Ab dem Moment, in dem Herbert Blomstedt sich am 16. April im Saal des Gewandhaus Leipzig niederlässt, verändert sich die Spannung im Raum. Nicht hörbar, nicht sichtbar in spektakulärer Weise, aber wie eine subtile Verschiebung im Zeitgefühl: als würde die Uhr ihre Zähne verlieren. Er sitzt dort einfach, fast zerbrechlich, und doch scheint in dieser Stille bereits etwas Unausweichliches beschlossen zu liegen. Was folgt, ist kein Konzert im klassischen Sinne, sondern eine Erfahrung, die das Zuhören selbst schärft.
Der Moment, in dem er die Vierte Symphonie von Anton Bruckner (1824-1896) einsetzt, ist das kleine Wunder, das man nicht suchen kann und das sich dennoch vollzieht, als wäre es schon immer so beabsichtigt gewesen. Die Musik beginnt nicht nur; sie entsteht, langsam, mit einer Selbstverständlichkeit, die nur möglich scheint, wenn jemand am Ruder steht, der nichts mehr beweisen muss.
In einem Gespräch in Paris vor vielen Jahren erzählte mir Blomstedt etwas, das an diesem Abend erneut in meinen Gedanken widerhallte: dass er für Bruckners Symphonien immer die Fassung wählt, die dem Hörer die meiste Erfüllung bringt. Nicht den musikologischen Sieg, nicht die historische Korrektheit als Dogma, sondern das Zuhören selbst als ultimatives Maßstab. Damals ging er bereits davon aus, dass viele Menschen ein solches Werk vielleicht nur einmal in ihrem Leben wirklich hören würden, und dass es deshalb „fertig" sein musste. Vollständig – nicht im Sinne von abgeschlossen, sondern von vollständig erfahren.
Heute Abend wählte er die von Korstvedt besorgte Fassung der zweiten Fassung von Bruckners „Romantische", eine Ausgabe, die ihm 2018 noch gewidmet wurde. Das Detail wirkt fast symbolisch: ein über Neunzigjahriger, der eine neue Lesart von Bruckner in die Hand nimmt, nicht aus Nostalgie, sondern aus neugieriger Hinwendung. Bemerkenswert war dabei etwas, das sofort deutlich wurde: Wenn man ihn kennt, weiß man, dass er normalerweise Bruckner ohne Partitur dirigiert. Heute Abend lag sie auf dem Pult. Manchmal blätterte er mehrere Seiten gleichzeitig um, mit einer Art bedachtsamer Effizienz, aber bei jenen Passagen, in denen wesentliche Unterschiede im Text lagen, sah man ihn sich verändern. Sein Blick wurde schärfer, seine Aufmerksamkeit konzentrierter, und seine Gesten bekamen eine fast greifbare Präzision. Als würde er nicht nur dirigieren, sondern wiederfinden.
Die Aufführung selbst verlief etwas langsamer als das, was ich ihn früher realisieren hörte, zum Beispiel mit den Wiener Philharmonikern oder dem Koninklijk Concertgebouworkest in Bruckners Vierter. Aber dieses „langsamer" ist hier ein irreführendes Wort. Es ging nicht um Verzögerung, sondern um Verbreiterung. Der Raum wurde größer, die Resonanz tiefer. Und vielleicht ist das genau das, was eine neue Ausgabe mit einem 98-jährigen Dirigenten bewirken kann: Das Tempo wird kein Ziel an sich mehr, sondern eine Folge der Aufmerksamkeit.
Was mich besonders traf, war, dass die Musik nie schwerfällig wurde. Im Gegenteil: Sie drang nach innen, nicht nach außen. Jede Klangschicht wurde ihres äußeren Gewichts entledigt, um bis auf den Grund durchleuchtet zu werden. Es ist keine Frage von Autorität oder Abrundung, sondern von Zuhören, das sich immer weiter öffnet, als wäre unter jeder Schicht noch etwas anderes hörbar. Blomstedt gräbt weiter, als würde in jeder Partitur noch eine Schicht verborgen liegen, die nur ihm erscheinen will. Nicht für Effekt, nicht für Demonstration, sondern für Offenbarung.
Was sich so entfaltete, war nicht Bruckner als Monument, sondern Bruckner als atmendes Organismus. Manchmal fast unmerklich geformt durch eine einfache Handbewegung, eine Fingeranzeigung, die ausreichend war, um eine ganze Klangwelt zum Kippen zu bringen. Das Gewandhausorchester reagiert darauf nicht als ein Instrument, das gespielt wird, sondern als ein Körper, der sich mit einem inneren Puls mitbewegt, den er bereits kennt. Es gibt ein gegenseitiges Vertrauen, das nicht mehr ausgesprochen werden muss.
Und dann ist da jenes Paradoxon, das sich nicht auflösen lässt, aber durchaus erleben lässt: ein Dirigent, der die Partitur erneut öffnet, während er gleichzeitig aus einem Gedächtnis zu dirigieren scheint, das weiter reicht als Papier. Die Blätter werden umgeblättert, aber die Musik scheint schon lange in ihm in ihrer endgültigen Form vorhanden gewesen zu sein.
Was danach übrig bleibt, ist keine Sensation, sondern eine stille Klarheit. Als wäre etwas im Raum zurückgelassen worden, das nicht sofort verschwindet. Blomstedt zeigt keine Nostalgie, keinen Rückblick, sondern eine außergewöhnliche Form von Präsenz. Er versetzt Bruckner nicht in die Vergangenheit, sondern in ein zeitloses Jetzt, in dem das Zuhören selbst zur wichtigsten Geste wird.
Vielleicht liegt darin genau das eigentliche Wunder dieses Abends: nicht, dass ein 98-jähriger Dirigent noch immer auf der Bühne steht, sondern dass er die Musik so vollständig atmen lässt, dass Alter, Zeit und Geschichte ihre Macht verlieren. Als würden sie gerade keine Rolle mehr spielen. Was übrig bleibt, ist Klang, klar und befreit von allem, was außerhalb liegt.
Und vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis dieser Aufführung von Bruckners Vierter: dass sie nicht klingt wie ein Monument, das man besucht, sondern wie eine Landschaft, in der man verweilen darf. Nicht etwas, das sich aus der Ferne zeigt, sondern etwas, worin man aufgenommen wird, ohne dass es sich aufdrängt.
In dieser Landschaft steht Herbert Blomstedt mit einer selbstverständlichen Ruhe. Ohne Nachdruck, ohne Geste, die Aufmerksamkeit beansprucht, lässt er die Musik einfach bestehen. Und genau dadurch wird alles größer: jede Linie, jeder Atemzug, jede harmonische Verschiebung bekommt Raum zu sprechen, ohne dass sie in die Richtung von Effekt gelenkt wird.
Was übrig bleibt, ist keine Schlussfolgerung, sondern Nachglanz – eine Stille, in der noch etwas von der Musik präsent bleibt, ohne sich noch auszusprechen.
„Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen." (Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre)