Im Herbst 1996 wurde von der Österreichverein Servus anlässlich ihres 10-jährigen Jubiläums und der Feier des Millenniums Österreichs in Mechelen ein Haydn-Festival organisiert, das in den entferntesten Winkeln Flanderns großen Widerhall fand. Der überwältigende Erfolg veranlasste die damaligen Organisatoren, dieses Ereignis zu einer 2-jährlichen Tradition zu machen. Zu diesem Zweck wurde 1998 die Haydn-Gesellschaft Flandern in Mechelen gegründet.
'Amazing Haydn', geleitet von Alfons Deleus und seiner Ehefrau, ist eine kleine Freiwilligenorganisation, die seit 24 Jahren mit der Unterstützung der Stadt einen wichtigen Impuls für das kulturelle Leben in Mechelen gibt. Diese Ausgabe präsentiert vier herrliche Konzerte an ebenso herrlichen Orten: vier wunderbar restaurierte Kirchen, die Teil des reichen Mecheler Patrimóniums sind. Das zweite Konzert der Reihe in der Sint-Pieters-en-Pauluskerk war Wien, wie man es sich vorstellt.
Künstler: Lissy Quartett Wien
Dieses Quartett besteht aus vier Top-Musikern. Aus Faszination für den vergessenen Wiener Komponisten Joseph Mayseder gründete Raimund Lissy, Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, zusammen mit Kollege Robert Bauerstatter, Leiter der Bratschen der Wiener Philharmoniker, Maria Grün, Cellistin bei der Wiener Symphoniker und der Wiener Staatsoper, und der bulgarisch-Wiener Pianistin Srebra Gelleva, 2008 das Lissy Quartett. Mit dem Ziel, dem selten gespielten Repertoire von Joseph Mayseder einen „Boost" zu geben und es so häufiger in den Konzertsälen zur Aufführung zu bringen. Joseph Mayseder wird in diesem Konzert naturgemäß von Haydn flankiert, sowie von Mozart und Brahms. Dieses Quartett hier im Inland am Werk zu sehen, war eine Glücksgelegenheit. Sie treten hauptsächlich in Wien auf, wegen des äußerst vollen Terminkalenders sowohl der Wiener Philharmoniker als auch der Wiener Symphoniker.
Joseph Haydn (31 Mrz 1732 – 31 Mai 1809)
Klaviertrio in G Nr. 39 Hob. XV: 25 – Zigeunertrio
Es ist wohl eines der bekanntesten Klaviertrios von Haydn und wird manchmal „Gipsy Rondo-Trio" genannt, wegen des Finales im ungarischen Stil mit vielen Beschleunigungen und markanten Akzenten. Haydn wusste es besser: seine Notation „Rondo all'Ongarese" kam der ursprünglichen Quelle näher. Das war der Balkan, wo er als Kapellmeister des ungarischen Magnaten Esterházy ungarische Tänze sowie rumänische Bauernmusik und den kroatischen Tanz kolo kennenlernte. Haydn schöpfte gerne aus den kompositorischen Möglichkeiten. Neben dem Klavier machte er die Violine zu einem gleichwertigen Partner und das Cello zu einem bemerkenswerten Begleiter.
Wolfgang Amadeus Mozart (27 Jan 1756 – 5 Dez 1791)
Klavierquartett in Es, KV 493
Mozart schrieb nur zwei Klavierquartette. Es ist Mozarts Genie, das das Phänomen des Klavierquartetts so viel Glanz und Pracht verliehen hat. Er ließ sich nicht davon beeinflussen, was die breite Bevölkerung bewältigen konnte. Seine Zeitgenossen konnten die komplexe Struktur nicht würdigen. Heute bewundern wir den Reichtum und die Raffinesse. Der Komponist eines Klavierquartetts balanciert ständig auf der Grenze zwischen einer kammermusikalischen und einer orchestralen Einstellung und Musikform. Es ist nur den größten Komponisten gegeben, diese Balanceübung zu einem guten Ende zu bringen. Mozart realisiert einen echten Dialog zwischen den drei Streichinstrumenten und dem Klavier. Immer wieder werden wir überrascht durch die melodische und harmonische Erfindungsgabe, die starke Ausdruckskraft und die hohe Komplexität der Musik. Selbst die einfachste Wendung zeugt von seiner besonderen Großzügigkeit. Manchmal überschwänglich und dann wieder introvertiert.
