Es gibt solche Saisonbroschüren, die man durchblättert und wieder weglegt. Und es gibt solche, die dich sofort zum Planen antreiben. Die des Orchestre Philharmonique Royal de Liège – für viele kurz OPRL genannt – fällt ohne Zweifel in die zweite Kategorie.
Aber lass dich nicht von dem Motto Un orchestre, mille couleurs täuschen. Diese tausend Farben sind kein Marketing-Slogan. Sie beschreiben eine echte künstlerische Philosophie: Tradition nicht als Erbe, das sorgfältig unter Glas bewahrt wird, sondern als Material in Bewegung. Mehr als hundert Konzerte, neunzehn thematische Parcours und ein dramaturgischer Zusammenhang, der das alles zusammenhält. Das ist keine Schaufensterdekoration. Das ist eine klare künstlerische Vision.
Bringuier baut weiter
Musikdirektor Lionel Bringuier – der charismatische Franzose, der das Orchester in der vergangenen Saison spürbar vorangetrieben hat – beginnt seine zweite Saison mit einer klaren, aber nicht zwingenden Richtung. Das große Repertoire bekommt seinen vollwertigen Platz: Rachmaninov, Brahms, Mahler, Tschaikovski, Shostakovich, Saint-Saëns und Mozart glänzen auf dem Programm. Aber Bringuier ist zu neugierig, um es dabei zu belassen. Philip Glass, Danny Elfman, Jonny Greenwood, Steve Reich und John Adams – Komponisten, die die Grenzen des Klassischen verschieben – bekommen mindestens genauso viel Bühnenpräsenz.
Was in der großen Symphoniezyklusauffällt, ist genau diese Weigerung, sich auf einen Stil zu beschränken. Das OPRL präsentiert sich als ein offenes System, in dem französische symphonische Tradition, spätromantische Großformen und amerikanische zeitgenössische Stimmen sich nicht verdrängen, sondern modulieren. Klar strukturiert, aber offen in der Ästhetik.
Carlos Simon als strukturelle Gegenstimme
Der kreative Schlüssel der Saison ist Carlos Simon, ein amerikanischer Komponist, der als compositeur en résidence tätig wird. Seine Musik – verwurzelt in afroamerikanischen Traditionen, Spirituals und Jazz – fungiert nicht als exotische Zugabe oder verpflichtendes Aktualitätsfenster, sondern als vollwertige Gegenstimme innerhalb des Repertoires. Beethoven und Simon existieren nicht nebeneinander auf dem Programm: Sie werden bewusst im gleichen Spannungsfeld platziert.
Seine neue Komposition geht am 8. und 9. Oktober in Weltpremiere, mit niemand Geringerem als Hilary Hahn als Solistin. Das ist ein Statement.
Ein Himmel voller Solisten
Die Liste der Solisten ist beeindruckend und vielfältig. Behzod Abduraimov eröffnet die Saison am 17. September mit Tschaikovskis Erstem Klavierkonzert. Joe Lovano bringt am 25. September eine Hommage an John Coltrane – hundert Jahre nach dessen Geburt – in dem, was ein Abend werden verspricht, der Jazz-liebende Klassikfans und Klassik-liebende Jazzfans gleichermaßen in die Salle Philharmonique zieht. Ton Koopman dirigiert am 3. Oktober Mozart und Beethoven auf authentische Weise. Evelyn Glennie schlägt im März auf ihrem Schlagwerk das Concerto von Jennifer Higdon, in einem Programm rund um Steve Reich.
Für die Klavierrezitale gibt es Benjamin Grosvenor (29. November), Anna Vinnitskaya (24. Januar) und Kirill Gerstein (4. April). Aber diese Rezitale sind mehr als ein Anhängsel der großen symphonischen Geschichte. Im intimen Kontext eines Solokonzerts verschiebt sich die Perspektive vollständig: das Klavier als konzentriertes Orchester im Miniaturformat. Vergiss auch nicht die Orgelrezitale auf der authentischen Schyven-Orgel, bei denen der Saal selbst als Resonanzraum fungiert. Tausend Farben, aber dann in extremer Konzentration.
Das Publikum als Co-Programmierer
Auch in der Publikumsarbeit spiegelt sich dieselbe Philosophie der Vielfalt wider. L'Heure Symphonique wird erneuert: Konzerte um 19 Uhr, kompakt auf etwa sechzig Minuten gehalten. Keine Vereinfachung, sondern eine Umdefinition von Intensität. Music Factory nähert sich dem Repertoire fast laboratoriumhaft. OPRL+ sucht die Kreuzbestäubung mit anderen Künsten. Die kostenlosen Konzerte – Musique à midi am Dienstag, die Hors-série Veranstaltungen – stellen sicher, dass die Hürde zur Salle Philharmonique auch buchstäblich niedrig bleibt.
Und dann gibt es das À-la-carte-Abonnement, bei dem der Hörer nicht mehr an ein vordefiniertes Saisonpaket gebunden ist, sondern sich selbst einen Parcours zusammenstellt. Das Orchester verschiebt sich dadurch von institutioneller Programmierung zu einem Modell der geteilten Kuratorschaft. Wer das theoretisch klingen findet: Es bedeutet einfach, dass du selbst wählst, was du hören willst, und dass das OPRL dich darin ernst nimmt.
Warum Lüttich die Reise wert ist
Für Klassikliebhaber in Belgien ist die Salle Philharmonique eigentlich ein Publikumsgeheimnis. Lüttich liegt für die meisten Flamen näher, als man manchmal denkt, und der Saal hat etwas, das nicht selbstverständlich ist: eine Akustik, eine Architektur, eine Atmosphäre, die ein Konzertgebäude wirklich zum Leben erweckt. Und jetzt auch ein Orchester, das sich weigert, ein Monument zu sein.
Unter Bringuier ist das OPRL weniger zu einem Endpunkt geworden als zu einem Durchfluss von Farben, Spannungen und Neuinterpretationen – eine Werkstatt eher als ein Tempel. Wenn sich diese Ambition auch auf der Bühne in der gleichen Präzision und Neugier wie in der Programmierung umsetzt, dann wird dies keine Saison, die einfach „präsentiert" wird. Dann ist es eine Saison, die sich entfaltet – Abend für Abend, Farbe für Farbe.
Einzeltickets gehen ab 8. Juni in den Verkauf. Abonnements sind bereits verfügbar. Wer bereits sicher weiß, dass Hilary Hahn im Oktober oder Nelson Goerner im April nicht im Kalender fehlen darf, sollte nicht warten.