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Zwischen Nebel, Eruption und Selbsterfindung

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· 6 Min. Lesezeit
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Zwischen Nebel, Eruption und Selbsterfindung
© Ilkka Saastamoinen, Molina Visuals

Es gibt Konzertprogramme, die sich wie ein Dialog über die Grenzen von Zeit und Geografie hinweg verhalten. Das Antwerp Symphony Orchestra (ASO) präsentierte am Samstagnachmittag, 16. Mai, in der Elisabethzaal ein Triptychon, in dem die skandinavische Naturpoesie von Jean Sibelius (1865-1957), die slawische Emotionalität von Sergei Rachmaninov (1873-1943) und die suchende amerikanische Stimme von Amy Beach (1867-1944) aufeinander trafen. Auf dem Papier eine etwas hybride Konstellation, in der Praxis aber eine Programmlinie, die sich unerwartet kohärent erwies: drei Komponisten, die alle auf ihre Weise versuchen, eine spätromatische Sprache zu erfassen, die sich an der Schwelle zwischen ihrem Höhepunkt und ihrer Auflösung befindet.

Nebel wird Form

Sibelius' The Oceanides eröffnete den Nachmittag nicht als traditionelle Ouvertüre, sondern als langsames Entstehen von Raum. Das Werk aus dem Jahr 1914 gehört zu einer Periode, in der Sibelius seine symphonische Sprache zunehmend abstrahiert. Das Meer, das er beschwört, hat wenig gemein mit den expliziten Naturgemälden von Richard Strauss oder Debussys sinnlichem Impressionismus. Bei Sibelius entsteht die Landschaft von innen heraus: Motive bewegen sich wie Strömungen, angezogen und wieder abgestoßen, als würde die Musik selbst Gezeitenkräften unterliegen.

Dirigent Jan Söderblom verstand diesen Spannungsbogen ausgezeichnet und wählte konsequent Klarheit und Atemraum. Das ASO vermied dabei jede Form von spätromatischer Übersättigung. Besonders die Holzbläser bauten ein verfeinertes Netzwerk von Farbverschiebungen auf, in dem Licht und Bewegung zentral standen, während die Hörner mit warmer Rundung zusätzliche Tiefe ins Klangbild brachten. Auch die Harfen erhielten alle Freiheit, subtile Glitzereffekte durch die Orchestertextur zu weben. Schön war außerdem, wie die Streicher ihren Klang bis tief in die Höhepunkte hinein transparent hielten, wodurch die Musik ständig atmen blieb. Söderblom wählte nicht überwältigende Naturgewalt, sondern eine Lesart, in der sich die Landschaft langsam entfaltete und gerade dadurch ihre hypnotische Wirkung behielt, wobei manchmal eine gewisse Zurückhaltung spürbar blieb, wo auch eine plötzliche Umschlagskraft der Natur denkbar gewesen wäre.

Stürmische Jugendlichkeit

Danach folgte Rachmaninovs Erstes Klavierkonzert in fis-Moll, opus 1, ein Werk, das merkwürdigerweise noch immer als vorbereitende Skizze für die späteren Konzerte behandelt wird. Das wird dem Werk nicht gerecht. Natürlich hört man den jungen Komponisten nach einem eigenen Gleichgewicht zwischen Lisztscher Bravour und Tschaikowskisches Lyrismus suchen, aber gerade diese Ungestümheit verleiht dem Werk seinen Reiz. Rachmaninov schreibt hier Musik, die manchmal mehr sagen möchte, als sie kompositorisch vollständig tragen kann, und gerade dadurch entsteht eine spannungsvolle Reibung zwischen Ehrgeiz und Beherrschung.

Alexander Melnikov bestätigte damit erneut, warum er zu jenen seltenen Pianisten gehört, die Virtuosität völlig dem musikalischen Denken unterordnen, ohne auch nur eine Sekunde an Präsenz einzubüßen. Er bewegte sich über die Tasten mit einer Selbstverständlichkeit, die fast achtsam wirkte, während hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit eine Ausführung von enormer Präzision und Intensität steckte. Sein Ansatz war analytisch, ohne je kühl zu werden: technischer Glanz stand vollständig im Dienste der Struktur, Linien wurden sorgfältig gezogen, harmonische Verschiebungen klar profiliert und Höhepunkte organisch aufgebaut statt willkürlich vergrößert. Dennoch besitzt sein Spiel zugleich gerade jene Getriebenheit, die dieser frühe Rachmaninov verlangt. Er spielte das Konzert nicht als breit ausgesponnen Sentimentalität, sondern als einen nervös pulsierenden Organismus, der kontinuierlich vorankommen möchte.

