Zum ersten Mal inszeniert Milo Rau eine Oper. Das ist bereits Neuigkeit. Aber wie verhält sich der vielbesprochene Theaterregisseur, Filmemacher und Soziologe - der mit seinem Genter Manifest die letzten Reste von Bürgerlichkeit aus den Theatersälen herausgeblasen hat - zum Operngenre? In einem Essay in der Pressemappe erläutert Milo Rau selbst, wie er seine erste professionelle Begegnung mit Oper erlebte. Dies bietet einen Zugang zu seiner Inszenierung dieser Produktion.
Für sein Operndebuet wählte er La clemenza di Tito: Wolfgang Amadeus Mozarts letzte opera seria aus 1791 nach einem Libretto von Caterino Mazzolà über einen idealisierten Machthaber, die Verantwortungen der Macht und die Tugenden der Großmut.
Der römische Kaiser Tito wird mit einer virulenten Hasskampagne gegen ihn konfrontiert, die in einem misslungenen Attentat mündet, aber er wird letztendlich all seine Angreifer verzeihen.
Ist der große Tito wirklich so barmherzig?
In seiner Inszenierung untersucht Milo Rau, welche Folgen Titos Vergebung hat. Auf diese Weise durchbricht er die Masken einer Elite, die bürgerliche Kunst und Gelehrsamkeit nutzt, um ihrer Verantwortung in der Gesellschaft zu entgehen und ihr Gewissen zu beruhigen.
Treu zu seinem dokumentarischen Theaterstil schöpft er auch diesmal aus den Schlagzeilen unserer Gesellschaft und platziert seine Version von Mozarts Oper in der glamourösen Hipster-Welt einer Kunstgalerie neben Menschen, die auf der Straße schlafen müssen. Auch in dieser Produktion gibt er denen eine Stimme, die man nicht auf einem Opernpodium erwartet.
Diese Eröffnungsproduktion wird dirigiert von niemand Geringerem als unserem Musikdirektor Alejo Pérez. Als Tito sehen und hören wir einen der besten Mozart-Interpreten unserer Zeit: den britischen Tenor Jeremy Ovenden, bereits ein Grund, diese Produktion zu besuchen. Aber auch die anderen Soli sind nicht von den geringeren. Als die eifersüchtige Vitellia sehen wir die polnische Sopranistin Anna Malesza-Kutny. Die russische Mezzosopranistin Anna Goryachova kehrt zu uns ins Haus in der Rolle der Sesto zurück. Die niederländische Mezzosopranistin Maria Warenberg war dieses Frühjahr eine der Laureaten des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs für Gesang und macht jetzt bei uns ihr Hausdebüt als Annio. Als Servilia und Publio lernen wir zwei neue Talente unseres jungen Ensembles kennen, nämlich die südkoreanische Sopranistin Sarah Yang und den südafrikanischen Bass Rueben Mbonambi.
Diese Produktion hatte ihre Premiere zur vollen Coronazeit im Le Grand Théâtre de Genève, war aber nur als Online-Streaming zu sehen. Die Schweizer Presse sprach von 'einer umwerfenden Produktion.' Nun wird die Produktion zum ersten Mal live aufgeführt, wie es sein sollte. Nach Antwerpen, Gent und Luxemburg zieht die Produktion zu den Wiener Festwochen, dem neuen künstlerischen Zuhause von Milo Rau.