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Mozart, La Clemenza di Tito: eine theatralische Botschaft von Regisseur Milo Rau

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Mozart, La Clemenza di Tito: eine theatralische Botschaft von Regisseur Milo Rau

Opera Ballet Vlaanderen eröffnet die neue Opernsaison mit der ersten Opernproduktion, die Theaterregisseur Milo Rau auf seinem Konto hat. Ein ehrgeiziges Projekt, denn La Clemenza di Tito ist als opera seria ein absolutes Meisterwerk, die Krönung des Genres im Oeuvre von Mozart.

Kunst ist Macht

Die Neugierde war groß, denn Milo Rau wird als ein „vielbesprochener Theatermacher, Filmemacher und Soziologe" definiert (Pressemitteilung OBV) und mit offener Geisteshaltung machten wir uns zur Oper auf. Das Bühnenbild hat zwei Seiten: eine Art Künstlergalerie und ein trauriges und düsteres Flüchtlingslager. Milo Rau nennt es in seiner eigenen Erläuterung „die glamouröse Hipster-Welt einer Kunstgalerie" gegenüber „Menschen, die auf der Straße schlafen müssen". Diese Menschen, die auf der Straße schlafen müssen, gehören zum Theatermanifest von Milo Rau, denn er will „mit der künstlerischen Bürgerlichkeit" der Oper „Schluss machen". Nun ist das römische Volk in Mozarts Oper auch nicht so kaisertreu, als ob Tito nach einem großen Feldzug zurückkehrt, aber die Handlung von Mozarts La Clemenza di Tito mit Flüchtlingen aus so ziemlich allen Problemregionen der Welt zu bevölkern (denn das stellt sich dann später in der Aufführung heraus) ist doch eine weit gehende Hineininterpretierung.

Tito ist also bei Milo Rau auch kein Kaiser, sondern ein Anstreicher. Daher der oben zitierte Slogan, der etwa drei Viertel der Aufführung die Rückwand des Bühnenbildes bildet. Als Charakter kommt er allerdings kaum zur Geltung. Er ist ein Spielball seiner Umgebung, die ihm die Kleider auszieht, ihn wieder anzieht, den Pinsel in die Hand drückt, aber vom aristokratischen Herrscher, der letztendlich seine Vergebungsbereitschaft über seine Herrschaft und seine Macht stellt, bleibt kaum eine Spur übrig. Milo Rau macht aus ihm als selbsternanntem Künstler, was er daraus machen will. Was Mozart komponiert hat, muss in unserer Theaterwelt nicht mehr gelten.

Die Botschaft von Milo Rau – so sozial bewegt sie in der Realität auch sein mag – ist wichtiger als die Oper von Mozart, die 1791 in Prag als Gelegenheitswerk zur Krönung von Leopold II. zum König von Böhmen Uraufführung hatte. Würde das Manifest, das Milo Rau zu Recht auf der Bühne zeigen will, nicht viel besser mit einer eigenen Kreation ohne Missbrauch der bestehenden und meisterhaft komponierten Oper von Mozart bedient sein?!

Zersplittertes Erzählmuster

Da sich Milo Rau die Oper von Mozart für seine eigene Botschaft aneignet, lässt er auch die Komposition anders ablaufen als im Original. So lässt er die Aufführung mit dem Finale beginnen. Warum? Die Orchestermusiker wussten es selbst nicht….Die festliche Ouvertüre folgt erst danach. Auch wird die Oper wiederholt durch Eigengeschichten unterbrochen, mal ein potenziell komischer Antwerpener – dem dann das Herz herausgerissen wird….!! – (später in der Aufführung kommt dann der „Witz", dass es nur ein Silikonherz war). Das zweite Akt erhält einen langen Prolog durch eine elegante Dame aus Aleppo, die ihre Geschichte erzählt, in ihrer zwar farbenfrohen Sprache und auf poetischem Text. Schön, aber was hat es in dieser Oper zu suchen?

Während die Opernhäuser sich so mühen, die Texte zu projizieren, werden hier bei den Texten der letzten prächtigen Arien des Stücks (Tito: Se all'imperio, Vitellia: Non più di fiori) anekdotische Daten über die Statisten, denen Milo Rau in seinem Stück einen Platz gibt, projiziert. Damit wird weder den Sängerinnen und Sängern noch der Oper gedient. Außerdem macht es aus der doch ziemlich linearen Geschichte ein verwirrendes Ganzes, bei dem die wesentliche Beziehung zwischen den Charakteren verloren geht.

Milo Rau findet, dass er dieses Recht hat: „meine Clemenza stimmt alles andere als mit der Operntradition überein, wie wir sie kennen…/…Durch das Durchstechen der Opern-Utopie und das Auseinandernehmen von Mozarts Werk erleben viele Opernkenner und -kritiker meine La clemenza di Tito als destruktiv. Die Zusammenkunft verschiedener Facetten, die Parallelität von Musik und Handlung und das Spannungsfeld, das entsteht, wenn man alte Werke auf neue Weise aufführt, faszinieren mich."

Die Musik bleibt schön…

In dieser Produktion müssen die Sängerinnen und Sänger wirklich extra ihr Bestes geben, um ihre Charakter nicht in dem Chaos des Ganzen untergehen zu lassen….Der schöne schlanke Tenor von Jeremy Ovenden überzeugt, obwohl seiner Präsenz die Autorität und die Vergebungsbereitschaft von Tito fehlen. Auch die Stimmleistungen von Anna Goryachova (Sesto), Anna Malesza-Kutny (Vitellia) sind bewunderungswürdig. Maria Warenberg bestätigt als Annio den positiven Eindruck, den sie in diesem Jahr bei der KEZ hinterlassen hat, und Sarah Yang kann in manchen Momenten durch ihren ergreifenden Gesang als Servilia ihr verrücktes Kostüm mit wintertlicher Wollmütze vergessen lassen….Alejo Pérez lässt das kleine besetzte Orchester nuanciert und mit geschmeidiger Klangfarbe spielen. Die obligaten Klarinetten-Passagen klingen wunderbar und die Rezitative sind mit der richtigen Ausdruckskraft dosiert.

Mozarts La clemenza di Tito zeigt in einer mit vier Hauptcharakteren bevölkerten Oper auf drängende und nüchterne Weise, wie Machtwillust und Liebe tragisch verflochten sind. Milo Rau macht daraus Chaos.


WAS: Wolfgang Amadeus Mozart, La Clemenza di Tito

WER: Milo Rau [Regie], Alejo Pérez [Dirigent] Mit: Jeremy Ovenden, Anna Malesza-Kutny, Anna Goryachova, Maria Warenberg, Sarah Yang, u.a.

WO: Opera Ballet Vlaanderen, Antwerpen

WANN: Sonntag 10-9-2023 (Premiere) Weitere Aufführungen Antwerpen bis 21. September Gent: 1. bis 8. Oktober

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