Mendelssohn: Pianoconcert nr. 1 in g, op. 25 - nr. 2 in d, op. 40 - Capriccio brilliant op. 22
Orchester de Chambre de Paris u.L.v. Lars Vogt (piano)
Ondine ODE 1400 • 52' •
Aufnahme: Nov. 2021, Philharmonie de Paris, Le Studio
Im Jahr 2020 wurde Lars Vogt zum Generalmusikdirektor des Orchestre de Chambre de Paris ernannt. Seine Auftritte mit dem Orchester waren so erfolgreich und er gefiel den Orchestermitgliedern und der Verwaltung so sehr, dass sein Vertrag bereits 2021 bis 2025 verlängert wurde. Aber schon im September 2022 musste das Orchester nach einem Ersatz suchen, da Lars nicht mehr auftreten konnte: Er befand sich im Endstadium der Krankheit, die ihm kurz darauf, am 5. September, das Leben nahm, nur noch 3 Tage entfernt von seinem 52. Geburtstag.
Im November 2021, als sich seine Krankheit noch nicht angekündigt hatte, nahm er mit dem Orchester drei Werke von Mendelssohn auf, in seiner Rolle als Pianist und Dirigent: beide Klavierkonzerte von Mendelssohn, ergänzt durch sein Capriccio brilliant. Das passte in einen Trend: Solisten, die sich am Dirigieren versuchen, mit ansprechenden, relativ neueren Beispielen wie den Violinisten Renaud Capuçon und Daniel Hope sowie dem Klarinettisten Andreas Ottensamer. Früher, zur Zeit des Barock und der Wiener Klassik, war das die normalste Sache der Welt: der Solist und der Dirigent in einer Person vereinigt, aber mit dem Aufkommen Beethovens änderte sich dieses Bild, es sprach sich mehr und mehr von streng getrennten Welten, Ausnahmen – wie es sie immer gab – ausgenommen. Auch heute wird niemand mehr überrascht, diese symbiotische Beziehung von Solist und Dirigent, selbst nicht in Werken wie Prokofjews Drittes Klavierkonzert, Beethovens Fünftes Klavierkonzert oder beiden Klavierkonzerten von Brahms (Lars spielte und dirigierte das Zweite Klavierkonzert in Konzerten, aber nahm es auch auf, mit der Royal Northern Sinfonia – er war von 2015 bis 2020 deren Generalmusikdirektor – eine sehr erfolgreiche Produktion von 2020).
Das Mendelssohn-Album ist das erste und damit leider auch das letzte, das er mit seinem Pariser Ensemble machte. Es fiel mir nicht leicht, mit trockenen Augen zuzuhören, denn aus diesen Interpretationen spricht so viel Glanz und Energie, dass es kaum vorstellbar ist, dass noch kein Jahr später Lars nicht mehr da sein würde und dass er im November 2021 noch nur wenige Monate entfernt war von seiner ersten Chemotherapie.
Welch faszinierende Nuancen kennzeichnen diese Aufführungen! Und mit welcher Leichtigkeit entfalten sich die Dialoge zwischen Klavier und Orchester, das Farbenspiel, das sowohl aus dem Solo-Instrument als auch aus dem Orchester aufleuchtet. Dies ist wirklich Kammermusik auf höchstem Niveau, es wird wirklich und ungezwungen „konversiert", ein „Rezept", das das Orchestre de Chambre de Paris bereits mit ebenso viel Verve in Haydns Pariser Sinfonien anwendete.
Vogt entpuppt sich auch hier als Pianist aus tausend, sein Spiel erfüllt von Subtilität und Präzision, äußerst ausdrucksvoll, abwechselnd leidenschaftlich und lyrisch, mit jenem Hauch von Rubato, der diese Musik unwiderstehlich macht. Ohne Zweifel gehören diese Interpretationen zu den besten, die das Medium zu bieten hat. Auch die wunderbare Aufnahme trägt einen angemessenen Teil dazu bei.