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Zwischen Meister und Schüler: Sueye Park verbindet Goldmark und Sibelius

W
· 7 Min. Lesezeit
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Zwischen Meister und Schüler: Sueye Park verbindet Goldmark und Sibelius

Es gibt Aufnahmen, die Repertoire zusammenbringen, weil es gut auf eine CD passt. Und es gibt Aufnahmen, die von einer Idee ausgehen, einer historischen Begegnung, einer kaum beachteten Verwandtschaft, die erst in der Musik selbst Bedeutung erhält. Diese neue BIS-Ausgabe gehört unverkennbar zu dieser zweiten Kategorie. Dass Karl Goldmark (1830-1915) und Jean Sibelius (1865-1957) sich in Wien trafen, als sich der junge Finne um 1890 kurzzeitig bei dem älteren Meister vervollkommnete, ist kaum mehr als eine vergessene Episode in der Musikgeschichte. Obwohl Sibelius schließlich eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelte, brachte ihm diese kurze Wiener Zeit direkten Kontakt mit der spätromatischen Tradition, deren einer der markantesten Vertreter Goldmark war. Geigerin Sueye Park macht diese historische Fußnote zum Ausgangspunkt eines Rezitals, das nicht so sehr zwei Komponisten nebeneinander stellt, sondern zeigt, wie ein musikalischer Gedanke von einer Generation zur nächsten wirken kann.

Das Programm zeugt von durchdachter Vision. Goldmark und Sibelius waren beide Violinisten, bevor sie sich endgültig dem Komponieren widmeten, suchten eine persönliche Stimme, ohne ihre nationalen Wurzeln zu verleugnen, und schrieben für die Violine Musik, in der Virtuosität nie vom Gesang losgelöst ist. Das sind keine spektakulären Übereinstimmungen, sondern subtile Verwandtschaften, die diese Aufnahme langsam offenlegt.

Goldmarks Violinkonzert eröffnet die CD und bildet sogleich ihren Schwerpunkt. Es ist ein Werk, das heute praktisch nicht mehr gespielt wird, und eigentlich ist das unbegreiflich, denn es bleibt eines der reichsten Violinkonzerte der Spätromantik. Alles atmet hier Überfluss: lange melodische Bögen, breite Orchesterklänge, ungarische Rhythmik, die sich organisch mit der Wiener Romantik vermischt, und ein Komponist, der sich nie zurückhält aus Angst vor einer Note zu viel. Gleichzeitig bleibt Goldmark bemerkenswert beherrscht in seinem Formgefühl: Hinter dem scheinbaren Überfluss verbirgt sich ein sorgfältig aufgebauter Spannungsbogen, in dem Lyrik und Dramatik sich ständig im Gleichgewicht halten. Gerade deshalb verlangt dieses Konzert nach einer Solistin, die über die virtuose Oberfläche hinaussieht.

Sueye Park besitzt diese Gabe. Was unmittelbar auffällt, ist ihr Ton: von klarem Kern, warmer Färbung und niemals scharf, lyrisch ohne sich in Gefälligkeit zu verlieren. Sie spielt Goldmark nicht als ein vergessenes Bravourstück, das wieder Aufmerksamkeit verdient, sondern als Musik, die ihre eigene Selbstverständlichkeit immer noch besitzt. Technische Schwierigkeiten scheinen für sie einfach nicht zu existieren. Alles klingt so natürlich, dass man sie schnell vergisst. Mindestens so beeindruckend ist ihr Sinn für Phrasierung. Kein einziger musikalischer Gedanke wird erzwungen; jede Phrase fließt selbstverständlich aus der vorherigen, wodurch das Konzert seine natürliche Atmung behält.

Der lyrische Mittelteil, die Air, bildet dabei das emotionale Zentrum ihrer Interpretation. Weniger begabte Violinistinnen machen aus dieser Seite eine Übung in romantischer Üppigkeit. Park wählt genau den entgegengesetzten Weg. Sie vertraut der Melodie, lässt sie atmen, ohne sie zu dehnen, und findet dadurch eine Ergriffenheit, die nicht aus Sentimentalität hervorgeht, sondern aus Einfachheit. Gerade weil Park jede Form von Effekthascherei vermeidet, erhält ihr zurückhaltendes Vorgehen eine selbstverständliche Ruhe, die in Aufführungen dieses Konzerts selten ist. Auch Valentin Egel versteht, dass Goldmarks Konzert nicht von übertriebenem Pathos profitiert. Unter seiner Leitung klingt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin warm und reich nuanciert, aber niemals schwer. Der Orchesterklang unterstützt, reagiert und atmet mit, ohne die Solistin jemals zu überschatten. Dieses Gleichgewicht zwischen orchestraler Größe und kammermusikalischer Transparenz gehört zu den großen Qualitäten dieser Aufführung. Wie so oft bei BIS lässt auch die Aufnahme selbst nichts zu wünschen übrig: räumlich, natürlich und mit einer Balance, in der sowohl die feinsten Orchesterdetails als auch die Nuancen von Parks Tonbildung vollständig zu ihrem Recht kommen.

