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Rezensionen

Unter Haydns Flügeln

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· 4 Min. Lesezeit
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Unter Haydns Flügeln

Schöner als in den Worten im Titel konnte das jährliche kleine, aber nicht weniger feine Festival „Amazing Haydn" in Mechelen abschließen. Für das dritte und gleichzeitig letzte Konzert in der Reihe griffen die Haydn-Gesellschaft auf das Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim und die Geigerin Lena Neudauer zurück.

Die Organisation wählte die wunderschöne Sint-Janskerk in Mechelen aus, wo man beim Zuhören nicht den Blick von Rubens' herrlicher „Anbetung der Heiligen Drei Könige" (die immer noch viel zu wenige Touristen anzieht – unbegreiflich!) und dem reichen, einzigartigen barocken Holzschnitzwerk abwenden konnte. Die Kirche wurde kürzlich restauriert, wirkt aber etwas zu museal. Die Musik jedoch ließ die Atmosphäre dieser Kirche wieder aufleben, der Kirche, in der der Unterzeichner seine erste heilige Kommunion hatte.

Dirigent Johannes Moesus wählte weniger aufgeführte Werke von (zu) wenig bekannten Komponisten aus Haydns Zeit, die er neben Mozart und Haydn platzierte. Das Konzert eröffnete mit der Sinfonie in F opus 24/3 von Carl Stamitz (1745-1801). Man kann es ein einfaches Serienwerk nennen, einfach schön und entspannend, aber mit einem überraschenden dritten Teil – ein allegro assai – bei dem man Lust verspürt, mitzutanzen. Ehrlich gesagt ist das Konzert in C für Violine und Orchester (Murray C5) von Antonio Rosetti (1750-1792) in jeder Hinsicht reichhaltiger als das vorige Werk. Es trägt Genialität in sich. Rosetti wird leider viel zu selten aufgeführt, und Dirigent Moesus hat sich sozusagen zur Lebensaufgabe gemacht, Rosetti alle Ehre zu erweisen, die er verdient. Dieses Konzert hat große Tiefe und bietet Musik, die in den Auswahlverfahren und Halbfinalen z. B. eines Königin-Elisabeth-Wettbewerbs für Violine erklingen sollte. Es liegt so viel verborgener Reichtum in dieser Musik – musikalische Schätze, Linien, Feinheiten und technische Anspruchsvollheit – dass man daran Violinisten selektieren könnte. Die Kadenzen können nur von Virtuosen gespielt werden. Persönlich wurde ich leider nicht ausreichend angesprochen von der Solistin Lena Neudauer, Mutter von drei kleinen Kindern. Sie spielt in der zeitgenössischen Interpretation einer Reihe von Barockspezialisten, die sich auch der Wiener Klassiker annehmen. Diese Interpretation ist hart, schnell, virtuos, abgehackt und entbehrt doch zu sehr der Lyrik, des Gesangs und der Seele. Beim Publikum waren die Meinungen gespalten. Einige werden meine Sicht völlig teilen, andere waren begeistert. Geschmack eben...

Nach der Pause genoss man die Sinfonie in G, KV 74 des 13-jährigen Mozart. Ein Werkchen voller Unverschämtheit und Enthusiasmus über das, was er in Italien erlebte, wo er sich damals mit seinem Vater aufhielt. Der echte Mozart von etwas später macht sich bereits im dritten Teil, dem Allegro, kenntlich, wo bereits die so typischen Doppelgefühle Mozarts das Werk durchziehen. Freude und Dunkelheit gleichzeitig. Hoffnung und Sehnsucht, Angst und Fröhlichkeit. All das ist noch stärker im Rondo in C für Violine und Orchester KV 373 vorhanden. Ein Werk, bei dem man sich fragen kann, ob es bei diesem Rondo hätte bleiben sollen, da es sozusagen ausverblasst, ohne wirklich zu enden. Aber das Ablegen von allem ist gerade das Anmutige in diesem tiefempfundenen Rondo. Die Solistin ließ mich auch hier mit einem unbefriedigten Gefühl zurück. Ihr Spiel war in Ordnung und doch vermisste ich etwas. Die Kirsche auf der Torte schien vergessen.

Voller Leben beschloss das Konzert mit der Sinfonie in Es, Hob. I:43 „Merkur" von Joseph Haydn (1732-1809). Vier Sätze Haydn wie er war. Schade, dass wir den Mann nicht persönlich gekannt haben, obwohl? Seine Musik ist so beredt, genau wie seine Worte alles verständlich machen: „Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt".

Das Orchester dankt dem Publikum mit dem dritten Satz aus der Sinfonie in D (Murray A1) von Rosetti als Zugabe. Darf ich festhalten, dass dies das reichhaltigste Werk des ganzen Nachmittags war? Antonio Rosetti: suchen Sie seine Werke auf!

Amazing Haydn war wieder einmal „amazing" und endete mit einem wunderschönen Empfang, von Qualität gleich der Musik. So gehört es sich, dieses jährliche Gesamtprojekt, bei dem kein Detail vergessen wird, wird das Publikum nächstes Jahr mit Beethoven verwöhnen, dessen Großvater Mecheler Wurzeln hatte...


  • WAS: Amazing Haydn 2019, Abschlusskonzert
  • WER: Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim unter der Leitung von Johannes Moesus, Violinsolo Lena Neudauer
  • WO & WANN: Sint-Janskerk, Mechelen, 27. Oktober 2019
  • FOTOS: © Klassiek Centraal – LVM
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