Joseph Mayseder (27 Okt 1789 – 21 Nov 1863)
Souvenir à Baden, Konzertvariationen in E opus 63
Amazing Haydn hat sich auch zum Ziel gesetzt, Kompositionen weniger bekannter Komponisten zu programmieren. Joseph Mayseder, die eigentliche Überraschung dieses Konzerts, eine Entdeckung und eine Offenbarung. Für viele Menschen, auch für mich, ist oder war er eine illustre Unbekannte.
Joseph Mayseder, dieser gebürtige und getreue Wiener, begann in jungen Jahren, Violine zu studieren und wurde schnell als Wunderkind anerkannt und in Kontakt mit den berühmtesten Violinisten und Lehrern gebracht. Was er in seinem Leben als ausführender Solist, Lehrer und Komponist leistete, ist erstaunlich. Während seines Lebens erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Doch geriet er in Vergessenheit, verschwand in den Falten der Musikgeschichte.
Die Wiederentdeckung von Mayseder ist auf das Konto von Raimond Lissy zu schreiben. „Souvenir à Baden", Konzertvariationen in E opus 63, beweist die ungebrochene Vitalität seiner Musik. Dieses Werk beginnt mit einer fachmännisch komponierten virtuosen Passage für Violine. Es muss zu seiner Zeit kühn und experimentell geklungen haben. Überraschend gelungene Musik, jeder Instrumentalist bekommt seinen Moment, um zu glänzen. Sechs herrliche Variationen, zusammen gut für zwanzig Minuten außergewöhnlich schöner Musik.
Johannes Brahms (7 Mai 1833 – 3 April 1897)
Klavierquartett Nr. 3 in c opus 60 „Werther"
Der schwerste Brocken wurde für das Ende reserviert. Das Klavier spielte eine große Rolle in Brahms' Werk. Er war übrigens ein großer Bewunderer von Haydn. Er begann dieses Klavierquartett 1855 und vollendete das Werk erst zwanzig Jahre später. Eine gediegene, geladene und gequälte Komposition. Der Titel verweist auf Die Leiden des jungen Werthers von Goethe. Werther muss seine Liebe zu Lotte mit seinem Freund Albert teilen und sieht nur einen Ausweg: sich durch den Kopf zu schießen. Brahms, der ein gebildeter Mann war, sah hinter den Namen Lotte, Albert und Werther zweifellos Clara und Robert Schumann und sich selbst. Er hatte eine lebenslange, aber ungewöhnliche Beziehung zu Clara. Er spürte einen starken Konflikt zwischen der Liebe zu Clara, seinem Respekt vor ihr und seinem Freund Robert, weshalb er zu einem bestimmten Zeitpunkt auf Selbstmord anspielt. Die Auswirkung des Werkes war so groß, dass der Stadtrat von Leipzig ein Verbreitungsverbot erließ wegen der 'Aufstachelung zum Selbstmord'.
In diesem Klavierquartett kommt die ganze Tragik einer unmöglichen Liebe zum Ausdruck, das Turbulente und Gequälte. Es ist eine besonders gefühlvolle Cellostimme eingearbeitet. Nach der letzten Note ist es, um Luft zu schnappen und die Realität wiederzugewinnen.
Eine minutenlange lange Ovation belohnte die äußerst gelungene Interpretation des Lissy Quartett Wien.
WER: Lissy Quartett Wien (Raimond Lissy [Violine], Robert Bauerstatter [Bratsche], Maria Grün [Cello], Srebra Gelleva [Klavier])
WAS: Joseph Haydn – W.A. Mozart – Joseph Mayseder – Johannes Brahms
WO: Sint-Sint-Pieter-en-Paulkerk (Mechelen)
WANN: 2. Oktober um 15:00
noch auf der Agenda
WER: Damenquartett des Haydn Konservatoriums Eisenstadt, Veronika Oberleitner, Sonja Equiluz [Klarinette]
WAS: Joseph Haydn – W.A. Mozart – C.M. von Weber
WO: Kerk van onze-Lieve-Vrouw van Leliëndaal Bruul (Mechelen)
WANN: 9. Oktober um 15:00
WER: Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim
WAS: Antonio Rosetti – Joseph Haydn – Franz Anton Hoffmeister – Luigi Boccherini
WO: Sint-Janskerk (Mechelen)
WANN: 16. Oktober um 15:00