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Berauschende zeitgenössische Klassik? Das geht!

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Berauschende zeitgenössische Klassik? Das geht!

Das MuCH Waterloo Festival. In Flandern wenig bekannt, dieses Festival, wenn nicht die Örtlichkeit, wo es stattfindet: die Königin Elisabeth Musikkapelle von Argenteuil. Es ist die Zuflucht für die Teilnehmer des Wettbewerbs, die das Finale erreicht haben, und dort in Abgeschiedenheit ihre Finalwoche vorbereiten. Es ist ein fast paradiesischer Ort, angrenzend an den Zoniënwald und seit 2015 auch mit einem Neubau ausgestattet, in dem sich eine wunderbare Konzerthalle befindet. Es ist ein kleiner Saal mit einer Kapazität von 250 Plätzen und mit einem einzigartigen Blick auf den dahinter liegenden Wald.

Heute Abend stand auch ein kleines Orchester auf der Bühne. Einmal hieß es „Collegium Instrumentale Brugensis" und stand unter der Leitung von Patrick Peire, das später „Het Kamerorkest Brugge" wurde, bis die Violinistin Jolente de Maeyer ihm neuen Schwung gab und es zum Ensemble „BRYGGEN Bruges Strings" umwandelte. Der Name verweist auf die ikonische Hansekai (Bryggen) in der norwegischen Stadt Bergen. Genau wie Brügge einst eine wichtige Hansestadt war, aber die nördlichste. Denn die Gruppe möchte auch Nordeuropa musikalisch auf die Landkarte setzen und Musik aus Nordeuropa, Russland und den baltischen Staaten bringen.

Minimalismus und Post-Minimalismus

Und dieses Interesse zeigt sich bereits in der Eröffnungsnummer: Summa des Esten Arvo Pärt. Es ist ein Programm mit einer Reihe von Minimalisten auf dem Programm. Mit wenigen Noten taucht dich Pärt sofort in sein eigenes Idiom, in sein eigenes musikalisches Universum ein. Es ist ursprünglich ein Vokalwerk, das er für Streichorchester umgearbeitet hat. Einfache Harmonien, gelassen, mystisch, hypnotisch … das sind die Worte, die man oft über diesen Komponisten hört. Philip Glass ist der zweite Minimalist in der Reihe mit seinem zweiten Streichquartett, nun auch für Ensemble. Und auch hier sofort wieder dieses Glass-Gefühl einer scheinbar einfachen Streicherpartitur auf einer Grundlage von repetitiven Bassnoten. In anderen Teilen auch kräftiger rhythmisch und fast synkopierend. Und dann zwei Stücke aus „Plan & Elevation" von Caroline Shaw. Sie ist eine dieser vielseitigen und jungen amerikanischen Komponistinnen, die sich ebenso in Hip-Hop wie in zeitgenössischer Klassik auskennt, und sicher auch in der minimalistischen Ecke davon. „Plan & Elevation" sind Begriffe aus der Architektur, und sie liebt es, sich von schöner Architektur und außergewöhnlichen Orten inspirieren zu lassen. Dieses Werk entstand, als sie durch die Orangerie und unter den Buchen des Dumbarton Oaks-Anwesens spazierte, während sie dort music fellow war.

Die vier Jahreszeiten nach Max Richter

Das Hauptwerk des Abends ist für den Erfolgskopmonisten Max Richter reserviert. Man hört sein „recomposed" Vivaldi häufig im Radio, aber seine Bearbeitung dieser Vier Jahreszeiten live zu erleben, gibt doch einen besonderen Kick. Es ist die junge ungarisch-amerikanische Abigel Kralik, die soliert, und wie! Und sie kann voll auf die kräftige Unterstützung ihrer Bryggen-Kolleginnen zählen.

Sie ist derzeit artist in residence bei der Musikkapelle. Was hat Max Richter nun eigentlich mit Vivaldis Konzert gemacht, frage ich sie. „Cut and Paste", sagt sie. „Hier und da ein paar Fragmente aus der Partitur ausgeschnitten, daraus ein Puzzle gemacht, eigene Akkordschemas darauf losgelassen, so dass es fast wie Punk mit einem rhythmischen Ostinato klingt, das wunderbar zu diesem barocken Elan passt." Das nennt sich Remixing und Sampling. Das „recomposed" klingt dem echten Vivaldi so ähnlich, dass man jeden Moment erwartet, dass sich die Violinisten irren und die echte Partitur spielen werden. Keine Sorge, trotz des straffen Swing bleiben sie Richter treu. Der langsam aufgehende Frühling, die bleierne Sommerhitze, die farbenfrohe Herbstpalette und der eisige Winter, es kommt alles virtuos aber anders, manchmal eckiger und schärfer, manchmal verharrend zur Geltung. Für viele Zuhörer eine aufmunternde Entdeckung. Es ist ein Beweis, dass nicht alle „zeitgenössische klassische Musik" schwer zu verdauen ist und dass es mehr gibt als die „ältere" klassische Musik, die täglich aus unseren Sendern kommt. Es sind Musikgenres, über die manchmal sehr herablassend gesprochen wird, die aber offenbar sowohl bei einem älteren als auch jüngeren Publikum gut ankommen. Ein Überdenken wert und hier brillant gespielt und propagiert von Jolente De Maeyers BRYGGEN und Solistin Abigel Kralik

Foto: Wouter Maeckelberghe, Roger Creyf

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