Auch die Zusammenarbeit mit Söderblom und dem ASO erwies sich als vorbildlich. Das Orchester präsentierte sich nicht bloß als Begleiter, sondern als ein kongenialer Partner, der kontinuierlich mit dem Solisten mitatemte. Wo nötig sprühte das Feuerwerk vom Podium, mit kräftigen Blechakzenten und breit ausstrahlenden Streichern, aber ebenso überzeugend waren die Momente der Stille, in denen Klavier und Orchester sich fast kammermusikalisch fanden. Söderblom hielt die große Linie straff in der Hand, ohne der Musik ihren natürlichen Atem zu rauben, wodurch diese Aufführung gerade das richtige Gleichgewicht zwischen Architektur und emotionelem Impuls fand. Gerade in diesem Wechselspiel zwischen Eruption und Intimität erhielt dieses Konzert seine volle Aussagekraft.

Eine versetzte Tradition

Nach der Pause verschob sich die Perspektive vollständig mit der Gaelic Symphony. Amy Beach wird noch allzu oft von ihrer historischen Position als erste weibliche amerikanische Komponistin im symphonischen Repertoire aus betrachtet, während die innere Qualität dieses Werkes dabei zu kurz kommt. Dabei ist diese Symphonie viel mehr als ein musikwissenschaftliches Statement: es ist ein Versuch einer jungen amerikanischen Musikkultur, sich selbst über europäische Modelle Form zu geben.

Komponiert in den Jahren, in denen Dvořák zu einer nationalen amerikanischen Musiktradition aufrief, wählt Beach nicht exotische Folklore, sondern einen subtileren Ansatz. Die „Gaelic"-Elemente funktionieren nicht als wörtliche Zitate, sondern als Echos einer Migrationkultur. Irische melodische Konturen und modale Wendungen fließen organisch in eine spätromatische Orchestralsprache zusammen, die Brahms und Dvořák verpflichtet ist, aber gleichzeitig eine auffallend persönliche Lyrik entwickelt.

Söderblom dirigierte das Werk nicht als historische Kuriosität, sondern als vollwertiges Repertoire, und genau dieses Vertrauen verlieh der Aufführung ihre Überzeugungskraft. Das ASO fühlte sich hörbar und sichtbar zu Hause in dieser warmen, breit atmenden Orchestersprache und präsentierte die Symphonie ohne jede Missionierungsgeste als selbstverständlichen Bestandteil des Konzertrepertoires. Dadurch wurde um so deutlicher, wieviel handwerkliches Können und musikalische Fantasie in diesem Werk steckt. Besonders die Hörner und Holzbläser färbten das Ganze mit einem melancholischen Glanz, der sich kontinuierlich zwischen Intimität und Expansion bewegte. Im zweiten Satz entfaltete sich eine fast unwiderstehliche lyrische Geschmeidigkeit in den Holzbläsern, während Beach mitten in diesem langsamen Strom unerwartet ein feuriges Zentrum aufbrechen lässt. Umgekehrt bekommt das Scherzo unter seiner tänzerischen Oberfläche etwas Introspektives; genau diese subtilen Verschiebungen verleihen der Symphonie ihren eigenen, unfassbaren Charakter.

Auch die Solbeiträge waren besonders schön: die Konzertmeisterin und der erste Cellist gaben dem dritten Satz eine fast kammermusikalische Intensität, mit einem warm ausgesponnenen Dialog, der sich organisch ins Orchestergewebe fügte. Das ASO spielte diese Musik hörbar mit Liebe und Engagement, während Söderblom ständig über die große symphonische Linie wachte und aus der Partitur ein Maß an Feinheit und Tiefe zu holen wusste, das Beachs bescheidener Ruf bei weitem übersteigt. Gerade dadurch wuchs diese Gaelic Symphony zu mehr als einer Entdeckung heran: zu einer jener seltenen Aufführungen, bei denen man sich fragt, warum dieses Werk nicht viel häufiger auf den Pulten steht.

Was sich allmählich entfaltete

Was dieses Konzert letztendlich besonders machte, war nicht so sehr interpretatorische Radikalität, sondern die intelligente Art, in der sich das Programm allmählich entfaltete. Sibelius abstrahierte die romantische Naturerfahrung zu reiner Bewegung. Rachmaninov trieb die romantische Emotionalität bis zu ihrem Bruchpunkt. Beach versetzte dieselbe Tradition geografisch und verlieh ihr eine neue kulturelle Selbstdefinition – und erwies sich als eine der faszinierendsten Entdeckungen des Nachmittags.

So war dies kein Konzert spektakulärer Aussagen, sondern ein Nachmittag mit wechselnden Perspektiven und sorgfältig aufgebauten Resonanzen. Musik, die sich nicht mit Gewalt aufdrängt, sondern langsam in das Gedächtnis sinkt – wie eine Kräuselung auf dem Wasser, nachdem der Wind nachgelassen hat.

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