Vor dreiundsiebzig Jahren, am 15. Januar 1948, organisierte Sara Huysmans die alleresten Belgischen Nachmittagskonzerte auf dem Brüsseler Kunstberg nach Londoner Vorbild. Sie war die Tochter des Politikers Camille Huysmans und Marthe Marie Catherine Espagne und erhielt ihre Ausbildung unter anderem am King's College London. Eine leidenschaftliche, engagierte Dame, die auf kulturellem Gebiet Maßstäbe setzte. Die ursprüngliche Absicht war es, das Publikum aufzuheitern und die entsetzlichen Kriegsjahre mit Schönheit zu bekämpfen.
Rückblick und Ausblick
Die Organisation blickt mittlerweile auf eine schöne Strecke von 75 fruchtbaren Jahren zurück. Es ist Zeit, einen Blick zurückzuwerfen und das neue Jahr beharrlich und kompetent mit funkelnder Musik einzuleiten und vor allem: die Tradition fortzusetzen. Die Zeiten ändern sich und die Programmatoren spielen darauf an und bringen einen frischen Wind. Sie schlagen eine Brücke zwischen Stilen, Temperamenten und Generationen.
Ein Nachmittagskonzert ist für die vielen Pendler, die während ihrer Mittagspause in Brüssel arbeiten, eine willkommene Unterbrechung des Alltags. Für musikliebende Senioren fühlt sich ein Konzertbesuch zur Mittagszeit sicherer an, als am Abend noch unterwegs zu sein. Menschen mit viel Zeit können es mit einem Tag voller Streifzüge durch die Hauptstadt verbinden.
Am Sonntag, 15. Januar, stehen insgesamt drei Konzerte im Programm im MIM und der KMSKB.
Klassiek Centraal führte ein Gespräch mit einem der Programmatoren: Dirk Vermeulen
-75 Jahre Nachmittagskonzerte zum Zurückblicken und immer noch alive and kicking.
D.V.: Alive and kicking in der Tat. Es ist äußerst wichtig, dies tun zu können. Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, Mitglied des Verwaltungsrats zu werden und die Programmation zu übernehmen. Das habe ich mit großem Vergnügen angenommen, da „Kammermusik" mein ganzes Leben lang eine immense Leidenschaft für mich ist. Ich war zwanzig Jahre lang Kammermusikdozent. Diese Verflechtung und Kampfbereitschaft ist auch heute noch vorhanden. Es ist das Schönste, was es gibt. Natürlich mache ich das nicht allein. Es gibt über 20 Konzerte pro Saison. Um diese zu organisieren, Musiker zu kontaktieren… das erfordert enorm viel Zeit. Es gibt einen Zustrom von Anfragen. Mit anderen Worten: Wir merken einen enormen Bedarf an Auftritten bei jungen Musikern. Um das zu bewältigen, wollte ich jemanden hinzuholen. Ich habe das Guy Van Waas gefragt, einem Kollegen Dirigent/Komponist/Klarinettist, einem sehr begabten Kerl. Wir machen das zusammen. Es ist eine Doppelposition.
-Nach Corona den Faden mit dem Publikum wieder aufzunehmen ist nicht selbstverständlich!
D.V.: Das ist in der Tat nicht einfach. Unsere größte Sorge ist jedoch, dass wir ein überwiegend älteres Publikum haben. Früher bekamen wir vor allem berufstätige Menschen zu Besuch, die während ihrer Mittagspause ein Konzert mitnahmen. Die große Herausforderung jetzt ist, unser Publikum zu verjüngen.
-Wie geht ihr das an: Jungen Musikern eine Plattform zu bieten oder ein anderes Repertoire zu erschließen?
D.V.: Daran arbeiten wir intensiv. Wir versuchen auch, die Konservatorien einzubeziehen. Es gibt allerlei junge Talente. Das überwiegend klassische Programm von früher versuchen wir jetzt für andere Genres zu öffnen, unter anderem mit Jazz mit dem Toppilanisten Erik Vermeulen. Er wird mit einem Trio auftreten. Wir haben die preisgekrönte Akkordeonistin Sara Salverius. Wir lassen allerlei andere Genres auf das Publikum los. Nicht nur Schumann und Brahms, sondern auch zeitgenössische Komponisten. Wir müssen immer mehr experimentieren und auch die Studenten der großen Konservatorien, die in Reichweite des MIM liegen, motivieren zu kommen. Es ist ein altes Leid, dass Studenten offenbar ihre Kollegen nicht anfeuern. Das ist ein sehr eigenartiges Phänomen. Als ich Dozent in Brüssel war, musste ich Himmel und Erde bewegen, um gemeinsam Konzerte zu organisieren. Wie dieses Phänomen zu erklären ist, da sollte ein Doktorandenstudent mal einen Vortrag darüber halten. Ich kann nur rätseln, warum junge Menschen sich gegenseitig nicht in großer Zahl anfeuern. Das macht mich ehrlich gesagt traurig.
