Dann backen Sie doch einfach mal Pfannkuchen am Maria Lichtmess… In dem Moment, in dem die Kinder ihren ersten leckeren frischen warmen Pfannkuchen mit Sirup und Puderzucker verputzen wollen, klingelt das Telefon. "Mir geht es nicht gut und ich kann heute Abend wirklich nicht singen, könntest du mich ersetzen?"…
Das Publikum war sehr enttäuscht, Samstagabend 2. Februar 2019 in der Konzerthalle des Brussels Conservatorium, als es auf der Bühne angekündigt wurde, dass Emma Posman erkrankt war. Viele waren besonders neugierig, sie zu hören, nachdem sie letzten Sommer in Salzburg ein unerwartetes Debüt hatte, wo Emma schnell als Königin der Nacht einsprang, um eine erkrankte Sopranistin zu ersetzen. Diesmal war sie selbst krank und später am Abend sollte Jolien De Gendt in mehreren Arien von Mozart glänzen. Arien, die sie nie zuvor gesungen hatte und die sie in zwei Stunden einstudierte, also sozusagen las und sang, um sie fast wie Sichtlesen auf dem Konzertpodium aufzuführen.
Beethoven und Mozart faszinieren weiterhin
Lumen Symphonicum, das Orchester unter der Leitung von David De Geest, bot ein Programm mit Werken von Beethoven und Mozart, die Menschen noch für Jahrhunderte verzaubern werden. Der erste Teil bot die Ouvertüre "Die Geschöpfe des Prometheus" zu hören, ein frühes sinfonisch inspiriertes Werk von Ludwig Van Beethoven. Schon davor schrieb der Großmeister dieses Genres seine erste Symphonie, die nach der Ouvertüre aufgeführt wurde. De Geest sorgte für eine starke Interpretation mit ausgeprägten Artikulationen, Atemspausen und nachvollziehbaren Tempi, die dem Hörer besser verstehen lassen, was der Komponist in seiner Symphonie erzählt. Schwachpunkte waren Einsätze, die nicht immer gleich waren, und Feinheiten, die hier und da geschliffen werden könnten.
Nach der Pause kam Mozart, genauer gesagt eine ganze Auswahl aus sieben seiner Opern mit bekannten und weniger bekannten Arien, Chorwerken und Instrumentalstücken. Für die Chorpartien wurde der Studentenchor des Conservatorium herangezogen. Als Solistin war Emma Posman programmiert, aber sie ließ sich aus gesundheitlichen Gründen fast im letzten Moment von Jolien De Gendt ersetzen.
Was auffiel, war, wie all diese jungen Chorsänger, gerade aus der Pubertät herauswachsend, mit Freude und Vergnügen die Chorpartien aus Le nozze di Figaro, Idomeneo ré di Creta, Ascanio in Alba, Così fan tutte, Die Zauberflöte und La clemenza di Tito sangen. Aus denselben Opern, ausgenommen Mozarts junge Oper Ascanio, aber auch aus der noch früheren Oper Mitridate ré di Ponto sang Jolien De Gendt eine Reihe von Arien.
Sichtlesen!
Sofort stellte ich mir die Frage, wie es möglich war, dass Jolien De Gendt genau dasselbe Programm sang, das Emma Posman einstudiert hatte. Nicht jede Arie liegt so nahe, und außerdem ist sie nicht von jeder Sopranistin bekannt. Nur bei einigen Atemzügen hier und da konnte man vermuten, dass Jolien sie nicht ganz an der richtigen Stelle nahm, weil sie einfach keine Zeit hatte, das Repertoire vorher gründlich zu studieren. Jolien sang einen fehlerfreien Parcours mit viel musikalischem und textlichem Verständnis und starkem Ausdruck. Das Publikum dankte ihr mit reichlichem Applaus, weil die Sängerin es doch schaffte und dann noch über die ganze Linie das Programm unverändert zu bringen. Das Bemerkenswerteste war wohl die virtuose, anspruchsvolle Arie "Al destin, che la minaccia" aus Mitridate, die Mozart als 14-Jähriger komponierte. Es ist kaum vorstellbar, dass ein gerade pubertierender Junge eine solche Arie aus dem Ärmel schütteln konnte.
Man kann sich meine Verwunderung vorstellen, als De Gendt mir nach dem Konzert anvertraute, dass sie nur die beiden Arien der Königin der Nacht in ihrem Repertoire hatte. Alle anderen waren Sichtlezungen, die sie kurz vor dem Konzert mit dem Orchester durchgehen konnte. Während die Pfannkuchen backten, suchte sie gleichzeitig die Partituren im weltweiten Web auf und fand sie glücklicherweise alle. Schnell ausdrucken, das Feuer unter den Pfannen ausmachen und auf zum Weg nach Brüssel, wo sie dem Publikum zeigte, dass sie eine echte Künstlerin ist. Nochmals ein großes Bravissimo!
- WAS: Beethoven und Mozart
- WER: Lumen Symphonicum, Jolien De Gendt, Chor des Conservatorium Brussel unter der Leitung von David De Geest
- WAS: sinfonisches Werk von Ludwig Van Beethoven, Teile aus Opern von Wolfgang Amadeus Mozart
- WO & WANN: Konzerthalle des Conservatorium Brussel, Samstag, 2. Februar 2019
- FOTOS: © Klassiek Centraal
- FILM: © Lore De Gendt[embed]https://www.youtube.com/watch?v=P2JlmScchkA&fbclid=IwAR1Y2Dvv6C4Usr-bqLs-RobyMm2wsiI4yMU08kevmQL6LfwsqTreRtI6lW0[/embed]