Jeder Liebhaber von Vokalmusik in unserem Land, der José Van Dam in seinen zahlreichen Produktionen im Muntschauplatz gesehen hat, kann nur erstaunt sein, dass sein außergewöhnliches Talent erst jetzt einen „Lifetime Award", den „Oscar" für seine Karriere, erhält. 2025 wird der Bassbariton nämlich 85 Kerzen ausblasen können. Wir wagen zu vermuten, dass er als Sänger mit ausgezeichneter Atemtechnik das sogar noch schaffen wird, wenn das Schicksal es ihm erlaubt.
Von den lebenden belgischen Sängern ist José Van Dam ohne Übertreibung unser größter und zweifellos auch international berühmtester Sänger. Als Opernsänger ist José Van Dam ein glücklicher Mann: Er kann auf eine mehr als fünfzigjährige Karriere zurückblicken, in der er fast alle Rollen sang, die er gerne singen wollte. Von Escamillo in Carmen und Figaro in Le Nozze di Figaro bis zu Faust in La Damnation de Faust, Hans Sachs in Die Meistersinger. Unvergesslich ist seine Interpretation von Falstaff neben der verstorbenen Susan Chilcott und unter der Leitung von Sir Antonio Pappano: Wer kann wie er elegante Anmut und Gags kombinieren! Und natürlich jene beeindruckende Partie des Golaud in Pelléas et Mélisande. Er war wählerisch und selbstkritisch genug, um zu wissen, welche Partie ihm am besten passte. So bevorzugte er auch in den letzten Jahren seiner aktiven Karriere vor allem als Liedersänger aufzutreten. Was er nie loslässt, ist sein Engagement bei der Ausbildung von Sängern, unter anderem an der Musikkapelle Königin Elisabeth. Er war auch wiederholt Jurymitglied beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb für Gesang und gehört übrigens zu den Initiatoren der Disziplin Gesang bei diesem Wettbewerb.
Er hat mit den allergrößten Dirigenten und Regisseuren zusammengearbeitet, Herbert von Karajan, der ihn sozusagen entdeckt hat, Claudio Abbado, Giorgio Strehler, Jean-Pierre Ponnelle, Willy Decker.
Singen ist kein Beruf, sagte mir José Van Dam einmal in einem Interview. Es ist ein „heiliges Amt", dem man sich widmen muss und das das ganze Leben bestimmt. Mit seiner charakteristischen Bescheidenheit fühlt er sich wie ein „Körnchen in der riesigen Welt der Musik". Diese große Welt der Musik bleibt bestehen, nicht diejenigen, die nur vorbeigehen, wie er.
Dennoch gut, dass dieser internationale Preis den Akzent auf sein „Vorbeigehen" legt. Ein schönes Detail ist, dass er überdies in München verliehen wird von einem anderen Landmann, der sich international in der Opernwelt seine Sporen verdient hat, Serge Dorny.