Wie würden Chopins Meisterwerke klingen, wenn wir sie so aufführen würden, wie der Komponist sie wirklich beabsichtigte? Eine bahnbrechende neue Kickstarter-Kampagne behauptet, dass wir jahrzehntelang falschen Interpretationen gelauscht haben.
Die klassische Musikwelt steht im Begriff, eine faszinierende Wendung zu nehmen. Ein neues Projekt, das über Kickstarter gestartet wurde, stellt eine provozierende Frage, die Generationen von Pianisten und Publikum zum Überdenken bringen könnte: Was wäre, wenn unsere geliebten, rasend schnellen Interpretationen von Chopins Werken uns genau davon abhielten, das zu hören, was der Komponist wirklich beabsichtigte?
Die 5-CD-Box, aufgeführt vom italienischen Pianisten Alberto Sanna auf einem historischen Fortepiano, verspricht, Chopins Klaviermusik in den ursprünglichen Tempi zu präsentieren, wie sie in seinen Partituren angegeben sind. Aber es geht hier nicht um eine einfache Verlangsamung bekannter Werke – das Projekt basiert auf einer revolutionären Neuinterpretation, wie metronomische Angaben im 19. Jahrhundert gelesen werden sollten.
Das Metronom-Rätsel
Das Herz dieses Projekts liegt in dem, was die Macher „Whole Beat Metronome Practice" (WBMP) nennen. Nach ihrer Forschung wurden metronomische Angaben im 19. Jahrhundert nicht als einzelne Ticks gelesen, sondern als Pendelschwünge – eine Interpretation, die die Tempi effektiv halbiert und physikalisch unmögliche Geschwindigkeiten in musikalisch ausdrucksstarke Aufführungen umwandelt.
„Viele metronomische Angaben des 19. Jahrhunderts sind nicht nur schnell – sie sind physikalisch unspielbar, selbst für die besten Pianisten der Welt", erklärt Wim Winters. „Das Aufrechterhalten von 15 Noten pro Sekunde und mehr ist keine Frage von Disziplin oder Talent – es ist eine Frage der Physiologie."
Dieser Ansatz eröffnet nach Ansicht der Macher eine ganz neue Klangwelt, in der Chopin nicht als technisches Spektakel erscheint, sondern als tiefgründiger Dichter von Zeit und Atem. In diesem Video beantwortet Wim Winters die am häufigsten gestellten Fragen zum Projekt.
[embed]https://www.youtube.com/watch?v=b2peYuUlZwk[/embed]Drei Säulen der Authentizität
Das Projekt ruht auf drei Fundamenten, die zusammen ein neues Hörerlebnis schaffen sollen. Neben der überarbeiteten Tempo-Interpretation verwenden die Musiker auch „originales Rubato" – wobei die linke Hand strikt im Takt bleibt und Ornamentik nur dort stattfindet, wo Chopin sie notiert. Darüber hinaus verwenden sie genau die Pedalmarkierungen, wie Chopin sie geschrieben hat, etwas, das nach Aussage des Projekts noch nie zuvor in der Aufnahmegeschichte getan wurde.
Alberto Sanna, der Pianist hinter diesen Aufnahmen, kam zu diesem Projekt, nachdem er ein Video von Wim Winters über Chopin gesehen hatte. Er war so inspiriert von der Tempo-Recherche, dass er am nächsten Tag einen Flug von Los Angeles nach Belgien buchte, um mehr zu erfahren. Dieses Treffen führte zu einer künstlerischen Zusammenarbeit, die auf historischer Aufführungspraxis basiert.
Das historische Instrument
Die Aufnahmen entstehen auf einem 6-Oktaven-Fortepiano, das 2019 vom belgischen Instrumentenbauer Joris Potvlieghe gebaut wurde, basierend auf einem Originalinstrument von Johann Fritz aus Wien (1816). Dieses Instrument wurde speziell für dieses Tempo-Projekt entworfen und bietet nach Aussage der Macher eine außergewöhnlich klare und singende Oberstimme, die für die Vermittlung von Chopins musikalischer Sprache essentiell ist.
Die Wahl eines Wiener-Instruments ist kein Zufall. Obwohl viele Hörer Chopin mit französischen oder späteren romantischen Pianos verbinden, wuchs er mit Wiener Instrumenten auf, die sein Verständnis von Klang, Balance und Artikulation prägten.
Was zu hören ist
Die Box enthält fünf CDs mit einer breiten Auswahl von Chopins Klavierwerken: die vollständigen Études Op. 10 und 25, die vier Scherzi, die vier Balladen und die 24 Preludes Op. 28. Für Werke ohne metronomische Angaben wandten sich die Macher an Theodor Kullak, einen der führenden Schüler Czernys, dessen Tempoangaben durchgehend mit Chopins eigener Geschwindigkeitsempfindung übereinstimmten.
Bemerkenswert ist der Aufnahmeansatz: Die Musik wird im Authentic Sound Studio mit einem vollständig restaurierten Studer A80-r-Spulentonband-Recorder von 1981 festgehalten, gewählt wegen seines einzigartigen räumlichen Charakters und seiner Wärme. Dieser minimalistische, analoge Prozess spiegelt nach Aussage der Macher den Geist des Projekts wider: einfach, fokussiert und rein.
Hören Sie hier einen Auszug aus: 12 Études, Op. 10 [audio mp3="https://klassiek-centraal.be/wp-content/uploads/2025/06/Excerpt-op10.mp3"][/audio]Zukunftspläne
Dieses Chopin-Projekt ist das erste Volumen in einer möglichen mehrteiligen Erkundung seiner Klaviermusik. Pianist Sanna konzentriert sich derzeit auf die Vollendung seines Beethoven-Zyklus, aber bei außergewöhnlicher Unterstützung würde die Produktion von Band 2 der Chopin-Serie 2027 Priorität erhalten.
Ein besonderer Ausblick ist die geplante Restaurierung eines originalen Pleyel pianino aus 1838 – das gleiche Modell, das Chopin bei sich hatte auf Mallorca, wo er die Preludes komponierte. Wenn die Finanzierung klappt, würde dieses historische Instrument für eine neue Aufnahme der Preludes verwendet, was sie in die genaue Klangwelt zurückbringen würde, in der sie entstanden.
Ob dieses Projekt unsere Wahrnehmung von Chopin tatsächlich verändern wird, bleibt abzuwarten. Aber es bietet eine faszinierende Gelegenheit, wiederzuentdecken, wie einer der größten Komponisten der Welt seine Musik wirklich klingen lassen wollte.