Alle drei Jahre organisiert der Beiaard Weltverband einen Kongress, jeweils in einem anderen Land, solange dieses Land mindestens einen Beiaard hat, einen anerkannten oder in Anerkennung befindlichen Beiaard-Verein und natürlich auch mindestens einen Beiaardspieler, der Titularinhaber dieses mindestens einen Beiards ist. Unsere alten Niederlande haben viele Beiaarde und Beiaardspieler, aber wie sieht es in Portugal, dem Gastland des Kongresses, aus?
In der guten alten Zeit der feudalen Könige und der Kolonien, in denen man alle Reichtümer raubte, wie Massen von goldenen Schmuckstücken der „wilden Indianer" (ja, so sprach unser Lehrer in der zweiten Klasse - 1967 - noch über die „Indianer" in Amerika und die „Neger" in Afrika: Wilde...), bereicherten sich diese Könige enorm. Es musste nicht auf einen Palast mehr oder weniger geachtet werden und der Handel florierte. So gab es intensive Handelsbeziehungen zwischen Portugal und den sogenannten Südlichen Niederlanden, besonders mit Antwerpen als wichtigem Hafen. Der portugiesische König Johan V besuchte unsere Gegenden und hörte dort den Beiaard. So etwas Spektakuläres wollte er auch und als er hörte, dass es „so wenig kostet", bestellte er gleich zwei. Die im Aufbau befindliche Basilika des damals ebenfalls im Aufbau befindlichen Palastes in Mafra, jetzt UNESCO-Weltkulturerbe, hatte nämlich zwei Türme und so sollte jeder Turm einen Beiaard erhalten. Einen hergestellt in Antwerpen und einen hergestellt in Lüttich. Der König muss den flämisch-wallonischen Streit bereits geahnt haben. 250 Jahre später würde man in Belgien von der Waffeleisen-Politik sprechen: dieser bekommt das, der andere bekommt also das, nötig oder nicht. Wie auch immer, zwei Glockengießer wurden besser davon. Der wallonische Beiaard war ein Flop als Instrument. Er wurde dreimal bei der Einweihung gespielt und dann hielt man diese Kessel in Form von Glocken still, bis heute.
Der Antwerpener Beiaard des Gießers Willockx war glücklicherweise von der richtigen Qualität. Glocken mit einem schönen frischen und gleichzeitig etwas melancholischen Klang, sehr gut gestimmt. Leider verfiel das Instrument im Laufe der vielen Jahre. Es muss nämlich beseelte Menschen geben, die „sich dafür einsetzen", wie man das nennt, und wenn es in deinem Land nur ein Instrument gibt, ist es schwierig, genug Menschen in Bewegung zu halten, um es zu lernen, zu spielen, zu warten, Konzerte zu geben und die Bevölkerung zu begeistern. Das gelang teilweise in den 1980er Jahren, als das qualitativ hochwertige Instrument in Angriff genommen wurde. Es dauerte jedoch nicht lange, bis es wieder zu Verfallerscheinungen kam, mangels der richtigen Sicht. Bis der an der Königlichen Beiaard-Schule in Mechelen ausgebildete äußerst talentierte Musiker Abel Chaves nach viel Schweiß und Mühe genug Nasen in die gleiche Richtung bekam, um die notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, damit das Instrument von Willockx wieder verantwortungsvoll spielbar war in einer sicheren Umgebung. Merkwürdigerweise half Covid 19 ein wenig: Das Instrument war gerade gründlich in Angriff genommen worden und Abel startete mit Beiaard-Konzerten über Streaming auf verschiedenen Kanälen wie YouTube und Facebook. Das hatte wunderbar Erfolg und gab dem Beiaardspieler, aber auch den Verantwortlichen den notwendigen Mut und die Überzeugung, mehr tun zu müssen.
Kongress Mafra mehr als „ein Kongress"
Ja, Mafra, dort sollten all diese Belgier, Niederländer, Amerikaner und viele andere Nationalitäten zusammenkommen, um bei ihren portugiesischen Kollegen zu konferieren. Wunderschöner Palast, Sommerwetter, glänzendes Instrument: was willst du mehr? Eine Regierung, die vollständig daran glaubt, und so geschah es. Stadt und Palast sorgten für die notwendigen Mittel – ein ernsthafter Betrag – und für Personal, Logistik, Catering, Transport und noch allerlei praktische Dinge und alles, was bei einer solchen Organisation anfällt.
Abel Chaves hatte und hat Sichtweise und diese Sichtweise würde er durchsetzen. So sollte es nicht einfach die klassische Kongress-Formel mit einer Reihe von Vorträgen und Spielzeiten geben. Abel wollte ein Gesamtpaket mit der klassischen Formel ergänzt um Präsentationsstände von Musikschulen, Interessensverbänden, Unternehmen und dergleichen. Außerdem sollte vor Ort eine Glocke, eine Friedensglocke sogar, in einem speziell im Freien gebauten Schmelzofen und Gießform gegossen werden. Das Schmelzen der Bronze und das Gießen der Glocke sollte mit einer Evokation von Musik und Tanz umrahmt werden.
