Arte Amanti ist ein großes jährliches Kammermusikfestival, das sich von Flandern aus nun auch auf die Niederlande und Wallonien ausbreitet – mehr als fünfzig Konzerte in vier Monaten in Städten und Dörfern im ganzen Land. Treibende Kraft Reinhilde Leyers gelingt es bereits seit sechzehn Spielzeiten in Folge, große Namen zu verpflichten, immer in Kombination mit jungem Talent.
Ergreifender Pianist Steven Kleeven
In der Sint-Catharinakerk in Wachtebeke heute Abend erneut ein großer Name: der israelisch-amerikanische Geiger Asi Matathias, zusammen mit dem Pianisten Victor Stanislavsky, ebenfalls aus Israel. Jedes Konzert von Arte Amanti beginnt mit jungem flämischem Talent, oft Teenager, die die Chance auf der Bühne bekommen. Heute ist das Pianist Steven Kleeven, gerade achtzehn, aber er ist bereits seit Jahren im Arte Amanti Festival dabei. Ich hörte ihn 2019 als junger Junge. Inzwischen studiert er in Berlin bei Björn Lehman, das ist nur den Besten gegönnt. Bei der letzten Verleihung der Goldenen Labels unseres Magazins (2018) war er einer der jungen Talente.
Die erste Partita von Bach BWV 825 ist eine gewage Wahl. Er hätte das Publikum mit Liszt oder Rachmaninov verblüffen können, aber nein, er wählt helle Einfachheit und barocke Transparenz. Musik, in der man jede Unreinheit in Tempo und Phrasierung direkt hört. Er meistert das glänzend. Eine ergreifende Aufführung. Steven Kleeven, ein Name zum Merken.
Schüler von Zukerman
Dann kommt die große Artillerie auf die Bühne. Das ist etwas pompös ausgedrückt, aber gut gemeint. Geiger Asi Matathias ist ein Dreißiger, weltweit gepriesener Virtuose, bekannt für seinen kräftigen Ton. Mit vierzehn debütierte er mit dem Israel Philharmonic unter Zubin Mehta. Das will etwas heißen. Er ist ein Protegé des großen Pinchas Zukerman, das hört man. Ich folge Zukerman bereits seit vierzig Jahren, einer meiner Idole als Geigenschüler. Er war Schüler der legendären ungarischen Geigenpädagogin Ilona Feher in Tel-Aviv, die erzählt, dass er von allen ihren Schülern den schönsten Ton hatte. Mit zunehmendem Alter wurde dieser Ton bei Zukerman dicker und das Vibrato breiter. Das hört man auch im Spiel von Matathias. Von Zukerman hat Matathias auch die jungenhaft burschikose Panache. Chuzpe! Kühnheit und Mangel an Bescheidenheit, die Eigenschaft, in der so viele Flamen auszeichnen.
In der überbekannten zweiten Violinsonate von Brahms gibt es viele Passagen, in denen er diesen kräftigen, großen Ton zur Geltung bringen kann. Mit Pianist Stanislavsky bildet er bereits seit Jahren ein Duo, sie brauchen nur einen flüchtigen Blick aufeinander. Matathias spielt großartig, Stanislavsky spielt sublim. Nicht weniger bekannt ist die Violinsonate von César Franck. Spätere Romantik als Brahms, hier kann Matathias seinen expressiven Schwung noch stärker einsetzen. Als Dreißiger ist er noch relativ jung und voller Sturm und Drang. Die Intensität und das Eindringen in den Klangkörper der Violine, das hat er von seinem Lehrmeister Zukerman. Viele Geiger spielen auf den Saiten, er spielt in den Saiten.
Sie schließen mit der Zigeunerweisen von Pablo de Sarasate ab, ebenfalls wohlbekannt im virtuosen Repertoire. Bevor sie beginnen, wirft Matathias mit seinem verschmitzten Blick einen Blick ins Publikum. „Jetzt werde ich euch etwas zeigen", sieht man ihn denken, „wartet mal ein Bisschen, Wachtebeke". Ein Hauch von Fantasie und eine rhythmische Kapriole, Matathias gibt uns eine originelle Interpretation dieses hypervirtualosen Stücks. Keine fingerflinke und rasend schnelle Passage ist ihm zu schwer. Wie ein Matador geht Matathias gegen jede Schwierigkeit vor. Als Zugabe spielen sie noch Liebesleid von Kreisler, auch das war bei Zukerman eine Tradition.
Vibrato
Die ganze Zeit sehe ich hinter beiden Musikern Jesus von Nazareth hängen. Nach dem vorletzten Stück springt eine kleine Frau mit Kopftuch vor Begeisterung auf. Sie ist zu früh mit ihrem stehenden Applaus. Eine begeisterte Muslimin im Publikum, jüdische Musiker auf der Bühne, Christus am Kreuz im Hintergrund.
Kann ein Violinton zu groß sein? Kann ein Vibrato zu breit sein, denke ich danach. Manchmal klingt eine Violine für manche Ohren zu samtig, zu fettig. Als wäre zu viel Butter im Rezept des Brotes verwendet worden. Es ist Freitagabend, auf der weißen Tischdecke liegt das Challah, das geflochtene Sabbatbrot. Es schmeckt köstlich, aber heute Abend auch etwas zu samtig für mich. Mit dem kräftigen Ton klingt das breite Vibrato manchmal etwas wabberig.
Eigentlich mag ich lieber eine andere Intensität. Ich mag lieber den dünnen, sublimen, schillernden Ton von Heifetz oder Hirschhorn. Aber gut, heute Abend haben wir einen großen Virtuosen, ein Phänomen gehört. Asi Matathias, Schüler von Pinchas Zukerman, der seinerseits Schüler der berühmten Pädagogin Ilona Feher war. Feher bedeutet weiß im Ungarischen. Weiß, Farbe der Hoffnung. Damit schließe ich diese Rezension und Reflexion ab mit etwas Licht in der Dunkelheit. Frieden auf Erden.
- WAS & WER: Recital von Pianist Steven Kleeven, Pianist Victor Stanislavsky und Geiger Asi Matathias bei Arte Amanti
- WO & WANN: Sint-Catharinakerk, Wachtebeke, 22. März 2024
- FOTO: © WE/KC