Anlässlich seines Recitals am 14. Februar 2026 während des Festivals Flagey Piano Days (https://www.flagey.be/nl/activity/12727-jonathan-biss), in dem er Werke von Schumann, Janáček, Kurtág und Mendelssohn rund um das Thema Words Fail präsentiert, sprechen wir mit Jonathan Biss über sein Pianospiel. Über die Art und Weise, wie er Musik als Kommunikation sieht, über die Stille, die er als Partner des Klangs betrachtet, und über die Freiheit, die entsteht, wenn eine Interpretation niemals abgeschlossen ist. Ein Gespräch über Präsenz, Zuhören und die tiefe Verbundenheit mit der Musik.
Denken, Partitur und Stille
Jonathan Biss gehört zu der Kategorie von Pianisten, die sich der Musik tiefgründig nähern, doch er präzisiert sofort: Er interessiert sich für das innere Funktionieren von Musik, aber Musik ist grundlegend Kommunikation. „Wenn du das Stück nicht liebst – wenn es dein Herz nicht schneller schlagen lässt – hilft Nachdenken nicht," sagt er. „Das Denken während des Spielens findet nie statt; Reflexion kommt vor allem danach, um die Interpretation zu vertiefen."
Dieser Drang nach Verständnis übersetzt sich auch in seinen Umgang mit der Partitur. Für Biss gibt es eine moralische Verantwortung gegenüber dem Notenbild. „Große Musik ist ein Ausdruck des inneren Lebens des Komponisten – das ist wichtig. Die Notation ist frustrierend unvollständig, aber das bedeutet nicht, dass du dein Leben nicht dem Verständnis dessen widmen solltest, was der Komponist zu sagen versucht." „Diese Verantwortung behindert meine Freiheit nicht; im Gegenteil: Je tiefer du ein Werk verstehst, desto freier fühlst du dich. Ich sehe Treue zu einer Partitur als eine Form der Gemeinschaft mit der Musik."
Stille spielt eine zentrale Rolle in Biss' Ansatz. „Ich liebe Stille zu sehr, um sie als selbstverständlich zu betrachten," sagt er. „Ich denke auch darüber nach, wie die ersten Noten die Stille durchbrechen und die letzten Noten uns zurück dorthin führen, und wie die Pausen innerhalb eines Stückes enorm viel Charakter tragen können, abhängig davon, was ihnen vorausging."
Beethoven, Interpretation und Zuhören
Beethoven bleibt eine Konstante in Biss' Repertoire, wegen der inneren Intensität und Spiritualität seiner Musik. Besonders in den langsamen Sätzen spürt er, dass Beethoven Fragen an das Universum stellt. „Ich bin nicht religiös, aber bei Beethoven spüre ich Gott," sagt er. „Manchmal kommt Beethoven zu nah und ist fast konfrontativ; seine Intensität und die Art, wie er Raum einnimmt, verlangen nach Abwechslung mit anderen Komponisten. Ob er nun die Sonata Op.111 oder das Zweite Klavierkonzert spielt, beide Stücke rufen dieselbe tiefe Verwunderung und Fragen hervor. Schubert fühlt sich beispielsweise freundlicher an, Beethoven fast nie."
Interpretation ist für Biss niemals abgeschlossen. „Es ist nie fertig. Je mehr du verstehst, desto mehr Fragen ruft es hervor. Zweifel ist nicht lähmend, das Verlangen nach Gewissheit ist es. Es ist befreiend zu erkennen, dass du nie vollständig weißt, was der Komponist gemeint hat." Diese Überzeugung wächst aus einer tiefen Verbundenheit mit dem Werk. „Dem Komponisten treu zu sein ist eine Form der Gemeinschaft, keine Einschränkung der Freiheit."
In einer Zeit flüchtiger Aufmerksamkeit betont Biss die Wichtigkeit des konzentrierten Zuhörens. „Mit vollständiger Konzentration und Offenheit zuzuhören ist wesentlich. Es erfordert Übung und bewussten Einsatz, um die Musik wirklich erleben zu können." Auch seine eigene Hörweise hat sich verändert: „Es wird immer wichtiger, dass ich vollständig präsent bin beim Zuhören oder beim Spielen, um neue Dinge zu entdecken."
Das Flagey-Programm und Podiumsphilosophie
Sein jüngstes Programm in Flagey bringt vier Komponisten zusammen: Schumann, Janáček, Kurtág und Mendelssohn, rund um das Thema „Words Fail" von Janáček. „Alle Komponisten ringen mit dieser Idee; Musik kann ausdrücken, was du nicht in Worte fassen kannst." Biss identifiziert sich persönlich mit Schumann: „Seine Verletzlichkeit und Offenheit bilden ein Modell dafür, wie ein Ausführender überzeugend sein kann. Nur wenn man bereit ist, wirklich verletzlich zu sein, kann man aufrichtig kommunizieren." Kurtág verlangt Konzentration auf die kleinsten Details; jedes Intervall trägt Bedeutung, und wenn das gelingt, erlebst du magische Momente. Bei Mendelssohn achte ich darauf, dass die Lieder ohne Worte nicht nur schön klingen, sondern auch innere Spannung bewahren."
Für Biss ist ein Konzert vor allem eine Begegnung mit der Musik und dem Publikum. „Wenn ich mit Ehrlichkeit und Überzeugung spiele, wird das Publikum das spüren." „Das Publikum ist sowohl Partner als auch Zeuge. Jeder Moment auf der Bühne ist einzigartig, und die Idee des Scheiterns existiert nicht im absoluten Sinne."
Zuhören als Erfahrung und Bewusstsein
Biss äußert sich manchmal explizit zu sozialen Fragen und der Rolle des Künstlers. „Es gibt keine universelle Antwort darauf, wann ein Künstler sprechen sollte. Es hängt vom Gewissen und den Umständen ab. Manchmal ist es wesentlich, seine Stimme hören zu lassen, und das Wichtigste ist, dass du deinem eigenen Gewissen folgst." Musik kann die Welt nicht retten, aber „sie verändert das Bewusstsein des Zuhörers und es ist an dem Zuhörer zu entscheiden, was er damit anfängt." So erhält sein Recital in Flagey nicht nur Klang, sondern auch Bedeutung: eine Einladung zum Zuhören mit Tiefgang, Aufmerksamkeit und Offenheit.
