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Haben Sie schon mal von einem Musikfestival im südtiroler Meran gehört?

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· 10 Min. Lesezeit
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Haben Sie schon mal von einem Musikfestival im südtiroler Meran gehört?

Die europäische klassische Musiklandschaft ist in den Sommermonaten mit vielen bekannten Namen voller Festivals. Aber kennst du auch das Südtiroler Festival im Kurort Merano? Die eine Hälfte der Einwohner spricht dort Deutsch, die andere Hälfte Italienisch. Es liegt also an einer Schnittstelle von Kulturen, dank oder wegen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie des 19. Jahrhunderts. Zwei Monate lang, August und September, läuft das Südtirol Festival Merano.Meran. Die Musikorganisation Cimarosa hatte es auf ihrem Programm. Wir reisten mit (26/8 – 2/9) und genossen nicht nur die wunderbare Umgebung, sondern natürlich auch eine Reihe von ausgezeichneten Konzerten.

Trevor Pinnock meets Maurice Ravel.

Ein erstes Konzert war eines mit einem von seinem Alter gezeichneten Trevor Pinnock. Behende betritt er die Bühne des Kurhauses von Merano. Er ist Gastdirigent des Südtirol Festivals und leitet heute Abend das Kammerorchester Basel. Mit ausholenden Gesten hält er dieses Kammerorchester – aber es sitzen mindestens 40 Musiker auf der Bühne – in guten Bahnen. Sie spielen Maurice Ravels Tombeau de Couperin. Man würde Trevor Pinnock nicht unmittelbar mit Ravel verbinden. Ist er nicht der Mann, der jahrelang Pionierkarbeit mit alter Musik leistete und diese mit seinem English Consort auch aufführte? Jetzt am Werk mit einem Komponisten aus der jüngeren Vergangenheit! Ein Werk, das Ravel schrieb, um Freunde und Bekannte zu ehren, die im Ersten Weltkrieg fielen. Dennoch klingt diese Musik fast fröhlich. Aber ja, sie basiert natürlich auf diesen französischen Suiten aus der Zeit von François Couperin, tanzende Stücke sind es, hier in der Kammermusikversion äußerst melodisch und angenehm orchestriert, das Warenzeichen Ravels, und engagiert und gediegen aufgeführt von diesem Ensemble.

Daraufhin kommt, kurz geschnitten und ergraut, (sie ist von 1944) die portugiesische Starpianistin Marie João Pires auf die Bühne und spielt wunderbar und vielleicht zum x-ten Mal dieses schöne 23. Klavierkonzert von Mozart. Und sie tut das mit spielerischer Einfachheit, wie es bei diesem Mozart gehört. Vielleicht nicht mehr so filigran wie früher, aber mit diesem wunderschönen Adagio kann sie jeden für tosenden Applaus gewinnen, auch wenn das Orchester manchmal laut und scharf klang. Aber ein solcher Kurhaus-Saal ist auch wieder nicht die ideale Akustik. Schön renoviert allerdings.

Trevor Pinnock dirigiert – mit Taktstock diesmal – noch eine Gounod, nämlich seine zweite Sinfonie. Dass er viele Opern schrieb, mit Faust als die bekannteste, das wissen wir, aber Sinfonien? Reiseleiter und Musikologe Pieter Bergé gab auf der Reise vor jedem Konzert Erläuterungen für seine Mitreisenden. Er ist zwar Professor, aber einer, der weiß, wie man Wissenschaft – hier Musikologie – verständlich kommunizieren muss. Er hatte uns gewarnt. Es würde wie eine frühe Beethoven klingen. Und tatsächlich klang es so, und Charles Gounod wusste, dass er damit bei seinem Publikum punkten würde. Für Sinfonische Musik gab es im Musikleben des Pariser dieser Jahre wenig Interesse. Es lebte damals voll und ganz im Bann der Oper und hatte kein Ohr für neue sinfonische Musik. Gounod erntete Erfolg, auch in Merano, zusammen mit dem Kammerorchester Basel. Die Kurhaus-Gäste zwangen ihn zu noch einer Zugabe. Und das war ein witziger Nachtisch: die gackernde La gallina (die Henne) aus der Suite Gli uccelli (die Vögel) von Ottorino Respighi.

© Gerard Collett

Liturgische Musik

Fünf Kilometer von Merano entfernt liegt das Dörfchen Lana. Es ist in der Pfarrkirche von Lana, dass an jenem nächsten Konzertabend die Stille stille blieb. Diesen Eindruck bekam man jedenfalls beim Hören von sechs Motetten von Anton Bruckner. Er schrieb etwa zwanzig. Es war am Chor des Lettischen Rundfunks, sie so rein aufzuführen wie sie geschrieben sind, aufgestellt vor dem beeindruckenden gotischen Altaraufsatz der Kirche. Liturgische Gesänge mit diesen typischen und vorhersehbaren Schlussakkorden. Perfekt vorgetragen, aber oft zu laut für eine so kleine Dorfkirche, zum Glück ohne Nachhall. Bei einem dennoch verhalteneren Ave Maria kam es m.E. zu einem viel zu starken Crescendo, das den Schmerz über „die Frucht ihres Leibes" betonen sollte.

