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Shura Cherkassky - The Ambassador Auditorium Recitals 1981-1989

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Shura Cherkassky - The Ambassador Auditorium Recitals 1981-1989

Ich hatte – wider besseres Wissen – große Erwartungen an das Rezital, das Shura Cherkassky am 28. Oktober 1995 in der Rotterdamer Doelen gab. Wider besseres Wissen, weil der Pianist genau drei Wochen zuvor, am 7. Oktober, 86 Jahre alt geworden war; und dann wiegen sich die Jahre durchaus. Er wirkte äußerst zerbrechlich und seine starren Bewegungen versprachen wenig Gutes für das, was noch kommen sollte. Und so kam es leider auch: weg war die so faszinierende Begeisterung, weg die Spielfreude, weg die zielstrebige Kreativität. Sein Tod am 27. Dezember in London kam für mich daher auch nicht als Überraschung.

Ende einer Epoche


Mit seinem Tod schien eine Epoche zu Ende gegangen zu sein: die des „Goldenen Zeitalters des Klaviers", der großen Romantiker, die mit ihrem Spiel das Publikum zu verzaubern wussten und von denen Cherkassky, zusammen mit Josef Hofmann, Leopold Godowsky (der eine große Anzahl äußerst virtuoser Transkriptionen auf seinen Namen brachte), Ignaz Friedmann, Joseph Lhevinne, Sergei Rachmaninov (der größte Komponist unter den Pianisten und der größte Pianist unter den Komponisten), Vladimir Horowitz und Jorge Bolet, so ziemlich der Letzte der Mohikaner genannt werden konnte. Sie waren nicht nur große Virtuosen, sondern auch sehr kreative Interpreten (was nicht ausschließt, dass es immer wieder ihre Virtuosität ist, die von den meisten Kritikern als wichtigste Waffentat gekennzeichnet wird).

Wunderkind...

[caption id="attachment_42000" align="alignleft" width="216"] Das „Wunderkind" mit seinen Eltern (1923)[/caption]

Shura Cherkassky stammte aus Odessa, wo er am 7. Oktober 1909 geboren wurde. Er sollte ein Einzelkind bleiben. Er selbst dachte, dass er erst 1911 das Licht der Welt erblickte, um viel später zu der Entdeckung zu kommen, dass dies nicht der Fall war. Die Schuldige: seine Mutter, zugleich seine erste Klavierlehrerin, der es besser passte, zwei Jahre zu unterschlagen, um ihren Sohn so als echtes Wunderkind präsentieren zu können...

Studium bei Josef Hofmann


Shura war gerade dreizehn, als die Familie nach Baltimore in Amerika zog. Dort wohnte der Schwager seines Vaters und dort machte er sein Debüt als „Wunderkind". Aber obwohl zwei Jahre älter, als in den Programmbüchern angegeben, waren sein großes musikalisches Talent und sein Charisma unverkennbar und es konnte nicht lange dauern, bis er am damals bereits berühmten Curtis Institute of Music in Philadelphia studieren durfte, wo niemand Geringeres als Josef Hofmann (er hatte das Handwerk noch von Anton Rubinstein gelernt) sein Lehrer wurde.

Es hätte anders kommen können, denn anfangs war es nicht Hofmann, sondern Rachmaninov, der dem jungen Cherkassky das Nötige beibringen wollte, aber dieser russische Großmeister stellte diesem gegenüber zwei Forderungen: dass der potenzielle Schüler zwei Jahre lang nicht auftreten würde und dass er sich von dem verabschiedete, was er bislang im Bereich der Klaviertechnik gelernt hatte. Rachmaninov erkannte also durchaus Cherkaskys großes musikalisches Talent (Paderewski sah in dem Jungen sogar ein „Genie"), aber er hatte große Bedenken gegen die Art und Weise, wie Cherkassky dies in der Praxis umsetzt. In diesem Sinne war das Vorspielen also sicherlich nicht gelungen. Mit dieser unangenehmen Nachricht ging Shura zu seinen Eltern zurück, die ihm dann jedoch deutlich machten, dass er Rachmaninov als Lehrer aus den Augen verlieren musste. Und so wurde es Hofmann, bei dem er in den nächsten neun Jahren studieren würde.

Kein „vollwertiger" Musiker?


1939 wurde Cherkaskys Europareise durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen und er kehrte nach Amerika zurück. Einige amerikanische Kritiken erwähnten damals, dass sein Spiel sich etwas von dem seiner jüngeren Jahre entfernt hatte, aber auch – und das war schlimmer – dass er es nicht geschafft hatte, sich in der Zwischenzeit zu dem zu entwickeln, was als ein „vollwertiger" Musiker angesehen wurde. Ob er sich darum gekümmert hat, vermeldet die Geschichte nicht. Er zog sich zu seiner Mutter nach Los Angeles (sein Vater war inzwischen gestorben) zurück und machte sich als Pianist in Filmstudios im nahe gelegenen Hollywood verdient. Dort lernte er unter anderem die Schauspielerin Bette Davis, wie sie in Deception (1946), einer Filmproduktion der Warner Brothers, Beethovens Appassionata vortragen sollte. In Kalifornien gab er auch Konzerte und trat unter anderem mit Leopold Stokowski in der Hollywood Bowl und Jacques Rachmilovich in Santa Monica auf.