-Sonntag, 15. Januar werden die 75 Jahre mit „Pomp and Circumstance" gefeiert mit nicht weniger als drei Konzerten.
D.V.: Ich wollte unbedingt einen alten Freund von mir einbeziehen: Jozef De Beenhouwer, ein unvergleichlicher Pianist des Repertoires des 19. Jahrhunderts. Er hat auch jahrelang die Programmation der Nachmittagskonzerte geleitet. Das war für mich der Grund, ihn zuerst für das Konzert um 11 Uhr im MIM auftreten zu lassen. Er bringt wunderbare Werke von Clara und Robert Schumann, Brahms, Chopin und Lodewijk Mortelmans.
Ich beschreibe sie als „drei junge Fohlen" Myriam Ayari / Matthieu Normand / Nicolas Collinet, das Orchester de poche MNM Trio, sie setzen um 14:30 Uhr die Festivitäten fort und präsentieren Sechshändig-Klavier. Das wird sehr spielerisch sein. Drei junge Menschen, weil ich wirklich finde, dass es Kontraste geben muss. Wir haben den älteren, wirklich erfahrenen Musikanten mit einer Karriere von mehr als vierzig Jahren und junge Instrumentalisten, die gerade um die Ecke lugen. Das wird ganz sicher fantastisch. Um 16 Uhr gibt es das Abschlusskonzert im KMSKB mit dem selten aufgeführten Septett von Beethoven, das von sieben Musikern gebracht wird, die ausnahmsweise gemeinsam die Bühne betreten. Warum? Nun, wir haben in den Archiven entdeckt, dass das allererste Konzert der Middagconcerten in Brüssel im Januar 1948 genau dieses Stück mit sieben Top-Musikanten aufgeführt wurde. Das ist wirklich ein Kreis, der sich schließt.
-Mit welcher Frequenz werden die Middagconcerten angeboten.
D.V.: Wöchentlich am Donnerstag im Musikinstrumentenmuseum (MIM).
-Das ist etwas indiskret, aber wie werden die Konzerte finanziert.
D.V.: Wir sind hinter den Kulissen mit dem Verwaltungsrat alle Kanäle am Aktivieren. Die Kontakte zu den Brüsseler Behörden, der flämischen und der wallonischen Verwaltung waren alle ein bisschen eingetrübt. Die Nationale Lotterie hilft uns auch ein wenig weiter. Wir müssen wirklich mehr Handlungsspielraum bekommen. Wir tun nichts anderes, als unsere Musikanten unterdurchschnittlich zu bezahlen. Dennoch bleiben sie massenhaft bereit zu kommen und zu spielen. Auch die Top-Musikanten des Beethoven-Konzerts mit einer beeindruckenden Bilanz: Tatiana Samouil – Violine, Tony Nys – Bratsche, Karel Steylaerts – Cello, Adrien Tyberghein – Kontrabass, Jean-Marie Charlier – Klarinette, Luc Loubry – Fagott & Fagott, Jean-Pierre Dassonville – Horn.
-Die Middagconcerten finden zu einem demokratischen Preis statt.
D.V.: Wochentags € 12 und das Feiertagsprogramm € 20 für das gesamte Programm JUBILE75.
-Sind alle Tickets bereits vergriffen?
D.V.: Noch nicht. Interessierte können jederzeit auf unsere Website gehen für mehr Informationen und sind herzlich willkommen.
PRAKTISCHE INFORMATIONEN | JUBILE75
DATUM: 15. Januar 2023
PROGRAMM:
11:00 — Klavierrecital | MIM | € 10 (-26 Jahre: € 5 / Abonnement: kostenlos)
14:30 — MNM Trio | MIM | € 10 (-26 Jahre: € 5 / Abonnement: kostenlos )
16:00 — Beethoven | KMSKB | € 20 (-26 Jahre: € 10)
ADRESSEN:
Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Regentschapsstraat 3, Brüssel
Muziekinstrumentenmuseum, Hofberg 2, Brüssel