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Minnesänger als Sänger der Liebe

H
· 5 Min. Lesezeit
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Minnesänger als Sänger der Liebe

Okzitanische Trobadore, nordfranzösische Trouvères und Minnesänger aus den deutschsprachigen Regionen – alle besangen sie die höfische Liebe. Als Liebessänger verkörperten sie das Herzweh der unmöglichen Liebe. Ensemble Céladon unter der Leitung von Paulin Bündgen widmete ihre neueste CD Under der Linden dieser deutschen Tradition.

Die Tradition der Minnesänger entstand aus den französischen Vorbildern der Trobadore und Trouvères. Wie bei den französischen Vorgängern war es oft ein Ritter, der seine Liebe zu einer adligen Dame besang. Beliebte Themen waren Treue (triuwe) und gezügelte Sittsamkeit (mâze). Die französische Tradition zeichnete sich durch strikte Regeln aus. Die ersten deutschen, poetischen Gattungen waren ursprünglich von diesen französischen Vorbildern abgeleitet, aber im Laufe des 13. Jahrhunderts emanzipieren sich die deutschen Sänger allmählich von den französischen Gattungen und differenzierten sich weiter. Minnesänger entwickelten ihre eigenen Stile und Formen. Es ist genau diese hochadlige und späte Minnesang, die auf der CD Under der Linden angeboten wird.

[caption id="attachment_42176" align="alignleft" width="197"]Walther von der Vogelweide (Codex Manesse) Walther von der Vogelweide (Codex Manesse)[/caption]

Das Album trägt den Titel des letzten Liedes. Bemerkenswert ist, dass dies ein frühes Beispiel aus der abgegrenzten Periode ist. Das Lied stammt von Walther von der Vogelweide (1170-1230), einem der bekanntesten Sänger (der sogenannten „zwölf alten Meister") aus den deutschsprachigen Gegenden. Er war nicht nur zu Lebzeiten bekannt, sondern auch bei der Wiederentdeckung der mittelalterlichen Musik wurde sein Name mehrfach in Verbindung mit der Tradition der Minnesänger erwähnt. So verweist auch Richard Wagner (1813-1883) in „Am stillen Herd" aus der Oper Die Meistersinger von Nürnberg (1867) namentlich auf Walther von der Vogelweide.

Das ausgewählte Lied Under der Linden [track 11] wird auf diesem Album von Clara Coutouly und Paulin Bündgen gesungen. Die Musik ist strophisch und sparsam begleitet. Die ganze Aufmerksamkeit kann dem Text gelten. Mit sorgfältiger Artikulation und Textausdruck singen Coutouly und Bündgen die Strophen. Es ist deutlich, dass große Aufmerksamkeit auf die Textverständlichkeit gerichtet wurde.

Under der linden an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ mugt ir vinden
schône beide gebrochen bluomen unde gras.

vor dem walde in einem tal -
tandaradei!
schöne sanc die nachtigal.

Unter den Lindenbäumen auf der Heide,
wo unsere zwei Betten standen,
da mussten wir
schöne gebrochene Blumen und Gras suchen.

vor dem Wald in einem Tal -
tandaradei!
schön sang die Nachtigall.

Clara Coutouly und Paulin Bündgen eröffnen die CD auch gemeinsam mit einem der großen Namen unter den Minnesängern. Die Musik von Konrad von Würzburg (1225/30-1287, auch ein „alter Meister") ist ein Beispiel für späte Minnesang. Das ausgewählte Lied Do ich mich übt der seiten klang [track 01] ist untypisch für Würzburg. In diesem Gedicht schreibt er in der ersten Person und integriert eine Menge autobiografischer Elemente über das Singen und Spielen von Musik als Minnesänger. Passenderweise beschloss Ensemble Céladon, diese Aufführung mit einem Lautensolo zu beginnen. Diese Einleitung erklingt schon den Text, bevor dieser gesungen wird. Und der Sänger besitzt danach die Tradition, auf die sich diese CD konzentriert. Eine treffende künstlerische Wahl, das Album mit diesem Metalied zu eröffnen.

Erst ab der späten Minnesang wich die Sitte manchmal der Erotik. Avianuß der frey poet [track 06] von Tannhäuser (fl. 1245-1265) ist ein Beispiel, bei dem auch erotische Elemente Einzug halten. Vermutlich wegen des Textes wurde beschlossen, ein instrumentales Arrangement des Liedes zu spielen.

[caption id="attachment_42192" align="alignleft" width="211"]Bruder Wernher (Codex Manesse) Bruder Wernher (Codex Manesse)[/caption]

In den deutschsprachigen Gebieten entstand im Gegensatz zu den französischen Trobadoren und Trouvères auch eine parallele Sangtradition, die sich nicht auf die höfische Liebe konzentrierte. Sprüche besingen keine Liebe, sondern geben soziopolitische Kommentare. Der musikalische Stil ist ähnlich, aber der Inhalt ist in der Praxis oft das Gegenteil der Minnesänger. Für diese parallele Tradition wurde auf dem Album Platz gemacht.

Ich buwe eyn hus [track 04] von Bruder Wernher ist ein Beispiel der Sprüche, die musikalisch parallel zur späten Minnesang verläuft. Es ist ein typisches Wernher-Lied und hat wie alle seine anderen Lieder die christliche Moral und Ethik als Thema. Es ist allerdings ein bemerkenswert langes Lied. Ganze 15 Minuten lang. Es gibt nur ein weiteres Lied auf dem Album, das auch diese Länge hat: Ir schauwent an die cleyn ameyß [track 07] von Konrad Marner (1270-?), das ebenfalls ein Sprüche-Lied ist. Wie bei den Minnesängern ist Textverständlichkeit für eine gelungene Aufführung wichtig.

Diese CD gibt einen Überblick über die deutschsprachige Musiktradition aus dem 13. Jahrhundert. Sowohl das Minnesänger- als auch das Sprüche-Repertoire kommen zu Gehör. Musik der bekannten „zwölf alten Meister" sowie von weniger bekannten Komponisten wird gesungen. Bei der Zusammenstellung des Programms wurde deutlich Aufmerksamkeit auf das Gesamtbild gerichtet. Es ist keine einfache Aufgabe, ein Jahrhundert Musik in nur eineinhalb Stunden unterzubringen. Dennoch gelingt es Ensemble Céladon unter der Leitung von Paulin Bündgen mit ihrem Album Under der Linden, einen schönen und vollständigen Überblick zu geben.



4/5


  • WER: Ensemble Céladon u.d.L. Paulin Bündgen
  • WAS: Under der Linden
  • LABEL: Ricercar RIC447
  • BESTELLEN: JPC
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