Reine strukturelle Freiheit aber mit einem klaren Puls, das ist der Stil von Giovanni Kapsberger (1580-1651). Eine launische Melodie wird von etwas begleitet, das einem Basso continuo ähnelt. Kapsbergers spontaner Stil mit rhythmischen Besonderheiten und stark kontrastierenden Passagen fasziniert bis heute. Ursprünglich für Laute geschrieben, aber jetzt auf einer 10-saitigen Bogengitarre zum Klingen gebracht. Bemerkenswert in vielen Aspekten!
Obwohl Frank Bungartens Instrument auf einem Modell basiert, das aus einer späteren Zeit stammt (aus 1847), verwendet er doch Spieltechniken aus dem frühen 17. Jahrhundert. Der beliebte style luthé ist vielleicht einer der typischsten aus dieser Periode. In der Tabulatur stehen die Noten alle untereinander geschrieben, wodurch sie theoretisch alle gleichzeitig erklingen sollten. Bei diesem style luthé erklingen die Noten in einer unregelmäßigen Brechung nacheinander von der tiefsten zur höchsten. Dieses unvorhersehbare Element gibt der Musik eine launische Qualität.
Verzierungen mit schnellen Läufen gehören auch dazu. Diese sind in der Tabulatur nicht vermerkt, wurden aber von Lautenisten hinzugefügt, um das Werk auf einzigartige Weise zu machen, die niemand sonst ihnen nachmachen konnte. Frank Bungarten ist sparsam mit seinen Verzierungen. Schnelle Bindungen (eine Kombination aus Hammer-ons und Pull-offs) scheinen Bungartens bevorzugte Ornamentation zu sein. Dadurch bleibt die Anzahl der Noten begrenzt und ein festes Metrum kann beibehalten werden.




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Der norwegische Lautenist Rolf Lislevand (°1961) beschreibt Kapsbergers Musik als „schwankend zwischen inspirierter Klugheit und völliger Verwirrung". Mir erinnert sie eher an eine Barock-Version des empfindsamen Stils, der um 1750 in Nord- und Mitteldeutschland populär wurde. Die Musik ist wie ein Gedankenstrom des Unbewussten. Eine musikalische Idee wird präsentiert, der Lautenist spielt damit in Variationen herum, bevor es zu einer anderen Idee übergeht und dann zu noch einer anderen, um dann doch noch einmal zur ersten zurückzukehren. Oder doch nicht ganz, was war die erste Idee nochmal? Sie zog weiter…
Durch diesen Strom von Ideen fehlt hier tatsächlich die straffe Struktur, die gerade bei anderen deutschen Komponisten seiner Zeit, darunter Heinrich Schütz (1585-1672), so typisch ist. Die launischen Wendungen von Girolamo Frescobaldi (1583-1643) treten in den Vordergrund. Aber bei Kapsberger wird weniger Aufmerksamkeit auf das Virtuose gelegt und bleibt ein klarer unterstützender Basssatz zur Begleitung der Melodie erhalten. Der Basssatz wird durch das oben erwähnte feste Metrum für den Hörer zu einer Art Ankerpunkt. Es gibt der Musik ihre nötige Stabilität. Diese Stabilität dient als Gegengewicht zum unvorhersehbaren Verlauf. Bungartens Interpretation der Tabulatur wirkt gerade aus diesem Grund nicht wie eine völlige Verwirrung, sondern wie die inspirierte Klugheit, für die Kapsberger als Instrumentalist bekannt war.


3.7/5
WER: Frank Bungarten [10-saitige Bogengitarre]
WAS: Giovanni Kapsberger: Libro Primo D'Intavolatura di Lauto (1611)
LABEL: MDG Gold 904 2200-5
BESTELLEN: JPC