Nominierung Goldenes Label - Wim Vandekeybus, Gründer und Inspirator von Ultima Vez, erfindet sich immer wieder neu. Für ihn gibt es keine Schubladenmentalität und keine lähmende Bequemlichkeit. TrapTown nimmt dich mit in eine fesselnde Welt voller Tanzmythologie, in ein Paralleluniversum, in dem sich Theater und Musik, Bild und Klang, Tanz und Wort verflechten.
Mit seinem visuellen Adlerblick setzt er seine Talente als Filmemacher, Choreograf und Regisseur voll zur Schau. Die widerständige Tanzsprache von Vandekeybus ist wie eh und je voller Risiko und Konflikt. Aus dieser Inszenierung spricht ein großartiges Gespür für Raum, nicht zuletzt dank des Beitrags des Architektenduo Gijs Van Vaerenberg, bekannt für das Kunstwerk 'Study for a Windmill' in Itterbeek im Rahmen von De Blik van Bruegel und die Durchblick-Kirche 'Reading between the lines' in Borgloon und das Labyrinth aus Cortenstahl, das für C-Mine in Genk geschaffen wurde. Ein Kunstwerk, das in dieser Inszenierung integriert wird.
Die Gänge wirken von oben gefilmt wie ein geschäftiges Bienenvolk oder aus gewöhnlicher Perspektive wie ein Gangsystem einer Burg, oder die engen Gassen einer Stadt, in denen Charaktere in dunklen Ecken miteinander schlafen, sich zusammenrotten oder für ihr Leben rennen. Die Bewegungsdynamik kommt vom filmischen Soundtrack von Trixie Whitley und der Brüsseler Band Phoenician Drive. Das geschickte Textmaterial des Schriftstellers, Film- und Theatemachers Pieter De Buysser gibt dem Ganzen Kontext. Er surft auf den Wellen der Geschichte. Religion und Nationalismus bilden die giftigste Mischung. All das Talent aus eigenem Boden, worauf man stolz sein kann. Konzeptionell schafft Wim Vandekeybus ein unglaublich raffiniertes Spektakel, in dem intelligentes Spiel und stilisierte Präzision des filmischen Materials und der Tänzer zusammenkommen. Es wird ein faszinierendes und magnetisierendes Ganzes.
Von A bis Z
Die Aktion beginnt auf der Vorbühne mit einem Mädchen, das offensichtlich mit sich selbst im Konflikt ist. Der Vorhang hebt sich. Das Dekor wirkt nüchtern und futuristisch. TrapTown beginnt ziemlich verspielt. Eine Frau kommt aus einem zentral gelegenen Aufzug. Ein Mann erscheint etwas hinter ihr. Wie ein Gentleman bietet er ihr den Vortritt und sagt 'After you'. Das wird zu einem spielerischen Wortgefecht, ironisch aber dennoch leichtfüßig. Währenddessen erscheinen die anderen Tänzer auf der Bühne und positionieren sich in einer Reihe auf der Vorbühne. Die Rückwand wird zu einer immensen panoramischen Filmleinwand. Ein großer Bienenstock, in dem Menschen wimmeln. Die acht Tänzer, in buntem Überfluss, stehen da wie Puppen, denen die Welt vorbeiraçst.
Dann entfaltet sich TrapTown als eine gigantische Parabel, geladen mit spiritueller Unruhe, lyrisch aber auch fieberhaft. Die Weltgeschichte im Schnelldurchgang verstreicht in anderthalb Stunden und ist voller Widersprüche: Macht und Täuschung, Aufstieg und Verfall, Sklaverei und Unterdrückung, Triumphe und Niederlagen, Findigkeit versus Leichtfertigkeit. Der Mensch als Spielball des Schicksals und Herrscher mit pragmatischer Lebensauffassung und geschliffenem Geist. Vandekeybus übersetzt all dies verwegen und intuitiv, stark, geschmeidig in rasantem Tempo. Im Tanz und in der Bewegungssprache schöpft er aus anderen Kulturen, die fragmentarisch vorbeigehen: Capoeira, Tai Chi, indische, griechische und russische nationale Tanzstile werden zu einem Muster zusammengefügt. Was mit dem Bildmaterial passiert, ist verblüffend und faszinierend. Ein Bombardement aus Bild, Musik, Tanz, vollständig aufeinander abgestimmt und feinabgestimmt mit einem großartigen Gespür für Raum in einem Getriebe aus Energie und Synergie. Die Welt von damals und heute gespiegelt und transformiert. Auch der Beitrag von Trixie Whitley, am Schlagzeug, an der Gitarre oder als Gatsby-Figur aus den Roaring Twenties mit einem alten Mikrofon in Gesangskurven, die auf und ab gehen, gibt der Inszenierung zusätzliche Substanz und Tiefe. TrapTown ist auf allen Ebenen ein Hochflieger, nicht nur als Multimedia-Kunstwerk, sondern auch das, was die Tänzer mit halsbrecherischen Kunststücken leisten, ist fabelhaft, und die Musik, die das Ganze in einem energetischen Spiel voranbringt. Dieses Gleichgewicht erfordert ausgewogene gegensätzliche Kräfte. TrapTown ist eine Kreuzbestäubung verschiedener Kunstformen: Architektur, Wort, Film, Musik, Tanz ... die sich begegnen, gegenseitig verstärken und ein besprochenes Ergebnis mit atemberaubenden Momenten hervorbringen.
- WAS: TrapTown
- WER: Regie, Film und Choreografie Wim Vandekeybus, geschaffen mit und
- aufgeführt von Maria KO-legova, Tanja Marin Friõjónsdótter,
- Kristina Alleyne, Sade Alleyne, Kit King, Flavio d'Andrea,
- Alexandros Anastasiadis, Muffutau Yusef
- Text: Pieter de Buysser
- Musik: Trixie Whitley & Phoenician Drive
- Szenografie: Wim Vandekeybus & Gijs Van Varenbergh
- Kostümdesign: Isabelle Ihoas
- Sounddesign: Charo Calvo & Bram Moriau
- WEBSITE: www.ultimavez.be
- WO & WANN: Donnerstag 19. September im CC Westrand Dilbeek
- FOTOS: © Danny Willems und © Filip Claessens
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