Memento Mori, gedenk dat je zult sterven, forms het sluitstuk van een drieluik In Memoriam (2004) en Mea Culpa (2006) rond het thema Verlies. Die eeuwenoude Latijnse uitdrukking werd het uitgangspunt voor een introspectieve voorstelling, die afgelopen zaterdag via streaming kon worden bijgewoond.
Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui ist ein kultivierter Künstler mit einer ganzheitlichen Sicht auf die Welt. Seine Mission manifestiert sich auf philosophischer und existenzieller Ebene. Er hält inne und blickt auf die uns umgebende Welt: er hört zu, beobachtet, analysiert, reflektiert. Diese Aufführung dreht sich um die Flüchtigkeit des Lebens und die Frage, was nach dem Tod bleibt. Der russisch-amerikanische Schriftsteller Vladimir Nabokov beschrieb unsere Existenz treffend: "Un éclair entre deux éternités", ein Seufzer zwischen zwei Ewigkeiten. Die Nichtigkeit der menschlichen Existenz gegenüber der kosmischen Realität. Merkwürdig, aber wahr: Nabokov starb 1977 an den Folgen eines Virus. Das Nachdenken über den Tod weckt das Bewusstsein, dass er uns begleitet von unserem ersten Schrei bis zu unserem letzten Atemzug. Diese ständige Präsenz macht unser Leben zu einem großen Mysterium. Wir blicken auf den Tod als massive Finsternis. Alle großen Fragen im Leben können nicht beantwortet werden, wir können nur danach raten. Memento Mori wird hier nicht in negativer oder fatalistischer Weise interpretiert, sondern um das Leben zu feiern und wachsam für Leere zu sein.
Neufassung für Ballet Vlaanderen
Cherkaoui schuf dieses Werk 2017 für Les Ballets de Monte Carlo und bearbeitete es 2018 für Ballet Vlaanderen. Der Kreis ist ein wichtiges Element in dieser Aufführung. Etwa wie ein Priester am Grab sagt: "Staub bist du und zu Staub wirst du zurückkehren." Der Kreislauf, oder der Kreis des Lebens. Über den Tänzern schwebt ein Lichtring, der aus drei Elementen besteht: groß, kleiner und ein winziger Kern, die sich unabhängig voneinander bewegen können. Ringe, die direkt über den Tänzern hängen oder schräg kippen wie ein Vordach. Manchmal wirkt es wie eine Aureole, ein andermal wie ein Raumschiff. Cherkaoui verbindet in dieser Aufführung verschiedene Tanzstile. Er lässt klassisches Ballett mit Tango, Hip-Hop und seiner äußerst individuellen fließenden zeitgenössischen Tanzsprache in einer ausgeprägten Soundscape des französischen Popkünstlers und Multi-Instrumentalisten Woodkid konfrontiert werden. Seine Percussion inspiriert zu schnellen Spitzentechniken und militärischen Formationen, bei denen die Tänzer in strafferem Glied über die Bühne marschieren. Die Aufführung ist in einer fragmentarischen Erzählstruktur aufgebaut.
