Sonatas Op. 78 & Op. 110 | French Suite BWV 816 | Fantasies Op. 116
Georg Kjurdian
- Label
- Challenge Classics
- Katalognummer
- CC 72937
- EAN / Barcode
- 0608917293708
- Erscheinungsdatum
- 2 Februar 2023
Eine Tonaufnahmesitzung in einem Tonstudio ist für einen Musiker ein ganz besonderes Erlebnis. Man sitzt sich in einem riesigen Raum vor einem Flügel gegenüber, mit einer Partitur auf einem Notenständer (oder verstreut auf dem Boden). In einem winzigen Raum daneben sitzt der Tonmeister, der den ganzen Prozess leitet und durch die Lautsprecher ab und zu einen witzigen, ermutigenden Kommentar einwirft. Draußen ist es Oktober, und in der alten Abtei Marienmünster ist es sehr ruhig. Man kann sich kaum bessere Bedingungen vorstellen, um allein, sozusagen in „tête-à-tête", mit sich selbst zu sein. Und in dieser Situation, die sich so gut dazu eignet, alles Schönste und Intimste zum Ausdruck zu bringen, könnten mir die Namen von keinen anderen Komponisten in den Sinn kommen als die jener Männer, deren Werke auf dieser CD zu hören sind. Bach, Beethoven und Brahms: die Komponisten, die in der deutschsprachigen Welt oft als „die drei großen B" bezeichnet werden. Die Figuren, die mich mein Leben lang begleitet haben. Die beiden Außenseiten dieser CD bilden sozusagen Beethovens Sonaten op. 78 und op. 110. Die zweisätzige Sonate op. 78 ist das erste Werk von Beethoven, das ich je studiert und einstudiert habe, damals noch als Schüler meines Gymnasiums mit Musikschwerpunkt in Riga. Heute, nach mehr als zehn Jahren, erscheint mir Beethovens op. 78 als noch extremeres Werk als damals. Sie ist ungewöhnlich kurz für eine Sonate, mit einem lyrischen ersten Satz und einem launischen zweiten, dessen Humor den Rand des Schicklichen fast zu überschreiten droht. Beethovens op. 110 ist ein Werk von ganz gegensätzlicher Natur. Man wird in ihren vier Sätzen jeweils mit vier verschiedenen Welten konfrontiert: einer lyrisch-operativen Welt im ersten; einer groben, turbulenten im zweiten; einer verzweifelt tragischen im dritten; und schließlich einer versöhnten Welt im vierten. Bachs kleine Präludium in C-Dur war das Stück, das mich wirklich zu der definitiven Entscheidung bewegte, Pianist von Beruf zu werden. Seine Französische Suite Nr. 5 in G-Dur (BWV 816) ist eine von Bachs lebendigsten und am optimistischsten klingenden Kompositionen. Aus heutiger Perspektive betrachtet, stellt die Suite eine Art musikalischer Rundgang durch Europa dar. Am Ende dieser Suite hat der Hörer das Gefühl, dass er einen kurzen Urlaub in jedem einzelnen europäischen Land verbracht hat und einen Sinn und Geschmack für die verschiedenen Temperamente, Düfte und Rhythmen eines jeden bekommen hat. Mit 16 Jahren war Brahms einer meiner größten Favoriten geworden. Ich hegte solch eine Verehrung für ihn, dass ich es jahrelang nicht wagte, seine Werke zu erlernen oder zu spielen. Ich begann damit erst mit 22 Jahren. Die 7 Fantasien (op. 116), die ich auf der CD präsentiere, wurden 1892 komponiert. Das bedeutet, dass sie zu jenen Spätwerken von Brahms zählen, in denen er viel mehr Aufmerksamkeit auf das Arbeiten in kleineren Formen legte, aber auch darauf, in diesen Formen eine äußerst intime und intensive Form der Selbstaussprache zu erreichen. Der vorliegende Zyklus besteht aus 3 Capriccien und 4 Intermezzi. Die Capriccien machen einen virtuosen und extroventierten Eindruck; die Intermezzi dagegen den Eindruck extremer Lyrik und Melancholie. Im Falle von Op. 116 sind es die 4 Intermezzi mit ihrer enormen inneren Kraft und melancholischen Atmosphäre, die den emotionalen Kern des Zyklus bilden.
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