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A Gorgon's Lament: Medusa von Iain Bell & Lydia Steier

J
· 4 Min. Lesezeit
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A Gorgon's Lament: Medusa von Iain Bell & Lydia Steier
© Simon Van Rompay

Medusa lässt eine verlorene mythologische Frauenstimme wieder gerecht erklingen. Sie stellt die Frage: wer ist sie? Eine Frage, die wir uns ebenso auch bei einer Lucrezia (Borgia) oder einer Lucia (di Lammermoor) stellen können.

Iain Bell, Lydia Steier und De Munt bringen ihre eigene Medusa. Mehrere Fragen klangen an jenem Abend: "Warum braucht Medusa eine Stimme? Warum (schon wieder) eine mythologische Oper?". Hierbei frage ich mich, welche Saite berührt wird. Warum nicht? Geht es hier nicht gerade um die Frau und nicht "schon wieder" um den Mythos?

Medusa ist nicht nur eine neue zeitgenössische Oper, sondern auch ein Weg zu neuen Interpretationen und Charakteren. Bell & Steier blicken jedenfalls erfrischend weiter als der ursprüngliche – männliche – Mythos.

Who/what is (the) Medusa?

Der Medusa-Mythos ist allgemein bekannt. Viele Helden sterben zu ihren Füßen, bis Perseus sie besiegt. Aber, wer ist Medusa? In der Popkultur wird die griechische Mythologie manchmal zusammengefasst mit "Zeus/Poseidon/… begehrte die schöne x, mit allen Konsequenzen". Die Frau wird auf eine Requisite reduziert, die das Spiel in Gang setzt. Sie zahlt den Preis: sie verwandelt sich in eine Kuh (Io), einen Bären (Callisto) oder, im Falle von Medusa, in eine Gorgo mit Schlangenhaar und tödlichem Blick.

"We are filling in the dot dot dot after Poseidon sexually assaults Medusa," heißt es vom Team Bell and Steier. Medusa erforscht Schmerz und gemeinsames Trauma.1 Täuschen Sie sich nicht: Medusa ist eine Herausforderung zu übersetzen, weil der verborgene Kern um sexuelle Gewalt, Trauma und Ohnmacht kreist – etwas, das der ursprüngliche Mythos ignoriert. Bell und Steier legen bloß, was das Schicksal von Medusa wirklich bedeutet.

Sexuelle Belästigung und Missbrauch sind sicherlich nicht neu in der Operngeschichte (De Munts kommende Oper, die wiederkehrende Villalobos-Produktion von Puccinis Tosca, ist hier ein Beispiel dafür).2 Aber es sind oft Antriebskräfte, denen schnell oder sogar leichtfertig ausgewichen wird. Sind wir diese Mentalität nicht endlich überwunden? Medusa hat jedenfalls das Richtige erfasst.

"Sleep my starchild, sleep"

Wer Medusa (Sopran Claudia Boyle) sagt, sagt Perseus (Tenor Josh Lovell). Bell & Steier verweben ihre Mythen, ohne Medusas Geschichte zu verkürzen. Dies über ein melodisches Wiegenlied, das durch die Oper ein tragisches Leitmotiv bildet. "Sleep my starchild, sleep," singen sowohl Perseus' Mutter Danaë (Mezzosopran Marie-Juliette Ghazarian) als auch Pseudo-Mutter Medusa.

Die orchestrale Komposition ist ein drohendes, dissonant klingendes Husarenstück, das sich schwebend hinter diesem Leitmotiv ausstreckt. Die Oper beginnt mit einem unsichtbaren, unheilsvollen Geisterchor. Der Männerchor scheint für Poseidons (Bass Konstantin Gorny) drohende Absicht zu stehen. Bevor wir den grausamen Gott überhaupt sehen. Die Einflüsse von Richard Strauss' Elektra (1909) sind deutlich hörbar. Psychologie und Emotion erklingen in atonaler Dissonanz. Es ist frei von Melodie, es sei denn, es werden schmerzhaften Sehnsüchte angesprochen.

Diese wird abgelöst durch die verschlossene Frauenwelt, dargestellt durch Athenas Priesterinnenchor. Auch dieser ist grausam und verstört. Es ist hier, dass Gorny's Poseidon zuschlägt. Die Oper nutzt hierfür seinen kräftigen Bassbariton ausgezeichnet. Die Vergewaltigung von Medusa dauert kurz – banal kurz – im Vergleich zu den kommenden Folgen. Die erbarmungslose Athena, beeindruckend umgesetzt durch Sopran Mary Elizabeth Williams, wütet mit einer stahlharten Flut von Klängen gegen ihre Priesterinnen. Die finnische Sopranistin Anu Komsi (High Priestess) setzt mit ihrer hellen Stimme die wahnhaften Folgen ihres Versagens in Szene. Wahnsinn, Wut und nicht das Geringste an Mitgefühl für "die Hure", die Athenas Tempel entehrt hat. Medusa verwandelt sich: ihre Identität wird ihr genommen.

Akt zwei ist eine Introspektive. Die Frau Medusa existiert nicht; sie ist ein Monster. Umgeben von ihren Gorgo-Schwestern (Mezzosopran Paula Murrihy als Euryale und Sopran Angela Denoke als Stheno) fühlt sie sich verstört. Ihre süße Stimme ist durch einen verzweifelten Ton ersetzt worden. Kurze melismatische Abschnitte greifen fragmentiert auf verrückte Belcanto-Szenen wie in Donizettis Lucia di Lammermoor (1835) zurück. Das tragische, aber auch ergreifende Duett zwischen Medusa und "dem Sternenkind" Perseus offenbart die Sehnsucht, mit der sie sterben möchte: ihre eigenen (Familien-)Träume, die ihr brutal genommen wurden.

Mit Medusa berühren Bell, Steier und De Munt etwas zutiefst Integres. Es ist eine Produktion, die man sehen muss, sowohl wegen des Themas, der Komposition als auch der talentierten Besetzung. Ich habe Bell die Frage gestellt: "Können wir mehr Frauen in der (Opern-)Geschichte ihre Stimme zurückgeben?" Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass Medusa sicherlich nicht das letzte Mal ist, dass wir diese Frauen hören werden. Lassen Sie uns anfangen, aber nicht enden, mit Medusa.

1 Dieser Abschnitt ist eine Paraphrase basierend auf dem Pressemoment mit Iain Bell und Lydia Steier. Dieses fand vor der Opernpremière am 05/05/2026 statt. 2 Die Opernproduktion von Giacomo Puccinis Tosca 2026 (17/06-01/07/2026) ist eine Wiederaufnahme von De Munts erfolgreicher Produktion von 2021. Die Regie liegt in den Händen von Rafael R. Villalobos.

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