Diese „forte" war auch oft bei dem anderen religiösen Werk, das der Dirigent Sigvards Klavza mit seinem Chor aufführte: Peter Tschaikowskis Liturgie des Johannes Chrysostomus. Kräftig, zu kräftig in einer so kleinen Kirche, diese Liturgie sehnt sich eigentlich nach einer großen und dunklen byzantinischen Basilika. Ein ausgezeichneter Chor, manchmal zu laut, aber nie zu scharf. Jedes Mal eingeleitet mit dem Vorsänger für eine tiefe dunkle Stimme, die des „Popen", und beantwortet durch den immer hellen Chorgesang. Beeindruckend. Mit stehenden Ovationen beschlossen, erwiesen diese Letten noch Tribut an die Ukraine mit dem „Gebet für die Ukraine" des inzwischen fast 84-jährigen ukrainischen Komponisten Valentyn Silvestrov.

© Bfz

Budapest Festival Orchestra mit Wagner, Beethoven und Haydn

Ein Abend mit Iván Fischer und seinem Budapest Festival Orchestra, wer würde das verpassen wollen? Es stand daher sofort auf dem Programm der Cimarosa Reise zum Südtirol Festival in Merano. Im Kurhaus der Stadt spielten sie zunächst die Siegfried Idylle. Professor Pieter Bergé, der als ausgezeichneter Lehrer jedes Konzert für seine Mitreisenden einleitete, zeigte uns ein „sehr kurzes Filmchen" über die Uraufführung dieser Idylle. Man sah eine „re-enactment" davon, wie er 1870 auf der Treppe vor dem Schlafzimmer von Cosima in Wagners Villa Tribschen in Luzern seine Frau mit diesem symphonischen Geburtstagsgruß überraschen wollte. Er schrieb diese Idylle für nur 13 Musiker, Iván Fischer brachte deutlich mehr auf die Bühne. Die Streicher nehmen dich sofort mit, während die anderen Instrumente leise einsetzen: die Flöte mit dem sogenannten Siegfried-Motiv und die Bläser, die vorne um den Dirigenten versammelt saßen. Eine ungewöhnliche Anordnung, aber sie tragen das Werk schließlich. Und in welcher Version auch immer aufgeführt, mit dem Budapest Festival Orchestra sitzt du richtig, besser noch: am besten!

Auch bei einem Cellokoncert sitzt du bei ihnen gut. Es ist eines von Joseph Haydn, das erste, das lange Zeit als verloren galt, aber 1961 wiedergefunden wurde. Cellist ist niemand Geringeres als Nicolas Altstaedt. Und man hört sofort, dass es eine eigenwillige Persönlichkeit ist, die sich diesem Werk von Papa Haydn widmet. Ein Cellist einer neuen Generation, immer auf Strümpfen spielend. Die Art, wie er mit seinem Instrument und den Noten der Partitur umgeht, zwingt dich, sein beinahe teuflisches Spiel zu betrachten. Es geht um eine völlig zeitgenössische und eigenständige Interpretation. Orchester und Dirigent folgen willig seiner blitzschnellen virtuosen Aufführung. Jeder Cellist des Orchesters, der sein Instrument so behandeln würde wie dieser Solist, würde am nächsten Tag vor der Tür stehen. Nicht dieser Nicolas Altstaedt. Er hat nicht nur Starallüren, sondern vor allem auch Substanz und Klasse. Da kann viel, wenn nicht alles, erlaubt sein.

Ein erfahrener Dirigent (Iván Fischer ist immerhin 71) und ein erfahrenes Orchester (es besteht seit 1983) bringen zum Abschluss einen Kracher. Die Eroica von Beethoven. Darüber gibt es nur Gutes zu berichten. Der revolutionäre Komponist wollte seine Symphonie dem revolutionären General Bonaparte widmen. Aber als dieser sich selbst zum Kaiser krönte, hielt Beethoven ihn für einen Machtlüstling wie alle anderen Kaiser und strich Napoleons Namen von der Titelseite der Partitur. Es ist eine lange und ausgedehnte Symphonie geworden. Fünfzig Minuten lang wirst du rücksichtslos Beethovenscher Erfindungsgabe und Fischerscher Leidenschaft ausgesetzt. Ein keineswegs langweiliger Abend.

© Bfz

Ein Recital mit Magdalena Kozená

Das Festival bringt uns auch einen Liederabend. Für einen großen Namen wie den der Mezzosopranistin Magdalena Kozená ist der große Saal des Kurhauses nur halbvoll. Doch angekündigt als ein wundervoller Abend der Liedkunst. Die Mezzosopranistin eröffnet das Recital mit einer Auswahl von Liedern von Johannes Brahms. Romantik pur, die das weiterentwickelt, was seine großen Vorgänger im Genre getan haben, Robert Schumann und der unübertroffene Schubert. Leider gab es keine Textbücher. Auch für ein überwiegend deutschsprachiges Publikum muss das nicht einfach sein. Unwillkürlich höre man dann eher auf die einfallsreiche Klavierbegleitung als auf die sehr expressive Stimme von Kozená. Für diese Klavierbegleitung braucht Brahms übrigens mehr Noten als seine ruhmreichen und nüchterneren Vorgänger.