Große Erfolge


Nach der Befreiung vom Nazi-Joch kehrte Cherkassky nach Europa zurück, um Konzerte zu geben. Diese Tourneen beschleunigten sich 1947 sogar noch, nachdem Cherkassky, müde von den vielen negativen Kritiken in den amerikanischen Medien über sein Spiel, sich insbesondere auf diesen für ihn vielversprechenden alten Erdteil konzentrierte. Der Auftakt zu den großen Erfolgen war Cherkaskys von der Presse als „sensationell" bewertete Aufführung von Rachmaninovs Paganini-Variationen in Hamburg. Zusammen mit seiner Mutter ließ er sich in Frankreich nieder und nach ihrem Tod in London, wo er bis zum Ende seines Lebens in einer Wohnung mit gemieteten Hotelmöbeln und einem ebenfalls gemieteten Steinway-Flügel wohnen würde. Auf dem Flügel die Gipsabguß einer Hand von Anton Rubinstein, ihm geschenkt von der Witwe von Josef Hofmann.

Eiserne Disziplin


In den siebziger Jahren gab er in den USA doch noch eine Reihe von Konzerten, die diesmal bei seinen Kritikern Geschmack fanden (über Publikumsbeifall brauchte er sich nie Sorgen zu machen). Das paßte zu der großen Wertschätzung für sein Spiel, die ihm aus allen Ecken der Welt zuteil wurde. Ein Wunder war das eigentlich nicht, denn es war ja Hofmann gewesen – die Hand des Meisters – der ihm die wahre Kunst des kreativen, intuitiven Spiels und die großen Schwankungen in der Tonfarbe beigebracht hatte. Lektionen, die ihm ein Leben lang bei bleiben würden, verbunden mit einer eisernen Disziplin und einem – soweit möglich – festen Tagesablauf, mit als ebenso fester Bestandteil der wöchentliche Fastentag (dann trank er nur Fruchtsaft).

Intuition als künstlerischer Maßstab


Cherkassky gehörte zu den Pianisten, die auf der Konzertbühne nicht mit einem bis ins kleinste Detail vorbereiteten Programm auftraten, sondern – obwohl er die Stücke wirklich gut beherrschte – freizügig vorgingen, es vom (inspirierenden) Moment abhängig machten, intuitiv und (hoffentlich) auch getragen von einem begeisterten Publikum und einem ausgezeichnet gestimmten und intonierten Flügel. „I don't belong to any tradition. I don't have a method, I'm just myself. I play through intuition. I live by intuition. I'm unpredictable and I'm not going to change," erklärte er so sein Spiel. Sein Repertoire war breit und reichte vom französischen Barock bis zur Gegenwart, seine Auftritte legendär, seine Zugaben mehr als das sprichwörtliche i-Tüpfelchen. Zwei davon waren auch bei ihm große Favoriten: Hofmanns Kaleidoscope und Morton Goulds Boogie Woogie Etude. In den Worten des Pianisten Stephen Hough: „Such confections are tossed off with the confidence and dexterity of a master pastry chef."

Ein und dasselbe Stück zweimal auf genau die gleiche Weise aufzuführen: dafür hatte er nichts übrig, obwohl auch die Gefahr lauerte, daß manchmal Wirklichkeit wurde: daß das Überraschende in einen regelrechten Fehlgriff entglitt. Oder daß er „seinen Moment" nicht hatte. Aber dieser kleine, schüchtern wirkende Mann strahlte so viel Charisma, Kraft und Autorität aus, daß es seinen zahlreichen Bewunderern nicht geschadet haben wird, und vielleicht nicht einmal aufgefallen sein wird…

Insofern nicht verwunderlich, daß das bloße Richtigspielen der Noten seine Zustimmung nicht hatte, mit dabei ein unübersehbarer Hinweis auf Rachmaninov: „I saw him play several times. He was marvellous. His was the kind of playing that leaves a huge impression. That means something. Everyone plays correct notes today but most of them play alike. It's all fine but then you come out, and you forget. I prefer someone to impress, even if it's wrong."

Übungspraxis


Wir sind es nicht mehr gewöhnt, Soloabende von über drei Stunden, aber für Cherkassky war es die selbstverständlichste Sache der Welt. Und selbst als Achtzigjähriger scheute er sich nicht, über neunzig Konzerte pro Jahr zu geben. Wenn es irgendwie möglich war, gab es die täglichen Übungen am Klavier, um nur schon technisch genügend ausgerüstet für die Bühne zu sein („all the compliments in the world, will never turn my head," merkte er einmal dazu an).

