich auch eine Spende leistet, unterstützt man einen guten Zweck und es wird für Eigen Thuis ein konkreter Unterschied gemacht.
Absolut. Bei uns ist es wie bei den offiziellen gemeinnützigen Organisationen. Ab € 40 kann eine Steuerbescheinigung erhalten werden. Dann müssen sie aber per Überweisung arbeiten. Unser Ansatz ist, dass die Menschen genießen und wir sind mit jedem Geschenk glücklich: der eine gibt vielleicht nur € 5 und ein anderer € 50 oder € 100. Die Summe der Teile macht das Ganze.
-Rechnen Sie auf eine Welle der Solidarität?
Ich bin optimistisch. Meistens läuft es gut.
-Sie können auf eine schöne Karriere zurückblicken. Die jungen Menschen, die hier praktisch debütierten. Gibt es darunter welche, die nach ihrem Aufenthalt eine schöne Karriere aufgebaut haben?
Sicherlich, besonders im Gesang haben wir sehr talentierte Menschen gehabt, die allmählich Ruf und Ruhm genießen, wie die niederländische Sopranistin Esther Kouwenhoven, sie glänzte in der Oper Rigoletto bei der Schone Kompanie/Muziektheater Transparant. Shoushik Barsumian aus den USA, sie erreichte die 1. Runde des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs genauso wie Ekatarina Romanova aus Russland. Sie ist jetzt ständiges Mitglied des Chors der Oper Flandern.
Das Violine- und Klavier-Duo aus Armenien, das jetzt auftreten wird, gibt viele Konzerte im In- und Ausland und häuft die Preise internationaler Wettbewerbe aufeinander. Da kannst du nur Superlative dran kleben.
Eigen Thuis Classics 12 verspricht einmal mehr ein wunderschönes Konzert zu werden.
WAS: Eigen Thuis Classics 12
WO: Onze-Lieve-Vrouwekerk - Zevensterre - Beigem (Grimbergen)
MUSIK: Violine: Hrayr Karapetyan & Hasmik Manukyan, Gesang und Klavier: Sopranistin Lissy Aydoslu, Mezzosopranistin Velichka Minkova, Klavier Katarzyna Hajduk, Four Trumpets: Clément Cherencq, Emma Duret, Corentin Duvea, Beatriz González
Organisator: Roland Van Campenhout
WANN: 21. April 2023