Ein völlig anderes Repertoire kam mit Liedern von Modest Mussorgsky. Tatsächlich, so könnte man diese sechs Miniaturen nennen. Sie stammen aus dem Zyklus „Die Kinderbetreuung". Die Texte schrieb Mussorgsky selbst, aus Kindermund, im Dialog mit der Amme. Stimme und Begleitung vermitteln mit Klangmalerei lustige Ereignisse aus dem Kinderzimmer. „Auf, Pferdchen, auf" ist eine dieser Miniaturen. Magdalena Kozená ist hier in ihrem Element, mit angemessenem Ausdruck und ohne zu viel Vibrato. Auch ihr Begleiter, der russisch-israelisch-amerikanische Pianist Yefim Bronfman, konnte sich hier nach Herzenslust austoben.

Anders und ernster wird es dann bei den Satiren. Fünf Romanzen für Klavier und Sopran von Dmitri Schostakowitsch. In Satire verpackte Kritik am Regime. Auf Situationen aus der russischen Vergangenheit, aber ebenso gültig für Situationen zur Zeit des Komponisten. Diese Lieder passen Kozená viel besser als jene aus der Romantik. Und mit Liedern von Béla Bartók kommen wir sicher zu einem Repertoire, das für sie geschaffen ist. Béla Bartók dokumentiert – buchstäblich – Szenen aus dem Dorfleben, um diese dann in Musik zu setzen, und packt natürlich zahlreiche Folkloreelemente hinein. Vergessen Sie nicht, dass er neben Komponist auch Musikethnologe war. Es war seine Leidenschaft, und er gelingt es vollkommen, Volksmusik auch in Kunstmusik zu verwandeln. Siehe diese Meisterwerke in seiner Liedproduktion, mit denen Kozená wirklich glänzen konnte. Noch näher bei ihren Wurzeln kam sie mit zwei funkelnden Zugaben aus dem Werk ihrer zwei tschechischen Landsmänner: Leoš Janáček und Bohuslav Martinů.

Bachs Brandenburgische Konzerte

Unser letztes Konzert fand nicht in der großen Halle des Kursaal statt, sondern im kleineren "Pavillon des Fleurs". Anderer Saal, andere Musik. Viel Musik von Bach ist beliebt, und die Brandenburgischen Konzerte gehören sicherlich dazu. Wir bekommen die Nummern 3, 4, 5 und 6 vom Cordia Ensemble zu hören. Sie spielen ein Heimspiel, denn sie stammen aus dem südtiroler Bruneck, wo sich deutsche und italienische Kultur treffen. Konzerte folgen oft festen Schemata, aber große Komponisten wie Bach gehen damit großzügig um. Dazu kommt noch der barocke Swing und man erhält ein Ensemble, in dem Solisten und Tutti sich gegenseitig mit Vergnügen vorantreiben. Wir sind mittlerweile so sehr an perfekt ausbalancierte CD-Aufnahmen gewöhnt und verwöhnt, dass wir von der etwas eigenartigen Dynamik bei einer Live-Aufführung überrascht werden, noch dazu auf historischen Instrumenten. Bei langsameren Passagen hört man noch besser diese typische Klangfarbe. Die britische Gastgeigerin Rachel Podger spielt auf einem Instrument aus 1739. Auch der Leiter des Ensemble Cordia, Stefano Veggetti, spielt auf einem historischen Instrument und war lange Zeit Erster Cellist bei Anima Eterna von Jos Van Immerseel. Wunderbar schön war natürlich das 5. Konzert mit einer Glanzrolle für Cembalistin Takashi Watanabe und mit einer schimmernden Partitur für den samtenen Traversflöten-Klang von Jana Semerádová. Wirklich tänzerische Musik für Solisten und Tutti. Dialogieren und Zusammenspiel gab es bei diesen Künstlern in Fülle.

So endet eine ganze Woche Südtirol Festival in Merano mit einem Höhepunkt. Obwohl bis Ende September noch viele große Namen auf dem Programm stehen. Eine wenig bekannte Stadt mit einem zu wenig bekannten Festival in dem, was einst ein viel besuchter Kurort des 19. Jahrhunderts war. Möchten Sie einen Namen? Sissi war hier zu Hause, Spitzname der märchenhaften Kaiserin Elisabeth von Österreich und Königin von Ungarn….

© Damian Pertoll © Damian Pertoll

WAS: Südtirol Festival Merano.Meran

WO: Merano, Italien

WANN: 26. August – 2. September 2022

WER: Kammerorchester Basel u.L.v. Trevor Pinnock und mit Maria João Pires [Klavier]

Latvian Radio Choir u.L.v. Sigvards Klava

Budapest Festival Orchestra u.L.v. Iván Fischer und mit Nicolas Altstaedt [Cello]

Magdalena Kozená [Mezzosopran] und Yefim Bronfman [Klavier]

Ensemble Cordia u.L.v. Stefano Veggetti

MUSIKORGANISATION: www.cimarosa.be

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