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Farbpalette aus dem Kap: Maria du Toit und die Erfindung eines Repertoires

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· 7 Min. Lesezeit
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Farbpalette aus dem Kap: Maria du Toit und die Erfindung eines Repertoires

Ein Repertoire entsteht selten von selbst; es nimmt Gestalt an, weil jemand aktiv die Lücken füllt. Das südafrikanische Klarinettenrepertoire ist ein solches Gebiet: nicht abwesend, aber fragmentiert und ohne selbstverständliche Tradition. Mit Clarinet Colours leistet Maria du Toit einen wesentlichen Beitrag zu dieser Entwicklung. Die drei Konzerte auf dieser CD wurden für sie geschrieben oder ihr gewidmet, von ihr uraufgeführt und werden hier zum ersten Mal aufgenommen. So dokumentiert diese Veröffentlichung nicht nur neue Musik, sondern auch die Entstehung eines Repertoires.

Das CD-Booklet ordnet die drei Werke unter das vertraute Bild Südafrikas als „Regenbogennation". Als historischer Hintergrund ist diese Metapher brauchbar, als Interpretationsrahmen weniger. Sie suggeriert eine harmonische Vielfalt, während das, was Conrad Asman (°1996), Roelof Temmingh (1946–2012) und David Earl (°1951) vor allem verbindet, ihre gegenseitige Unvergleichbarkeit ist. Die Überzeugungskraft dieser Veröffentlichung liegt daher nicht in einer gemeinsamen Farbpalette, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der drei radikal unterschiedliche musikalische Stimmen nebeneinander existieren können.

Farbe als Konstruktion

Das Colour Concerto von Conrad Asman (2017–2018, überarbeitet 2024) ist das konzeptionellste Werk der drei. Der Komponist geht von Mechanomorphismus und den Farbtheorien von Newton und Goethe aus, doch sobald die Musik beginnt, verschwinden diese Ideen fast sofort in den Hintergrund. Was bleibt, ist ein Konzert, das sich ständig verändert. Eine musikalische Idee bildet den Ausgangspunkt, kehrt aber nie buchstäblich zurück; sie wird jedes Mal anders beleuchtet, verformt und weiterentwickelt, sodass sich die Form nicht linear entfaltet, sondern sich beim Hören selbst umzuschreiben scheint.

Dadurch verändert sich auch die Beziehung zwischen Solist und Orchester. Die Klarinette steht nicht dem Ensemble gegenüber, sondern bewegt sich ständig durch es hindurch, nimmt Farben auf, zieht sich zurück und tritt erneut in den Vordergrund. Maria du Toit spielt diese ständige Verschiebung mit großer Geschmeidigkeit: ihr Klang ändert den Charakter, ohne dass die musikalische Linie je unterbrochen wird, während das Orchester jeden Formwechsel mit bemerkenswerter Sensibilität auffängt und in ein klares Ganzes integriert. Asmans Orchestrierung ist dabei bemerkenswert erfinderisch. Die Musik schaltet mühelos zwischen Energie und Stille um, zwischen scharfen Konturen und fast traumhaften Klangfeldern, ohne dass eine Atmosphäre definitiv wird. Farbe ist hier kein Ornament, sondern ein kompositorisches Prinzip, das die Form ständig in Bewegung hält.

Der Gegensatz zwischen Newtons Systematik und Goethes intuitivem Farbempfinden bleibt dadurch nicht auf die Erläuterung im CD-Booklet beschränkt, sondern erhält eine hörbare musikalische Bedeutung. Asman schreibt ein Konzert, in dem Farbe, Form und Bewegung untrennbar miteinander verbunden sind. Gerade diese Kombination aus kompositorischer Erfindungsreichtum und direkter Aussagekraft macht dies zum reizvollsten Beitrag auf dem Album, ein Werk, das sich bei jeder Hörerfahrung neu zu erfinden scheint und daher auch live zweifellos noch an Intensität gewinnen würde.

Zwischen Ernst und Ironie

Mit Roelof Temmingh verschiebt sich die Perspektive auf einen Komponisten, der weniger theoretisch und mehr rhetorisch denkt. Sein Klarinetconcerto (2009–2011) ist ein Werk späten Reife, in dem Disziplin und Ausdruck in einem seltenen Gleichgewicht zusammenkommen.

Der Eröffnungsteil, Lamentoso, entfaltet sich aus einer fast gezügelten Geste. Die Klarinette setzt zögernd mit kurzen Motiven ein, die tastend ihren Weg suchen. Das Orchester nimmt diese Gedanken auf, antwortet, ergänzt oder hält sich gerade wieder zurück, wodurch ein feinsinniger Dialog entsteht, in dem keiner die Oberhand gewinnt. Ab und zu durchbricht ein Orchesterausbruch – mit nachdrücklichen Pauken – die stille Atmosphäre, woraufhin die Klarinette erneut das Wort ergreift. Solist und Orchester tasten sich gegenseitig vorsichtig ab, ohne sich jemals zu überflügeln. Maria du Toit dosiert diese Spannung vorbildlich, während Arjan Tien und das Cape Town Philharmonic Orchestra die geschichtete Struktur der Partitur klar hervortreten lassen. Der Teil erhält dadurch etwas eines musikalischen Rückblicks, als würde Temmingh mit ruhiger Entschlossenheit die Bilanz eines Lebens ziehen.