Wer nach der leidenschaftlichsten oder extrovertiertesten Lesart dieses Konzerts sucht, wird bei Joshua Bells Aufnahme mit Esa-Pekka Salonen eher fündig, in der die romantische Fülle noch deutlicher gesucht wird. Park wählt bewusst einen gemäßigteres Vorgehen. Das ist kein Mangel, sondern eine wohlüberlegte interpretatorische Wahl, auch wenn Liebhaber ausgeprägter Dramatik diese Verschiebung sofort bemerken werden.

Nach Goldmarks monumentalem Konzert schlägt die Stimmung vollkommen um. Gerade in diesem Kontrast offenbart sich die tiefere Bedeutung dieser CD. Wo nahezu jeder sich für Sibelius' berühmtes Violinkonzert entschieden hätte, entscheiden sich Park und Egel für drei Werke, die viel seltener aufgeführt werden: die späte Suite für Violine und Streichorchester, JS 185, Deux Mélodies sérieuses, op. 77, und zwei Humoresken, op. 87 und op. 89. Damit verschiebt sich nicht nur das Repertoire, sondern auch die Perspektive. Die Ausgelassenheit der Spätromantik Goldmarks weicht einem Komponisten, der mit immer weniger Noten immer mehr zu sagen weiß. Wo Goldmark breite melodische Linien entwickelt, sucht Sibelius die Konzentration: subtile harmonische Verschiebungen und sparsamer Umgang mit musikalischen Mitteln verleihen seiner Musik ihre besondere Aussagekraft.

Hier hört man, wie Sibelius die Spätromantik immer weiter hinter sich lässt. Die Melodien werden nüchterner, die Gesten kleiner, die Aussagekraft umso größer. Es gibt eine fast skandinavische Klarheit in dieser Musik: keine Leere, sondern Raum. Park spürt diesen Umbruch fehlerfrei. Wo sie in Goldmark breit zu singen wagt, sucht sie hier Stille. Ihr Spiel wird introvertierter, weniger auf Projektion ausgerichtet als auf Konzentration. Besonders die Deux Mélodies sérieuses erhalten dadurch eine fast meditative Intensität. Sie scheinen nicht gespielt, sondern gedacht, wunderbar getragen vom Orchester, in dem besonders die Harfe subtil hervortritt.

Auch die Humoresken zeigen eine andere Seite von Sibelius als der Komponist der Sinfonien und des Violinkonzerts. Ihre Verspieltheit bleibt immer leicht ironisch, niemals oberflächlich: Eine schalkhafte Phrase wird selten zu Ende gemacht, eine Melodie weicht ab, gerade bevor sie sich festzulegen scheint. Das verlangt nach einer Solistin, die gleichzeitig Leichtigkeit und Präzision beherrscht, und Park findet genau das Gleichgewicht zwischen Eleganz und Launenhaftigkeit, durch das diese Miniaturen viel mehr werden als charmante Zwischenstücke. Unter dieser scheinbaren Leichtigkeit verbirgt sich darüber hinaus kompositorische Raffinesse, in der rhythmische Verschiebungen und unerwartete harmonische Akzente der Musik eine subtile Spannung verleihen.

Was diese Aufnahme letztendlich so überzeugend macht, ist, dass sie nirgends in der Illustration einer historischen Anekdote steckenbleibt. Die Begegnung zwischen Goldmark und Sibelius bildet kein Verkaufsargument, sondern einen Ausgangspunkt für einen umfassenderen Gedanken über musikalische Weitergabe. Nicht alles, was ein Lehrmeister hinterlässt, lässt sich in Harmonien oder Motiven aufweisen. Manchmal lebt ein Einfluss in einer Art des Hörens weiter, in einem Formgefühl, in der Selbstverständlichkeit, mit der sich eine Melodie entwickelt. Dieses unsichtbare Erbe hört man hier immer wieder resonieren.

Dies ist eine Aufnahme, die ich noch häufiger anhören werde, denn nur wenige neuere Violinrezitale sind so konsequent aufgebaut wie dieses. Repertoirewahl, Interpretation, Orchesterklang, Aufnahmequalität und die vorbildliche BIS-Produktion verstärken sich gegenseitig kontinuierlich. Nach ihrem Sieg beim Internationalen Jean Sibelius Violinwettbewerb in Helsinki im Jahr 2025 bestätigt Sueye Park mit dieser Aufnahme, dass sie viel mehr ist als eine außergewöhnlich begabte Violinistin. Sie erweist sich auch als eine Musikerin, die in Programmen denkt, Verbindungen schafft und Repertoire neu zum Sprechen bringt, ohne es neu erfinden zu wollen. Diese CD beweist, dass eine historische Fußnote manchmal ausreicht, um eine völlig neue Perspektive auf bekanntes Repertoire zu eröffnen. Nicht, weil Goldmark und Sibelius plötzlich einander ähnlich sehen, sondern weil Sueye Park zeigt, wie Musik Generationen miteinander verbindet, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Genau darin liegt der bleibende Wert dieses außergewöhnlich durchdachten Rezitals.

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