Abels Kollegin, die ebenfalls in Mechelen ausgebildete Ana Elias, lieferte auch einen besonderen Beitrag, der klarmachen sollte, dass der Beiaard für mehr eingesetzt werden kann, als wöchentlich ein paar Melodien zu spielen und hin und wieder ein Konzert zu geben. Diskomusik sollte aus Boxen erklingen, Tänzerinnen à la K3 sollten auf der Bühne ihre Show geben und der mobile Beiaard – eine geschickte Investition von Elias, ein sehr schön klingender moderner Beiaard, der auf einem Lastwagen montiert ist – sollte zusammen mit der Diskomusik spielen.
Der Abend zum Abschluss sollte festlich durch die Polizeharmonie belebt werden - ein professionelles Blasorchester wie zum Beispiel die Musikkapelle der Scouts in unserem Land - das zusammen mit dem mobilen Beiaard auftreten würde und unter anderem eine speziell für diesen Kongress von Abel Chaves komponierte Symphonie in Weltpremiere bringen würde. Erfolg garantiert.
Um alles vollständig zu machen, organisierte er zusammen mit dem Palast noch eine sehr fesselnde, sorgfältig bearbeitete und sehr erzieherisch wertvolle Ausstellung über die Beiaarde im Palast mit allerlei Dokumentation, alten Klopfeln, Übungsklavieren und mehr. Dafür wurden professionelle Wissenschaftler und Ausstellungsbauer hinzugezogen. Es wurde eine nicht zu große, gut bemessene Ausstellung, die den Besucher 100% informiert und sicher niemanden langweilt. Ganz im Gegenteil.
Beiaard-Kongress tanzt um das Problem herum
Mehrere Vorträge wurden zu Themen gehalten, die zwar mit dem Beiaard zu tun haben, aber nicht immer mehr Einblick verschaffen oder zu einer weiteren Entfaltung von allem um und über dieses Instrument beitragen. Informativ durchaus sinnvoll, aber nicht immer das Material für einen Kongress, noch für einen Weltkongress, auf dem nicht über äußerst wichtige Problempunkte gesprochen wurde. So wurde nicht über die Zukunft des Instruments gesprochen. Wie junge Menschen überzeugen, das Instrument zu lernen? Wie sieht es weltweit mit der Ausbildung an Instituten, Meisterkursen und dergleichen aus? Wie sieht es mit der Bezahlung aus? Warum ist es möglich, dass einige bis zu 10 und mehr Beiaarde in ihrem Portfolio haben und andere kaum oder gar nicht zum Zug kommen? Wie mit Behörden und Organisationen zusammenarbeiten? Wie die Aufmerksamkeit der Medien gewinnen? Wie das und wie jenes? Keine Forderungskatalog zu ehrlicher, verantwortungsvoller Bezahlung kamen zur Sprache. Nichts von all diesen Dingen, mit denen man bei jedem Berufskongress selbstverständlich in Berührung kommt. Keine Arbeitsgruppen, sondern erst in letzter Minute eine Gesprächsrunde, bei der 13 Problempunkte kurz zur Sprache kamen. Dies darf eine Öffnung sein, um in Zukunft absolut weiter daran zu arbeiten, denn es ist notwendig.
Netzwerken gibt es reichlich, Kontakte werden geknüpft und bestätigt, Einladungen zu Konzerten folgen. Das ist Teil eines Kongresses, aber es darf nicht der Kern sein. Es gehört dazu, besonders bei den Mahlzeiten, den freien Stunden.
Von starken über ungewöhnliche bis schmerzliche Konzerte
Und dann die Konzerte... Ein Berufsverband muss (!) die höchsten musikalischen Qualitätsstandards fordern und durchsetzen. Nun ist es ein Sammelsurium, das der Verband programmiert, weil er davon ausgeht, dass jede Sektion zu Wort kommen kann. Aber was ist, wenn eine (meist kleinere) Sektion keine anständigen Musiker hat, sondern nur schlecht ausgebildete Dilettanten oder Amateure? Es ist doch unverantwortlich, dass auf einem Instrument gepfuscht wird, und das noch während eines Weltkongresses, auf den viele Blicke gerichtet sind, von Glockenspieler, die mehr Schaden als sonst etwas anrichten, deren Spiel eine absolute Anti-Werbung ist? Fehler, Stockungen und ein Mangel an allgemeinem musikalischem Verständnis sind bei einigen offenbar einfach das Normale. Das ist nicht ernst zu nehmen, es ist unethisch und ein Fluch gegen die Musik im Allgemeinen und die Glockenspiele im Besonderen. Liebe BWF, hier ist Arbeit zu leisten! Es gibt genug sehr gute Glockenspieler, von denen nur wenige (zu wenige) Zeit hatten, auf diesem Kongress zu musizieren. Neben dem Gepfusche einiger muss auch besser darauf geachtet werden, welche Musik gespielt wird. Der Mann auf der Straße braucht keine komplizierte intellektuelle Kompositionen, es darf freundlicher, verlockender sein. Es gibt so viel Qualitätsmusik von der frühen Barock bis jetzt, um nicht gerade Musik zu spielen, die kaum jemand versteht.
Insgesamt war es ein sehr gut organisierter Kongress mit hervorragenden Rahmenprogrammen, die letztendlich das meiste in Erinnerung bleiben werden. Wenn der Verband sich den dringend erforderlichen Kritikpunkten widmet, gibt es wirklich noch eine Zukunft. Wenn nicht, entstehen große Fragezeichen …