Dagegen steht ein kurzes Scherzando, das das Werk für Verspieltheit und Ironie öffnet. Die Klarinette scheint dabei ab und zu subtil zu Schostakowitsch zu blinzeln, ohne dass Temmingh seine eigene Stimme verliert. Du Toit wechselt mühelos von Introspection zu Leichtigkeit, während Tien und das Orchester ihr ebenso treffsicher folgen. Der Kontrast zwischen beiden Teilen ist scharf, aber nie schematisch. Temmingh entwickelt sein Material mit klarer architektonischer Logik und erreicht mit relativ einfachen Mitteln eine bemerkenswerte emotionale Intensität. Dies ist zweifellos das abgerundete Konzert der CD und vielleicht auch das Werk, das am längsten nachwirkt. Dennoch bleibt Asmans Konzert das abenteuerlichste: Während Temmingh durch Beherrschung überzeugt, überzeugt Asman durch Wagnis.

Lyrik als Erinnerung

Das Klarinetconcerto von David Earl (2012) beschließt die CD mit einem ganz anderen Ton. Während Asman ständig neue Klangwelten erkundet und Temmingh den Ausdruck auf sein Wesentliches zurückbringt, entscheidet sich Earl für einen lyrischeren und kontinuierlicheren musikalischen Gedanken. Melodie und Erkennbarkeit funktionieren dabei nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als Träger eines musikalischen Gedächtnisses, das sich allmählich entfaltet. Mit seiner erweiterten Orchesterbesetzung, einschließlich Harfe und Celesta, schafft Earl eine warme, transparente Klangwelt, in der sich der erste Teil in breiten atmenden Bögen entfaltet, ohne die Spannung zu verlieren. Diese Lyrik behandelt du Toit nicht als bloße Gesangsweise, sondern gibt ihr Richtung und Atem, während das Orchester sie mit großer Selbstverständlichkeit trägt, ohne sich in den Vordergrund zu stellen.

Der Mittelteil, eine stille Nocturne, bildet den emotionalen Schwerpunkt des Konzerts. Die Klarinette scheint hier nicht über dem Orchester zu singen, sondern darin gleichsam aufzugehen, wodurch die Gezogenheit der Musik an Intensität gewinnt. Im Schlussteil erscheint die mittelalterliche Melodie L'homme armé nicht als historisches Zitat, sondern als musikalisches Gedächtnis, das immer neue Formen in einer Reihe lebhafter Variationen annimmt. So endet das Konzert nicht mit einer nachdrücklichen Schlussgeste, sondern mit einem Gefühl der Kontinuität, als würde die Musik nach der letzten Takt ihre eigene Vergangenheit weitertragen. Von den drei Werken ist dies vielleicht das zugänglichste. Weniger experimentell als Asman und weniger gespannt als Temmingh, aber gerade deshalb überzeugend in seiner warmen Lyrik und seiner selbstverständlichen melodischen Aussagekraft.

Repertoire in Entstehung

Maria du Toit verfügt über eine homogene Klangpalette: warm, flexibel und völlig im Dienst des Ausdrucks. Noch wichtiger ist ihre stilistische Intuition. Bei Asman wird sie eine Farbendraturgie, bei Temmingh eine introspektive Erzählerin, bei Earl eine lyrische Sängerin. Gerade dadurch macht sie hörbar, dass diese drei Konzerte, so unterschiedlich sie auch sind, nicht zufällig nebeneinander stehen, sondern durch ihre künstlerische Vision miteinander verbunden werden. Die Zusammenarbeit mit Arjan Tien und dem Cape Town Philharmonic Orchestra ist dabei essentiell. Ihr gemeinsames Gefühl für Timing, Atem und Balance hält sogar Asmans komplexe Orchestrierung transparent, während die Aufnahme von Channel Classics mit ihrem offenen, natürlichen Klangbild diese Verfeinerung optimal unterstützt.

Clarinet Colours ist dadurch mehr als eine Sammlung neuer Werke. Die drei Konzerte unterscheiden sich grundlegend in Stil und Ästhetik, bilden aber zusammen eine überzeugende Palette für ein südafrikanisches Klarinettenrepertoire, das sich ohne Vorbehalte mit zeitgenössischem internationalem Konzertrepertoire messen kann. Asman eröffnet neue Perspektiven, Temmingh gibt dem Projekt sein emotionales Schwergewicht und Earl sorgt für einen lyrischen Abschluss. Dazwischen bewegt sich Maria du Toit als Initiatorin, Ausführende und letztendlich auch als Mitgestalterin einer noch jungen Tradition. Was diese Aufnahme dokumentiert, ist also nicht nur die erste Aufzeichnung von drei Konzerten, sondern die Entstehung eines Repertoires. Sie zeigt, dass Repertoire nicht nur weitergegeben wird, sondern auch dadurch entsteht, dass Musiker es aktiv mitgestalten.

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