Die Besetzung ist groß: Mit 10 weiblichen und 10 männlichen Tänzern schafft Cherkaoui nach der Energie und dem Rhythmus der Musik eine Welt, die sich ständig in Bewegung zu befinden scheint. Der klassische Stil wird mit der zeitgenössischen Idiomatik verflochten und zeigt die Virtuosität in der Vielfalt des Ballet Vlaanderen. Ein fließendes Universum, in dem sich die Formen, die Anzahl der Tänzer und die Bewegungsgeschwindigkeit ständig verändern. Die kontinuierliche Transformation und das Schalten von Gängen in einem Wirbel von Körpern, die wie Ebbe und Flut kommen und gehen. Alle paar Minuten Energiewechsel im Raum und auf dem Boden. Dann und wann finden sich ein Paar, aufgenommen in einer zärtlichen Umarmung. In dieser Pandemie, in der wir Abstand halten müssen, rührt das Bild eines Mannes und einer Frau, zweier Menschen, die sich in einer Umarmung vereinen, durch Einfachheit, Intimität und Wärme. Dagegen stehen Bilder einer technischen Komplexität, die beeindruckt. Körper, die ineinander greifen, übereinander überstürzen, hoch über den Köpfen getragen wie Friedensopfer oder die ruhige Wanderung zu einer letzten Ruhestätte, straffe Hebefiguren und ein beeindruckender Solo mit kraftvoller und katzenartiger Geschmeidigkeit aufgeführt von Nini De Vet. Auch die langsamen Bewegungen in der Solotänzerin von Primaballerina Nancy Osbaldeston haben nicht nur eine überwältigende Grandiosität, sondern auch zarte Anmut. Eine große Gruppenumarmung, die auseinanderfällt, gefolgt von Tänzerinnen, die rückwärts auf Spitzen gehen, sich in einer Reihe hintereinander aufstellen und mit ihren Armbewegungen das Bild der indischen Gottheit Shiva aufrufen. Der äußerste Ring senkt sich ganz auf die Spielfläche und wird zur Arena, in der die männliche Virilität den Akzent erhält, gefolgt von einem intimen klassischen Pas de deux zwischen Nancy Osbaldeston und Matt Foley, woraufhin nach einer Weile andere Paare hinzukommen. Eine Melodie inspiriert wieder zu straffen und schnellen Tango. Matt Foley erhält für sich allein die Bühne. Ein Tänzer, der durch seine Größe, Geschmeidigkeit und Sprungkraft immer beeindruckt. Die anderen Tänzer schließen sich wieder an und verschwinden in den Kulissen. Im Schlussbild bleiben nur noch zwei Tänzer übrig: Matt Foley und Nancy Osbaldeston. Sie werden gleichsam vom größten Ring aufgesogen.
Durch die Augen eines Kindes
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Cherkaoui schaltet im Laufe der Aufführung auch einen Sprechcor wie im alten Griechenland ein, in dem er seine Tänzer aus dem Werk von Michaël Pollan rezitieren lässt, der u.a. feststellt, dass wir das Leben unvoreingenommen durch die Augen eines Kindes sehen müssen.
Die Kostüme des Antwerpener Designers Jan-Jan van Essche sind überwiegend schwarz. Sie passen perfekt ins Bild und wölben sich manchmal in perfekten Kreisformen um die Körper. Die Szenografie wurde dem Architekten, Installationskünstler, Möbeldesigner und Maler Amine Amharech anvertraut. Das Ganze ist in diffuse Beleuchtung von Fabiana Piccioli gehüllt, eine besondere Farbgebung, die ständig eine andere Farbabstufung oder Intensität erhält, faszinierender als ein perfekter Farbton mit den drei leuchtenden Ringen darüber, die auch ein eigenes Leben führen.
Um dieses Ballett via Streaming optimal zur Geltung zu bringen, wurde darüber hinaus große Aufmerksamkeit auf die Bildmontage gelegt.
Sidi Larbi Cherkaoui verweilt in den höchsten Regionen der Kunstszene. Memento Mori ist abermals ein geschicktes Beispiel seines stilistischen Könnens, voller Verfeinerung und spezieller Effekte und Bewegungen, vermisst aber den genialen Glanz früherer Kreationen. Drehungen, Rhythmus und Geschwindigkeit, gesponnene Fäden in einem Geschichtennetz, sind die Hauptbestandteile. Zu Beginn der Vorstellung erklingen Kinderstimmen in 'Hello, from the children of planet earth', sie schließen auch Memento Mori ab. Der Kreislauf ist geschlossen.
WAS: Memento Mori
WER: Ballet Vlaanderen. Choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui; Musik: Woodkid; Szenografie: Amine Amharech; Licht: Fabiana Piccioli; Kostüme: Jan-Jan Van Essche; Tänzer: Nancy Osbaldeston, Matt Foley, Nini De Vet, Morgana Cappellari, Anaïs De Caster, Clàudia Gil Cabus, Ruka Nakagawa, Nicha Rodboon, Laurine Muccioli, Shelby Williams, Nicola Wills, Viktor Banka, Claudio Cangialosi, Giovanni D'Agati, Brent Danneels, Daniel Domenech, Mikio Kato, Philipe Lens, Shane Urton, James Waddell, Lateef Williams
GESEHEN: 6. Februar 2021, per Streaming
FOTOS: Filip Van Roe