Das Publikum als Elixier


In der Platenstudio lagen die Karten anders. Cherkassky war ein Künstler, der es wirklich „vom Moment" haben mußte, schon ab den Klavierrollen in den zwanziger Jahren. „Ich brauche das Publikum. Selbst als Wunderkind in New York konnte ich einfach nicht für Gäste spielen, wenn meine Eltern mich dazu aufforderten." In der Studio schlug der Funke der Inspiration oft nicht über, was seine Live-Aufnahmen umso besonderer macht.

Ambassador Auditorium


Die fünf in Kürze von FHR Remasters herausgebrachten, ganz Cherkaskys Interpretationskunst gewidmeten CDs beziehen sich auf die Konzerte, die auf dem Campus des in Pasadena, Kalifornien gelegenen Ambassador College mit seinem wichtigen Konzertsaal mit 1262 Plätzen stattfanden. Dort fanden zwischen 1974 und 1995 etwa 2500 Konzerte statt, von weltberühmten Instrumentalisten und Vokalisten, darunter Claudio Arrau, Arthur Rubinstein, Luciano Pavarotti, Plácido Domingo, Frank Sinatra und Bing Crosby, aber auch von Orchestern wie der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan.

Das von der Worldwide Church of God verwaltete Anwesen wurde Ende der neunziger Jahre jedoch verkauft, woraufhin die Harvest Rock Church es 2004 erwarb. Seither finden dort zwar noch Konzerte statt, aber nur noch in geringem Umfang.

In der Glanzzeit des Ambassador Auditorium wurden viele Aufnahmen gemacht, aber nicht mit der Absicht, sie kommerziell auszubeuten. Die Aufnahmen hatten nur eine Archivfunktion, was möglicherweise erklärt, dass ihre Qualität ziemlich unterschiedlich ist und manchmal auch die Details verloren gegangen sind. Es gibt aber durchaus gelungene Aufnahmen darunter. Im Großen und Ganzen vermitteln auch die weniger guten Aufnahmen ein angemessenes und manchmal sogar repräsentatives Bild von Cherkassky's Interpretationskunst, die ihn bei seinem Publikum so beliebt gemacht hatte. Außerdem wird der heutige Musikliebhaber nicht übersehen, dass viele Studioaufnahmen unweigerlich gegen die ebenfalls dokumentierten, begeisternderen Live-Auftritte abschneiden; was auch diese Veröffentlichung umso wichtiger macht.

Die CDs umfassen alle von Cherkassky im Ambassador Auditorium gehaltenen Konzerte in der Zeit von 1981-1989 mit Ausnahme des Konzerts vom 7. Mai 1983, bei dem der Pianist – nicht durch Krankheit, sondern durch logistische Probleme – durch Santiago Rodriguez ersetzt wurde.

Das besonders gelungene Rezital vom 7. Mai 1983 veranlasste die Los Angeles Times zu folgendem Kommentar: dass 'er [Cherkassky, AvdW] aussieht wie ein alterter Kobold, geht wie Jack Benny und spielt Piano wie ein Engel.'

Nur sehr selten spielte das Gedächtnis Cherkassky einen Streich, wie im selten aufgeführten sechsten und letzten Satz (Thema und Variationen in F) aus Tschaikowskis Morceaux op. 19, der vierten Variation. Es hat nicht viel zu bedeuten und die phänomenale Aufführung von Liszts Zweiter Ungarischer Rhapsodie macht ohnehin alles wett. Die beiden Zugaben können sich übrigens auch sehen lassen: der Tango aus España op. 165 von Isaac Albéniz in der virtuosen Bearbeitung von Leopold Godowsky und die flitzende Tarantelle op. 43 von Frédéric Chopin. Von Schumanns Fantasie op. 17 hören wir – die Aufnahmetechnik war hier der Schuldige – leider nur einen kurzen Abschnitt.

'Live' bedeutete für Cherkassky auch, dass er nicht darauf achtete, wenn eine Note mehr oder weniger war oder die Technik mit ihm durchging. Dann gab es Fehlgriffe, unsaubere Phrasierungen oder andere Ungerechtigkeiten, die die Aufmerksamkeit kurz ablenken. Aber es gibt so viele glänzende Momente dagegen! Cherkassky ließ sich dadurch keinesfalls aus der Fassung bringen. Bis zum Ende seiner Karriere programmierte er weiterhin technisch äußerst schwierige Werke, darunter die bereits erwähnte Zweite Ungarische Rhapsodie und ebenfalls von Liszt die ungeheuer schwierige Don Juan Fantasie. Was all diese Aufnahmen ohne Umschweife deutlich machen, ist der einzigartige Charakter von Cherkassky's Musizieren: ein zweiter gibt es nicht und es wird nie einen geben.

Die Übertragung von Open-Reel-Recorder auf CD wurde von Geoff Willard (CD Nr. 1-4) und ab DAT von Nathan Coy (CD Nr. 5) durchgeführt. Das Remastering lag in den Händen von John Croft und David Murphy. Ein durchaus gelungenes Projekt!

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