Am Donnerstag, den 24. April besuchte das Orchestre National de Lyon die Henry le Boeufzaal in Brüssel. Auf dem Programm standen Mendelssohns Zweites Violinkonzert und Bruckners Siebente Symphonie. Solistin war Julia Fischer.
Das Ganze stand unter der Leitung von Chefdirigent Nikolaj Szeps-Znaider. Das letzte Mal, dass ich diese Kombination Mendelssohn – Bruckner live hörte, war in der Sint-Baafskathedraal in Gent, wiederum mit einem französischen Orchester, dem Orchestre National de France u.L.v. Koryphäe Kurt Masur mit Joshua Bell als Solist.
Da ich Nikolaj Szeps-Znaider zu den besten Violinisten seiner Generation zähle, ihn aber noch nie als Dirigent am Werk gesehen hatte, waren meine Erwartungen hochgespannt.
Sofort fiel auf, wie das Orchester an seinen Lippen (sprich: Dirigierstab) hing. Das Orchester spielte aus voller Seele und wusste das Publikum mehrfach zu rühren. Wenn man in BOZAR während beider Werke eine Stecknadel fallen hören kann, spricht das Bände.
Julia Fischer ist eine Künstlerin, die präsent ist. Sie weiß, was sie tut. Nur schade, dass Mendelssohns wunderbar schönes Konzert eine etwas zu weltliche Interpretation erhielt und das märchenhafte Element wirklich in den Hintergrund verdrängt wurde. Ihre Interpretation unterschied sich auch völlig von Szeps-Znaiders eigener CD-Aufnahme als Solist. Letztendlich ist dies natürlich eine Geschmacksfrage und schmälert nichts an den hervorragenden Qualitäten dieser großartigen Solistin.
Mit einer Zugabe von J.S. Bach, den Mendelssohn aus der Vergessenheit geholt hat, war die Verbindung zwischen dem fünften Evangelisten und Gottes Minnesänger nach der Pause schön hergestellt.
Ich möchte meine Bewunderung für das Orchester aussprechen, das diese Symphonie nahezu fehlerfrei gespielt hat. Es fiel auch auf, dass diese Musik Szeps-Znaider nahe am Herzen liegt. Er verstand es sogar, den weniger gelungenen Finalsatz auf ein höheres Niveau zu heben, und das Scherzo hatte alles, was es brauchte: es war bossy, dämonisch, spielerisch und herausfordernd. Ein Minuspunkt, an dem man sieht, dass er als Bruckner-Dirigent noch wachsen kann. Bruckner war Organist. Man muss das Orchester registrieren, wie man das auch bei einer Orgel tut. Wenn man sofort das Orchester mit vollem Einsatz spielen lässt, wird es für die Orchestermusiker und die Zuhörer eine schwere Last. Glücklicherweise verstand er es, sich an einigen Stellen zu korrigieren, und dieses Werk wurde letztendlich nicht die unverdauliche Boa constrictor, wie der gefürchtete Kritiker Hanslick diese Klangkathedrale einmal charakterisierte.
Dieses Orchester würde ich mit seinem Chef gerne öfter in unseren Gegenden hören. Es hat vielleicht (noch) nicht den Namen und Ruf seiner Konkurrenten in Paris, aber es hielt mehr als sein Teil. Nikolaj Szeps-Znaider hat das Pantheon der großen Bruckner-Dirigenten noch nicht erreicht, aber er hat alles in sich, um in dieser genialen Musik weiterzuwachsen. In Zukunft wird er uns als Dirigent noch sprachlos machen. Behaltet ihn im Auge!
Werner De Smet